Nokia-Aktionäre erleben derzeit eine der schlimmsten Wochen seit über fünf Jahren. Der Titel schloss am Freitag bei 8,90 Euro, ein Minus von 2,39 Prozent an einem einzigen Tag. Auf Wochensicht steht ein Verlust von 18,31 Prozent zu Buche, über einen Monat sind es sogar 25,90 Prozent.
Der Ausverkauf trifft Nokia ausgerechnet kurz vor einem wichtigen Termin. Am 23. Juli 2026 legt der finnische Netzwerkausrüster seine Zahlen zum zweiten Quartal und zum ersten Halbjahr vor. Nokia hat dafür auch den Webcast-Termin verschoben: Die Präsentation beginnt nun um 15:00 Uhr finnischer Zeit und dauert rund eine Stunde, gefolgt von einer Fragerunde.
Ericssons Warnung wirkt nach
Ein Teil des Drucks kommt vom schwedischen Konkurrenten Ericsson. Das Unternehmen warnte vor steigenden Kosten für Speicherchips und kundenspezifische Halbleiter, getrieben durch die KI-Nachfrage. Die Ericsson-Aktie verlor daraufhin binnen drei Handelstagen 14,3 Prozent.
Die Zahlen dahinter sind ernüchternd. Ericssons Umsatz fiel im zweiten Quartal um 6 Prozent auf 52,7 Milliarden schwedische Kronen. Die bereinigte Bruttomarge legte zwar leicht auf 48,4 Prozent zu, doch das Management rechnet für das dritte Quartal weiterhin mit Druck auf die Netzwerk-Margen.
Für Nokia ist diese Warnung mehr als nur Branchenrauschen. Steigende Bauteilkosten könnten das Unternehmen treffen, noch bevor die Erlöse aus dem neuen AI-RAN-Geschäft überhaupt richtig fließen. Hinzu kommt: Nokias Bewertung liegt aktuell mehr als fünfmal so hoch wie die von Ericsson. Das erhöht den Rechtfertigungsdruck vor dem Bericht am 23. Juli erheblich.
Neue Technologie, alte Skepsis
Der Kursrutsch fällt in eine Phase, in der Nokia eigentlich einen technologischen Meilenstein feiert. Der Konzern hat nach eigenen Angaben die weltweit erste kommerzielle AI-RAN-Plattform vorgestellt. Sie verbindet Nokia-Software mit Nvidia-Technologie und soll den Umbau der Funknetzarchitektur einleiten.
In Tests zeigte die Plattform bereits eine Verbesserung der Spektraleffizienz um mehr als 20 Prozent. Bis 2027 peilt Nokia 50 Prozent an, bis 2028 sogar mehr als 100 Prozent. Trotzdem reagierte der Markt negativ: Am Donnerstag brach die Aktie um 7,2 Prozent ein, bei gleichzeitig deutlich unterdurchschnittlichem Handelsvolumen.
Interessant ist der Blick auf die Stimmung unter Privatanlegern. Auf der Plattform Stocktwits drehte das Sentiment rund um Nokia von „neutral“ auf „bullish“, das Nachrichtenvolumen stieg binnen einer Woche um 13,7 Prozent. Die Kluft zwischen Kursverlauf und Anlegerstimmung könnte kaum größer sein.
Charttechnik zeigt überverkauften Zustand
Der jüngste Absturz hat deutliche Spuren in der Charttechnik hinterlassen. Die Aktie notiert 25,57 Prozent unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 11,96 Euro und liegt 40,55 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 14,97 Euro vom 3. Juni. Der 14-Tage-RSI von 31,5 signalisiert einen überverkauften Zustand.
Die Einordnung zeigt aber auch: Trotz des Absturzes bleibt der Titel 15,30 Prozent über seinem 200-Tage-Durchschnitt von 7,72 Euro. Der Gewinn des laufenden Jahres ist also noch längst nicht aufgezehrt. Charttechnisch gilt die Marke von 10 Euro als wichtige psychologische Unterstützung, viele Trader sehen sie als nächsten Auslöser für weitere Bewegungen.
Die eigentliche Geschichte hinter den Kurszahlen ist eine andere. Analysten sehen bislang keine grundlegende Verschlechterung des operativen Geschäfts. Die Aufmerksamkeit hat sich verschoben: weg von der KI-Fantasie, hin zur Frage, ob Nokia sein Auftragswachstum tatsächlich in Marge und Cashflow übersetzen kann. Genau das dürfte am 23. Juli im Mittelpunkt stehen, wenn Ericssons Kostenwarnung noch frisch in den Köpfen der Anleger steckt.
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