Ein juristischer Streit ist vom Tisch. Trotzdem bleibt die Nel-Aktie in der Klemme. Der norwegische Elektrolyseur-Hersteller hat im Juni seinen Rechtsstreit mit Iwatani Corporation of America beigelegt — doch die Kernprobleme des Unternehmens liegen woanders.
Der Streit drehte sich um Wasserstoff-Tankstellen in Kalifornien und lief seit Februar 2024. Nel und die frühere Tochtergesellschaft Cavendish Hydrogen einigten sich auf eine Zahlung von 7,5 Millionen US-Dollar, Cavendish steuert einen weiteren Betrag bei. Der Fall ist damit erledigt. Die Aktie schloss am Dienstag bei 0,21 Euro — weit entfernt von den Höchstständen aus dem Frühjahr. Der Vergleich allein hat die vorsichtige Haltung der Anleger offenbar nicht geändert.
Die entscheidende Frage
Löst der Wegfall der Rechtsunsicherheit tatsächlich Kapazitäten frei, damit sich Nel auf seine zwei größten operativen Baustellen konzentrieren kann? Es geht um die schwache Auftragslage und einen anstehenden Führungswechsel. Oder sind diese strukturellen Probleme schlicht zu groß, um sie mit einem einzigen Vergleich zu kompensieren? Die Antwort entscheidet maßgeblich, ob sich der Kurs über dem 200-Tage-Durchschnitt stabilisieren kann oder zurück zum 52-Wochen-Tief rutscht.
Das bullische Szenario
Der Vergleich beseitigt eine Belastung, die seit 2024 auf dem Unternehmen lastete. Er soll laut Unternehmensangaben den Ausblick von Cavendish Hydrogen nicht beeinträchtigen, eliminiert aber künftige Rechtskosten und mindert das Prozessrisiko in den USA. Beide Seiten betonten zudem, dass die Beziehung zu Iwatani nicht dauerhaft belastet bleiben muss — man wolle die Partnerschaft in der Wasserstoff-Branche fortsetzen.
Operativ hat Nel noch Spielraum. Ende des ersten Quartals verfügte das Unternehmen über eine solide Kassenposition von umgerechnet rund 1,4 Milliarden norwegischen Kronen. Das Management sieht zudem erste Anzeichen einer Erholung im PEM-Geschäft: Nach Quartalsende ging eine Bestellung über 7 Millionen US-Dollar ein. CEO Håkon Volldal sprach von anhaltendem Momentum und rechnet mit weiteren Aufträgen, bevor das erste Halbjahr endet.
Hinzu kommt ein Produktlaunch: Nel hat gerade seine neue Generation von unter Druck stehenden alkalischen Elektrolyseuren auf den Markt gebracht. Das Management verspricht sich davon einfachere Projekte bei besseren Kosten, höherer Effizienz und Skalierbarkeit. Charttechnisch nähert sich der RSI von 36,5 der überverkauften Zone. Der Kurs liegt nur 3,29 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt — einer Marke, die in der Vergangenheit wiederholt als Unterstützung fungierte.
Das bärische Szenario
Die Fundamentaldaten bleiben angespannt. Der Auftragseingang brach im ersten Quartal stark ein. Der Auftragsbestand sank auf 1.113 Millionen norwegische Kronen — ein Rückgang von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Im PEM-Segment allein fiel der Bestand auf 843 Millionen Kronen, 35 Millionen weniger als Ende des vierten Quartals 2025.
Das Management räumte die Schwäche beim Earnings Call unumwunden ein: Der Auftragseingang fiel auf nur 85 Millionen Kronen. Der rückläufige Trend im Bestand unterstreicht, wie dringend neue Vertragsabschlüsse gebraucht werden, um die Auslastung zu stützen.
Dazu kommt eine Führungslücke. Volldal, der Nel seit Mitte 2022 leitet, verlässt das Unternehmen Richtung Verpackungskonzern Elopak. Der Übergang muss spätestens Anfang Januar 2027 abgeschlossen sein, der Aufsichtsrat sucht derzeit einen Nachfolger. Diese Unsicherheit belastet die Stimmung, selbst nachdem der Vergleich erreicht wurde.
Die Charttechnik unterstreicht die Fragilität der Aktie. Sie notiert 43,09 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch und 21,70 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 66,36 Prozent — ein Wert, der zeigt, wie heftig die Stimmung bei diesem Titel im vergangenen Jahr in beide Richtungen ausgeschlagen ist. Auf Jahressicht steht die Aktie zwar noch 8,50 Prozent im Plus, doch allein in den vergangenen 30 Tagen hat sie fast ein Viertel ihres Wertes verloren.
Ausblick
Solange die Kassenreserven intakt bleiben und das PEM-Geschäft die vom Management angekündigten zusätzlichen Aufträge liefert, hat das Szenario einer Stabilisierung um den 200-Tage-Durchschnitt durchaus Substanz. Der Vergleich nimmt eine Ablenkung vom Tisch — ein bereinigtes Rechtsdossier könnte es einem neuen CEO erleichtern, sich rein auf das operative Geschäft zu konzentrieren.
Beschleunigt sich der Auftragseingang jedoch nicht, und zieht sich die Suche nach einem Nachfolger ohne klares Ergebnis hin, dürfte die Aktie anfällig für erneuten Verkaufsdruck bleiben. Die bereits hohe Volatilität und die Position deutlich unter dem 50- und 100-Tage-Durchschnitt sprechen für dieses Risiko.
Der nächste konkrete Test kommt mit dem Halbjahresbericht am 15. Juli 2026. Er wird zeigen, ob die vom Management angekündigten weiteren PEM-Aufträge tatsächlich eingetroffen sind und ob der Auftragsbestand seinen Abwärtstrend gestoppt hat. Ein Update zur CEO-Nachfolge dürfte der Markt dabei mindestens genauso aufmerksam verfolgen wie die Quartalszahlen selbst.
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