Ein CEO-Abgang in Oslo, frische Zollentlastungen in Washington und ein 15-MW-Auftrag aus Kanada: Die Wasserstoff-Branche liefert Mitte Juni 2026 ein dichtes Nachrichtenpaket. Auffällig ist dabei nicht die Menge an Meldungen, sondern die wachsende Kluft zwischen den einzelnen Unternehmen. Während Bloom Energy von Rekordquartal zu Rekordquartal eilt, kämpft Nel ASA mit einem Führungsvakuum zur Unzeit.
Nel ASA: Führungswechsel trifft auf schwaches Momentum
Håkon Volldal verlässt Nel ASA. Der CEO, der das Unternehmen seit Juli 2022 führte, wechselt zu Elopak. Innerhalb der nächsten sechs Monate soll ein Nachfolger gefunden werden — Volldal bleibt so lange im Amt.
Boardchef Arvid Moss würdigte Volldals Beitrag zur strategischen Weiterentwicklung. Die Börse reagierte weniger diplomatisch. Die Aktie fiel am Dienstag in Oslo um rund 8 %. Aktuell notiert Nel bei 0,23 € und hat im vergangenen Monat über 26 % an Wert verloren.
Der Zeitpunkt ist heikel. 2025 sank der Umsatz um knapp 31 % auf 963 Millionen NOK. Im ersten Quartal 2026 blieben Erlöse und Auftragseingang schwach, auch wenn sich das EBITDA im Jahresvergleich verbesserte. Nel lanciert gerade eine neue alkalische Druckelektrolyse-Plattform und braucht dafür kommerzielle Traktion.
Die Analystengemeinde bleibt skeptisch: 13 Experten kommen im Schnitt auf ein Sell-Rating mit einem Kursziel von 2,12 NOK. Berenberg senkte das Ziel zuletzt auf 2,30 NOK. Für die neue Plattform ist ein reibungsloser Übergang an der Spitze entscheidend — jede Verzögerung könnte den Auftragsaufbau ausbremsen.
Bloom Energy: Bewertungsrakete mit echtem Umsatzfundament
Bloom Energy bewegt sich in einer völlig anderen Liga. Die Aktie hat sich binnen zwölf Monaten mehr als verzehnfacht und notiert bei 251,00 €. Allein seit Jahresanfang beträgt das Plus rund 198 %.
Der jüngste Schub kommt von regulatorischer Seite: Ein neues US-Zollrahmenwerk senkt Abgaben auf bestimmte Stahl- und Aluminiumderivate von 25 % auf 15 %. Für Kapitalausrüstung mit mindestens 85 % US-Fertigungsanteil gilt sogar eine 10-%-Spur. Bloom profitiert hier direkt, weil günstigere Industriemetalle die Herstellungskosten seiner Energiesysteme drücken.
Die Quartalszahlen unterstreichen den operativen Umbruch:
- Umsatz Q1 2026: 751,1 Millionen US-Dollar — ein Plus von über 130 % gegenüber dem Vorjahr
- Jahresprognose angehoben: 3,4 bis 3,8 Milliarden US-Dollar Umsatz für 2026
- Erstmals positiver operativer Cashflow im ersten Quartal mit 73,6 Millionen US-Dollar
21 Analysten vergeben im Konsens ein Buy-Rating. Bernstein-Analystin Sunaina Ocalan startete die Abdeckung allerdings nur mit Market Perform und einem Kursziel von 276 US-Dollar. Morningstar sieht die Aktie sogar als „am stärksten überbewertet“ im eigenen Universum — der faire Wert liege bei lediglich 70 US-Dollar. Mit einem Forward-KGV von etwa 230 ist Bloom extrem anfällig für jede Enttäuschung bei Ausführung oder politischen Rahmenbedingungen. Widersprüchliche Berichte über ein großes KI-Rechenzentrumprojekt in Wyoming verdeutlichen das Konzentrationsrisiko.
Ballard Power: Folgeauftrag stärkt die stationäre Strategie
Leiser, aber solide meldet sich Ballard Power zurück. Am 15. Juni sicherte sich das Unternehmen einen 15-MW-Auftrag über 150 FCmove-HD+-Brennstoffzellenmodule für stationäre Anwendungen. Der Kunde — ein Spezialist für erneuerbare Off-Grid-Stromerzeugung — hatte bereits 2024 eine vergleichbare Bestellung platziert.
Die Lieferungen sollen in der zweiten Jahreshälfte 2026 beginnen. Einsatzgebiete reichen von Großveranstaltungen und Filmsets über Baustellen bis hin zu kritischer Infrastruktur und E-Ladeinfrastruktur. CEO Marty Neese betonte die wachsende Marktakzeptanz emissionsfreier, geräuscharmer Alternativen zu Dieselgeneratoren.
Ballard notiert bei 3,78 € und liegt damit deutlich über dem 200-Tage-Durchschnitt von 2,67 €. Seit Jahresanfang steht ein Plus von knapp 65 % zu Buche. Die Kasse ist mit 516,8 Millionen US-Dollar zum Ende des ersten Quartals gut gefüllt — bei einem Trailing-Umsatz von rund 90 Millionen US-Dollar allerdings ein Zeichen, wie kapitalintensiv der Weg zur Profitabilität bleibt.
25 Analysten sehen die Aktie im Konsens bei Hold mit einem medianen Kursziel von 3,00 US-Dollar. Der Folgeauftrag ist ein Vertrauensbeweis, liefert aber noch kein Signal für einen Durchbruch im Volumensegment.
Plug Power: Margensprung ja, Kursreaktion nein
Plug Power hat operativ geliefert. Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 22 % auf 163,5 Millionen US-Dollar. Noch beeindruckender: Die GAAP-Bruttomarge verbesserte sich um 42 Prozentpunkte auf minus 13 % — von minus 55 % im Vorjahresquartal. Das Elektrolyseur-Geschäft legte um 343 % zu.
Der Fahrplan des Managements ist ambitioniert, aber klar gestaffelt: Bruttomarge-Neutralität bis Ende 2025 wurde bereits anvisiert, positives EBITDAS soll im vierten Quartal 2026 folgen, operativer Gewinn 2027, Gesamtprofitabilität 2028. Auf der Hauptversammlung am 11. Juni genehmigten die Aktionäre unter anderem zusätzliche Aktienoptionen.
An der Börse bleibt die Skepsis dennoch spürbar. Plug Power notiert bei 2,47 € — im vergangenen Monat ging es um über 16 % nach unten. Der Kurs liegt deutlich unter dem 50-Tage-Schnitt von 2,82 €.
Analysten werden vorsichtig optimistischer. Das durchschnittliche Kursziel von 16 Experten ist auf 3,62 US-Dollar gestiegen, nachdem es drei Monate zuvor noch bei 2,89 US-Dollar lag. TD Cowen, Canaccord Genuity und B. Riley haben ihre Ziele nach den Q1-Zahlen nach oben angepasst. Die Spanne reicht von 0,75 bis 7,00 US-Dollar — ein Ausdruck der fundamentalen Unsicherheit darüber, ob Plug die Margenwende verstetigen kann.
HydrogenPro: Referenzprojekt steht, Kasse schrumpft
HydrogenPro hat einen Meilenstein erreicht. Das 220-MW-ACES-Projekt in Utah ist vollständig in Betrieb — alle 40 Elektrolyseure laufen, abgesichert durch einen zehnjährigen Servicevertrag. Es ist eine der weltweit größten Installationen druckbasierter alkalischer Elektrolyse.
Parallel verschafft eine strategische OEM-Vereinbarung mit LONGI dem Unternehmen sofortigen Zugang zu einer Fertigungskapazität von einem Gigawatt. Die eigene Fabrik in Tianjin wird vorerst stillgelegt — ein Schritt, der die Kostenstruktur straffen soll.
CEO Jarle Dragvik bezeichnete das erste Quartal 2026 als wegweisendes Quartal. Die Kehrseite: Der Nettoverlust lag bei 41 Millionen NOK, und die liquiden Mittel schmolzen von 102 auf 56 Millionen NOK. Die Aktie notiert bei 0,21 € und hat im Monatsvergleich fast 29 % verloren, konnte zuletzt auf Wochensicht aber rund 11 % zulegen.
Projekte im Umfang von etwa einer Milliarde NOK sollen 2026/2027 finale Investitionsentscheidungen erreichen — mit Verhandlungen in Europa, Indien und der MENA-Region. Ein einziger Analyst bewertet die Aktie mit Buy. Der Konsens für den 2026er-Umsatz liegt bei rund 213 Millionen NOK, was einem Anstieg von über 150 % gegenüber den letzten zwölf Monaten entspräche. Die entscheidende Frage bleibt, ob die Pipeline rechtzeitig in unterschriebene Verträge mündet, bevor die Kasse weiter schrumpft.
Sektorüberblick: Reife als Trennlinie
Die fünf Unternehmen lassen sich Mitte Juni 2026 entlang einer klaren Achse sortieren — von der kommerziellen Reife bis zum Kampf um operative Stabilität:
- Bloom Energy steht operativ in einer eigenen Klasse. Das Risiko liegt ausschließlich in der extremen Bewertung.
- Ballard Power liefert glaubwürdige Fortschritte im stationären Segment. Der Folgeauftrag signalisiert Marktakzeptanz, nicht aber Durchbruch.
- Plug Power zeigt echte Margenverbesserung. Die Umstrukturierung greift, aber der Markt wartet auf Bestätigung über mehrere Quartale.
- Nel ASA trifft der CEO-Wechsel in einer Phase, in der kommerzielle Traktion am dringendsten wäre. Tempo bei der Nachfolgersuche ist entscheidend.
- HydrogenPro hat mit ACES ein vorzeigbares Referenzprojekt. Die Liquiditätslage setzt allerdings einen engen Zeitrahmen für die Konvertierung der Pipeline.
H2-Sektor: Drei Druckpunkte für das zweite Halbjahr
Die kommenden Monate werden von drei Variablen geprägt. Erstens: Wer folgt auf Volldal bei Nel ASA? Die Erfahrung und das Profil des neuen CEO werden darüber entscheiden, ob die neue Elektrolyse-Plattform kommerziell abhebt oder in der Übergangsphase stecken bleibt.
Zweitens: Blooms Umsatzprognose von 3,4 bis 3,8 Milliarden US-Dollar lässt bei einem avisierten Wachstum von rund 80 % kaum Spielraum für Ausführungsfehler. Jede Verzögerung bei Großprojekten — etwa dem diskutierten Wyoming-Rechenzentrumprojekt — könnte die Bewertung empfindlich treffen.
Drittens wird HydrogenPros Liquiditätsverlauf zum Lackmustest. Die Milliarden-NOK-Pipeline muss in verbindliche Verträge überführt werden, bevor die Kassenreserven aufgebraucht sind. Für Plug Power und Ballard ist der Pfad klarer — schrittweise Margenverbesserung und Auftragsgewinne —, aber das Tempo dieser Fortschritte wird bestimmen, ob der vorsichtige Analysten-Konsens irgendwann kippt.
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