Zehn rote Monatskerzen in Folge. Bei Nemetschek läuft die Korrektur seit Sommer 2025 ohne Pause — und der Freitag macht es nicht besser. Die Aktie verliert weitere 3,83 Prozent auf 56,55 Euro, nur knapp über dem 52-Wochen-Tief von 55,00 Euro.
Wall Street zieht den Sektor mit
Der Auslöser kommt diesmal nicht aus München. Oracle meldete Rekordumsätze und 47 Prozent Wachstum in der Cloud. Trotzdem brach die Aktie um rund zehn Prozent ein. Investoren stört vor allem eines: Oracle plant Netto-Investitionen von 70 Milliarden US-Dollar im Jahr 2027 und muss dafür massiv Kapital aufnehmen. Das weckt Sorgen über den Cashflow der gesamten Branche.
Im Sog dieser Bewegung verloren in Deutschland SAP, Nemetschek und TeamViewer teils bis zu 4,2 Prozent. Der Markt handelt gerade keine Einzelstorys — er justiert die Bewertungen im Software-Sektor neu.
Q1 liefert, Währung kostet
Dabei sprechen die eigenen Zahlen eine andere Sprache. Nemetschek wuchs im ersten Quartal 2026 währungsbereinigt um 17 Prozent — oberhalb der Jahreszielspanne. Wechselkurseffekte durch den schwachen Dollar drückten das berichtete Plus auf 10,7 Prozent, der Umsatz lag bei 313,1 Millionen Euro.
Die Aboumsätze legten um mehr als 35 Prozent zu. Der Gewinn je Aktie stieg um 34,5 Prozent. Für das Gesamtjahr 2026 erwartet der Vorstand bis zu 15 Prozent Umsatzwachstum und eine operative Marge von rund 33 Prozent.
Milliarden-Deal wartet auf grünes Licht
Im Hintergrund läuft die größte Transaktion der Firmengeschichte. Nemetschek übernimmt HCSS — Anbieter von Software für schwere Infrastrukturprojekte wie Straßen- und Versorgungsbauten — für 2,4 Milliarden US-Dollar von Thoma Bravo. HCSS erzielte 2025 rund 215 Millionen US-Dollar Umsatz, wuchs beim wiederkehrenden Umsatz um 21 Prozent und erreichte eine EBITDA-Marge von rund 40 Prozent.
Nemetschek hält künftig rund 72 Prozent der Anteile am kombinierten Segment, Thoma Bravo bleibt mit 28 Prozent Minderheitsaktionär. Die Transaktion erhöht die Nettoverschuldung um rund 450 Millionen Euro. Bis 2028 rechnet das Management mit mindestens einem mittleren zweistelligen Millionen-Euro-EBITDA-Synergieeffekt — je zur Hälfte aus Umsatzwachstum und Kosteneinsparungen. Das Closing ist für die zweite Jahreshälfte 2026 geplant, behördliche Genehmigungen stehen noch aus.
Kurs weit unter Konsens
Die Schere zwischen Kurs und Einschätzung der Analysten ist ungewöhnlich groß. Der Konsens liegt bei 94 Euro — fast 70 Prozent über dem aktuellen Niveau. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der 2026er-Schätzungen liegt bei 26, historisch ein niedriger Wert für Nemetschek.
Seit dem 52-Wochen-Hoch bei 137,90 Euro hat die Aktie fast 59 Prozent verloren. Im Juli legt das Unternehmen den Halbjahresbericht vor. Bestätigt Nemetschek dann erneut zweistellige Wachstumsraten und liefert Fortschritte beim HCSS-Closing, dürfte das den Abstand zwischen Kurs und Fundamentaldaten zumindest schwerer zu ignorieren machen.
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