Ein Kurssturz von fast 13 Prozent hat die Nebius-Aktie am Mittwoch aus ihrer jüngsten Erholung gerissen. Das Papier schloss bei 129,50 Euro, nachdem Anleger offenbar zunehmend an der Finanzierungsstrategie des KI-Infrastrukturanbieters zweifeln. Der relative Stärke-Index von 33,8 signalisiert inzwischen eine überverkaufte Marktlage – ein Hinweis darauf, wie stark der Ausverkauf der vergangenen Wochen inzwischen auf die Stimmung drückt.
Der Rückgang reiht sich in eine Serie schwacher Handelstage ein. Auslöser war eine wachsende Skepsis gegenüber dem sogenannten Asset-Light-Modell, mit dem Nebius seine Rechenzentren über Partner statt in Eigenregie finanzieren lässt. Kritiker verweisen auf den hohen Kapitalbedarf des Unternehmens: Im ersten Quartal 2026 investierte Nebius 2,473 Milliarden US-Dollar in Sachanlagen – das 6,2-Fache des Quartalsumsatzes von 399 Millionen Dollar. Kundenanzahlungen von 3,198 Milliarden Dollar decken zwar 129 Prozent dieser Investitionen ab, dennoch wachsen die Zweifel, ob das Tempo der Ausgaben nachhaltig ist.
Sorge um Finanzierungsbedarf treibt Ausverkauf
Die Nervosität um Nebius ist eingebettet in eine breitere Verunsicherung der gesamten KI-Infrastrukturbranche. Kreditausfallversicherungen auf Anleihen von Wettbewerbern wie CoreWeave kletterten zuletzt auf rund 855 Basispunkte, was einer impliziten Ausfallwahrscheinlichkeit von etwa 50 Prozent entspricht. Auch bei Oracle kostete die Absicherung mit über 215 Basispunkten spürbar mehr als noch Ende vergangenen Jahres. Parallel dazu fiel die CoreWeave-Aktie am selben Tag um rund neun Prozent – ein Signal dafür, dass Anleger die Kreditqualität der gesamten Branche neu bewerten.
Nebius selbst verfügt nach eigenen Angaben über eine Kassenposition von 9,30 Milliarden Dollar, dem allerdings Wandelanleihen im Volumen von 10,04 Milliarden Dollar gegenüberstehen. Abgegrenzte Umsätze von 4,78 Milliarden Dollar und vertraglich zugesicherte Leistungspflichten von 33,59 Milliarden Dollar – davon sollen 29 Prozent innerhalb von 24 Monaten realisiert werden – sollen die langfristige Umsatzbasis absichern. Mehr als 40 Milliarden Dollar an vertraglich gebundenen Erlösen stammen laut Unternehmensangaben von Kunden mit Investment-Grade-Rating, darunter Microsoft und Meta.
Nvidia-Beteiligung und neue Technik als Gegenpol
Nicht alle jüngsten Nachrichten waren negativ. Erst in der vergangenen Woche hatte eine Pflichtmitteilung offengelegt, dass Nvidia über ein Aktienpaket und Warrants einen passiven Anteil von 9,3 Prozent an Nebius hält – Teil einer zwei Milliarden Dollar schweren strategischen Investition, die im März vereinbart worden war und Zusammenarbeit bei Design, Flottenmanagement und Infrastrukturbereitstellung von KI-Fabriken umfasst. Die Warrants bleiben bis zum 11. September gesperrt. Zudem schloss Nebius eine besicherte Kreditfazilität über 775 Millionen Dollar ab, verzinst mit dem Referenzsatz SOFR zuzüglich 2,50 Prozentpunkten und fällig im Oktober 2030.
Auf der operativen Seite ging in Mäntsälä, Finnland, das erste Vera-Rubin-NVL72-Rack von Nvidia in Betrieb – ein wichtiger technischer Meilenstein für den geplanten Ausbau der KI-Fabrik am Standort Lappeenranta mit einer Kapazität von 310 Megawatt. Der Konzernumsatz war im vergangenen Geschäftsjahr um 479 Prozent auf 529,8 Millionen Dollar gestiegen, das laufende Wachstum im AI-Cloud-Geschäft lag zuletzt bei plus 841 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Langfristige Verträge mit Microsoft über 17,4 Milliarden Dollar bis 2031 und mit Meta über bis zu 27 Milliarden Dollar untermauern die Wachstumsstory.
Blick auf den 12. August
Nebius hat den Termin für die Zahlen zum zweiten Quartal 2026 bestätigt: Sie erscheinen am 12. August vor US-Börseneröffnung, die Telefonkonferenz für Analysten startet um 8 Uhr Ostküstenzeit. Für Anleger dürfte dieser Termin zum Lackmustest werden – insbesondere mit Blick auf Investitionsausgaben, Kundenvorauszahlungen, die Entwicklung der Margen im Token-Factory-Geschäft und den Fortschritt der Umstellung auf das Asset-Light-Modell. Für das Gesamtjahr peilt Nebius einen annualisierten wiederkehrenden Umsatz von 7 bis 9 Milliarden Dollar an, nach 1,25 Milliarden Dollar zum Jahresende 2025.
Nicht alle Marktbeobachter teilen die Skepsis der vergangenen Handelstage. Die Schweizer Großbank UBS bezeichnete den branchenweiten Ausverkauf bei Chip- und KI-Infrastrukturwerten als übertrieben und verwies auf einen erwarteten Anstieg der Investitionsausgaben der Hyperscaler auf rund 1,4 Billionen Dollar im Jahr 2027. Ob sich diese Einschätzung für Nebius bestätigt, dürfte sich spätestens am 12. August zeigen, wenn die Zahlen zum zweiten Quartal offenlegen, wie belastbar das Geschäftsmodell unter den aktuellen Finanzierungsbedingungen tatsächlich ist.
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