Eine einzelne Verkaufsempfehlung reicht offenbar aus, um monatelange Analysten-Harmonie zu durchbrechen. Wells Fargo hat die Netflix-Aktie von „Equal Weight“ auf „Underweight“ gesenkt und damit als erstes Analystenhaus überhaupt zum Verkauf geraten. Vorher standen 35 Kauf- und 16 Halteempfehlungen zu Buche, keine einzige negative Stimme.
Nutzerengagement im Zentrum der Kritik
Analyst Steven Cahall stützt seine Herabstufung auf nachlassende Nutzerinteraktion, obwohl Netflix sein Live-Sport-Angebot im laufenden Jahr kontinuierlich ausgebaut hat. Für das zweite Halbjahr rechnet er mit einem Rückgang der Zuschauerzahlen um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Bei den Top-100 Original-Titeln soll das Minus sogar mehr als 20 Prozent betragen.
Bereits in der ersten Jahreshälfte seien die Stunden pro Abonnent bei diesen Top-Titeln um drei Prozent gesunken. Die US-Fernsehreichweite sei laut Nielsen-Daten unter die Marke von acht Prozent gerutscht. Cahall kappte parallel seine Margen- und Gewinnschätzungen für die kommenden Jahre und senkte das Kursziel von 80 auf 57 Dollar.
Das neue Ziel leitet sich aus dem 15-fachen des für 2027 erwarteten Gewinns ab – zuvor hatte die Bank das 21-fache angesetzt. Als weiteren möglichen Belastungsfaktor nannte Cahall den für Januar 2027 erwarteten Zuschauerbericht zum zweiten Halbjahr und Gesamtjahr 2026.
Markt reagiert nervös, Konsens bleibt stabil
Im NASDAQ-Handel rutschte die Aktie zeitweise um 4,40 Prozent auf 72,00 Dollar ab. Das breitere Analystenbild bleibt trotz der scharfen Kritik freundlich: Der Konsens von 32 Analysten liegt weiterhin bei „Strong Buy“, mit 25 Kauf- und sechs Halteempfehlungen neben Cahalls einzelner Verkaufseinstufung. Das mittlere Kursziel beträgt 95 Dollar, die Spanne reicht von 57 bis 135 Dollar.
Bernstein bestätigte kürzlich seine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 95 Dollar, Evercore ISI sieht sogar 110 Dollar als Ziel. Der Stimmungsbruch wiegt dennoch schwerer als eine gewöhnliche Kurszielsenkung – schließlich stellt Cahall erstmals die These in den Raum, dass nachlassendes Nutzerengagement sich mittelfristig tatsächlich in schwächeren Zahlen niederschlagen könnte.
Ob sich der prognostizierte Rückgang der Zuschauerzahlen in den kommenden Quartalszahlen bestätigt, bleibt offen. Die für den 20. Oktober erwartete Zahlenvorlage dürfte einen ersten Hinweis liefern, der für Januar 2027 angekündigte Zuschauerbericht zum Gesamtjahr 2026 den nächsten wichtigen Prüfstein.
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