Ein Auftragsplus von 224 Prozent und trotzdem tiefrote Zahlen. Bei Nel ASA klafft die Schere zwischen Nachfrage und Ergebnis so weit auseinander wie selten zuvor. Und mittendrin verlässt CEO Håkon Volldal das norwegische Wasserstoff-Unternehmen.
Die Aktie notiert aktuell bei 0,1938 Euro, ein Minus von 2,12 Prozent allein am heutigen Tag. Auf Monatssicht steht ein Rückgang von 14,63 Prozent. Der Markt muss nun entscheiden, wie viel Vertrauen ein wachsender Auftragsbestand noch wert ist, wenn das operative Geschäft gleichzeitig immer tiefer in die Verlustzone rutscht.
Ausgangslage: Rekordbestellungen, wachsende Verluste
Die Zahlen zum zweiten Quartal 2026 zeigen ein zerrissenes Bild. Der Auftragseingang kletterte auf 230 Millionen norwegische Kronen, ein Plus von 224 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. Der Umsatz sank im selben Zeitraum jedoch um 15 Prozent auf 182 Millionen Kronen.
Noch schwerer wiegt die Entwicklung beim EBITDA. Der operative Verlust weitete sich auf minus 155 Millionen Kronen aus, nach minus 100 Millionen im Vorquartal und minus 86 Millionen vor einem Jahr. Ein Einmaleffekt trieb die Zahl zusätzlich nach unten: Eine Rechtsvergleich mit Iwatani kostete Nel 70 Millionen Kronen.
Mitten in diese Gemengelage platzte die Ankündigung von Volldals Rücktritt. Der CEO bleibt bis Jahresende im Amt, um den Übergang zu begleiten. Ein Nachfolger steht bislang nicht fest.
Die entscheidende Frage: Reicht der Auftragsberg für die Wende?
Ob Nachfrage für Elektrolyseure existiert, zweifelt inzwischen niemand mehr an. Die eigentliche Frage lautet: Kann Nel den Auftragsbestand von 1,213 Milliarden Kronen tatsächlich in profitablen Umsatz verwandeln? Der Sprung um 224 Prozent bei neuen Aufträgen könnte ein Frühindikator für die Wende sein. Er könnte aber auch nur zeigen, dass das Unternehmen ohne massiv steigende Kosten schlicht nicht skalieren kann.
Bull-Szenario: Überverkauft und mit vollen Auftragsbüchern
Für eine Erholung spricht zunächst das schiere Volumen der Vertragsabschlüsse. Die PEM-Sparte von Nel wuchs im Quartalsvergleich um 31 Prozent und treibt den Gesamtauftragsbestand nach oben, der zuletzt um 9 Prozent auf 1,213 Milliarden Kronen zulegte. Das verschafft dem Unternehmen einen mehrjährigen Umsatzpuffer.
Auch charttechnisch gibt es Argumente für eine Bodenbildung. Der 14-Tage-RSI liegt bei 30,6 und nähert sich damit einer Zone, die häufig als überverkauft gilt. Wertorientierte Investoren könnten hier nach dem jüngsten Kursrutsch einen Einstiegspunkt sehen. Lässt sich zeigen, dass die ausgeweiteten Verluste überwiegend auf den einmaligen Iwatani-Vergleich zurückgehen, könnte die operative Verbesserung im PEM-Segment als Auslöser für eine Erholung dienen — mit dem 200-Tage-Durchschnitt von 0,2153 Euro als erster Marke.
Bear-Szenario: Führungsvakuum und anhaltender Cash-Verbrauch
Das Risiko liegt darin, dass Nel trotz vollem Auftragsbuch in den roten Zahlen gefangen bleibt. Sinkender Umsatz bei gleichzeitig wachsenden Verlusten deutet auf Engpässe bei der Auftragsabwicklung oder auf Margendruck in bestehenden Verträgen hin. Ein EBITDA-Verlust von 155 Millionen Kronen ist für ein Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 369,22 Millionen Euro ein ernstes Warnsignal — er zeigt, wie schnell das Kapital abschmilzt.
Hinzu kommt die Unsicherheit durch Volldals Rücktritt. Ein Führungswechsel in einer Phase hoher Verluste kann Projekte verzögern oder die Unternehmensstrategie verschieben — mit dem Risiko, bestehende Partner zu verunsichern. Die Aktie notiert derzeit 46,98 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 0,3655 Euro. Diese anhaltende Schwäche spiegelt tiefe Skepsis der Marktteilnehmer gegenüber dem Weg zur Gewinnschwelle. Schwächelt zusätzlich die Alkaline-Sparte weiter, die zuletzt 14 Prozent Umsatz einbüßte, dürfte der Rekord-Auftragseingang in anderen Bereichen kaum ausreichen, um den Wertverlust der Aktie zu kompensieren.
Ausblick: Übergangsjahr mit hohen Hürden
Solange die Aktie deutlich unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt von 0,2548 Euro notiert, dürfte der technische Druck anhalten. Die kommenden Monate werden zum Belastungstest für die operative Umsetzung. Nel muss zeigen, dass sich die jüngsten PEM-Vertragsabschlüsse — darunter zwei Deals im Volumen von jeweils rund 7 Millionen Dollar — tatsächlich in Umsatz übersetzen lassen.
Die zweite Jahreshälfte 2026 hat das Unternehmen selbst als Übergangsperiode bezeichnet. Der wichtigste qualitative Katalysator wird die Suche nach einem neuen CEO sein. Eine zügige Berufung eines Nachfolgers mit belegbarer Erfahrung in industrieller Skalierung könnte das Marktvertrauen zurückbringen. Gelingt es Nel dagegen nicht, den EBITDA-Verlust ohne Einmaleffekte bis zum dritten Quartal zu verringern, spricht mehr für einen erneuten Test des 52-Wochen-Tiefs bei 0,1731 Euro. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt, aktuell bei minus 9,99 Prozent, dürfte dabei als erster Indikator dienen, ob sich der langfristige Trend stabilisiert oder ob zusätzliche Kapitalmaßnahmen zur Finanzierung der laufenden Verluste nötig werden.
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