Es gibt Aktien, bei denen man nach jeder Meldung neu sortieren muss, was eigentlich gerade Stand der Dinge ist. Nebius gehört seit Monaten dazu. Wachstumsraten, die nach Science-Fiction klingen, treffen auf Baustopps wegen fehlender Genehmigungen, Milliarden-Anleihen treffen auf Kursziel-Korrekturen.
Wer die KI-Infrastruktur-Story verstehen will, muss bei diesem Unternehmen genau hinschauen – denn hier laufen gerade alle Widersprüche der Branche zusammen.
Der jüngste ruhige, aber folgenreiche Baustein: Auf der Hauptversammlung vor gut anderthalb Wochen billigten die Aktionäre sämtliche Anträge des Vorstands.
Dazu gehörten die Verabschiedung der Jahresrechnung 2025 und die Entlastung des Boards, aber vor allem eine ganze Reihe kapitalmarktrelevanter Vollmachten: Der Vorstand darf zusätzliche Class-A-Aktien ausgeben, das Bezugsrecht bestehender Aktionäre ausschließen, bis zu 20 Prozent der ausstehenden Aktien zurückkaufen und mehr als 2,2 Millionen eigene Class-C-Aktien einziehen. Das klingt nach Verwaltungsroutine, ist aber ein Signal: Ein Unternehmen, das sich derart breite Handlungsspielräume genehmigen lässt, rechnet mit weiteren großen Kapitalmarktschritten – sei es zur Finanzierung, sei es zur Steuerung der eigenen Aktienstruktur.
Zwischen Rekordwachstum und Baustellen
Dass Nebius überhaupt in der Position ist, sich solche Spielräume zu sichern, liegt an Zahlen, die im zweiten Quartal für Aufsehen sorgten. Der Umsatz kletterte auf 582,3 Millionen Dollar, ein Plus von 454 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal – und deutlich über den Erwartungen der Analysten. Das operative Ergebnis drehte von einem adjustierten EBITDA-Verlust von 21 Millionen Dollar im Vorjahr auf einen Gewinn von 236,2 Millionen Dollar.
Parallel schloss das Unternehmen im Quartal vier KI-Cloud-Deals ab, deren durchschnittlicher Vertragswert jeweils die Marke von einer Milliarde Dollar überstieg. Das ist die eine Seite der Geschichte: ein Anbieter, der im Rausch der KI-Nachfrage mitschwimmt und dabei nicht nur wächst, sondern auch profitabler wird.
Die andere Seite zeigte sich bereits Anfang August in New Jersey. Die Stadt Vineland verhängte einen Baustopp für ein Rechenzentrumsprojekt von Nebius und seinem Partner DataOne, weil dort ein LNG-Tank ohne die nötigen Genehmigungen installiert worden war.
Ein Planungsausschuss der Stadt tagte eigens, um über Nachträge zu einem bereits im März eingereichten Antrag zu beraten. Bauverzögerungen dieser Art sind für ein Unternehmen, dessen Geschäftsmodell auf physischer Rechenzentrumskapazität beruht, keine Nebensächlichkeit – sie verzögern genau jene Kapazitätserweiterung, die die Wachstumszahlen erst möglich macht.
Die Finanzierungsfrage bleibt der rote Faden
Wer wachsen will wie Nebius, braucht Kapital in gewaltigem Umfang – und genau hier schließt sich der Kreis zur Hauptversammlung. Die vor rund drei Wochen abgeschlossene Wandelanleihe über 5,75 Milliarden Dollar, seither leicht im Minus, war nur der jüngste Baustein einer Finanzierungsstrategie, die immer neue Instrumente zieht.
Die frisch erteilten Vollmachten zu Aktienausgabe und Rückkauf geben dem Management nun zusätzlichen Spielraum, auf Marktbewegungen zu reagieren, ohne jedes Mal erneut die Aktionäre befragen zu müssen.
Am Kapitalmarkt zeigt sich diese Gemengelage in einer Aktie, die trotz spektakulärer Jahresperformance – seit Jahresbeginn steht ein Plus von 139 Prozent zu Buche – zuletzt an Schwung verloren hat.
Der Kurs notiert mit rund 176 Euro etwa ein Drittel unter seinem 52-Wochen-Hoch von 261 Euro und liegt auch unter dem 50-Tage-Durchschnitt von knapp 185 Euro. Die Volatilität von 158 Prozent auf Jahresbasis erinnert daran, dass hier Chancen und Risiken eng beieinanderliegen.
In den kommenden Tagen wird das Management die Investorenbühne suchen: Am 8. September spricht das Team bei der Communacopia+Technology-Konferenz von Goldman Sachs, einen Tag später bei Citis Global-TMT-Konferenz.
Beide Auftritte dürften zeigen, wie das Unternehmen die Balance zwischen Wachstumsversprechen und operativen Stolpersteinen wie Vineland öffentlich erklärt – und ob die Kapitalmarktvollmachten aus der Hauptversammlung schon bald in konkrete Schritte münden.
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