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Nahostkrieg erschüttert Weltwirtschaft

Der Nahostkrieg treibt Energiepreise und Inflation weltweit an. Notenbanken wie die BoJ stehen vor Zinsdilemmata, während deutsches Konsumklima und US-Lebensversicherer unter Druck geraten.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Bank of Japan signalisiert Zinserhöhung im Juni
  • Deutsches Konsumklima fällt auf Dreijahrestief
  • Indiens informeller Sektor leidet unter Gasknappheit
  • Hedgefonds wetten gegen US-Lebensversicherer

Der Nahostkonflikt hat sich zum bestimmenden Faktor der globalen Wirtschaftspolitik entwickelt. Von Tokio bis Berlin, von Mumbai bis Kiew — überall zwingen steigende Energiepreise, drohende Lieferkettenunterbrechungen und wachsende Inflationsrisiken Notenbanken und Regierungen zum Umdenken. Die Welt navigiert durch ein Fahrwasser, das so unsicher ist wie seit Jahren nicht.

Bank of Japan zwischen Inflation und Wachstumsbremse

Die Bank of Japan (BoJ) ließ ihren Leitzins am Dienstag erwartungsgemäß bei 0,75 % — doch die Entscheidung war alles andere als einstimmig. Drei der neun Ratsmitglieder stimmten für eine sofortige Anhebung auf 1,0 %. So viele Gegenstimmen gab es zuletzt im Januar 2016, als die BoJ Negativzinsen einführte.

Das Signal ist klar: Eine Zinserhöhung im Juni rückt näher. Fast zwei Drittel der von Reuters befragten Ökonomen rechnen damit. BoJ-Gouverneur Kazuo Ueda brachte es auf den Punkt: „Wir müssen darauf achten, nicht hinter die Kurve zu geraten.“ Gemeint ist das Risiko, bei der Inflationsbekämpfung zu spät zu handeln.

Denn die Preisentwicklung in Japan gibt Anlass zur Sorge. Die Notenbank revidierte ihre Inflationsprognose für das Fiskaljahr 2026 massiv nach oben: Die Gesamtinflation wird nun mit 2,8 bis 3,0 % erwartet, zuvor waren es lediglich 1,9 bis 2,0 %. Die sogenannte „Core-Core-Inflation“ — also ohne Energie und frische Lebensmittel, die als Maßstab für die Binnennachfrage gilt — soll bei 2,6 % liegen, deutlich über dem 2 %-Ziel der Notenbank.

Gleichzeitig bremst der Ölpreisschock das Wachstum. Das BIP-Wachstum für Fiskaljahr 2026 wurde auf 0,4 bis 0,7 % halbiert; vorher waren 0,8 bis 1,0 % prognostiziert. Japan importiert fast seinen gesamten Ölbedarf — die effektive Schließung der Straße von Hormuz trifft die Exportnation deshalb besonders hart.

Der Yen bewegt sich hartnäckig nahe der 160-Yen-je-Dollar-Marke, die in der Vergangenheit Devisenmarktinterventionen auslöste. Finanzministerin Satsuki Katayama bekräftigte am Dienstag die Bereitschaft Tokios, bei übermäßiger Yen-Schwäche einzugreifen. HSBC-Chefökonom Fred Neumann fasst das Dilemma zusammen: „Energieschocks befeuern die Inflation und bremsen zugleich das Wachstum.“

Deutsches Konsumklima auf Dreijahrestief

Was Japan geldpolitisch herausfordert, trifft deutsche Verbraucher direkt im Geldbeutel. Das Konsumklima sank laut der aktuellen NIM/GfK-Umfrage für Mai auf -33,3 Punkte — der niedrigste Stand seit Februar 2023. Im April hatte der Wert noch bei -28,1 gelegen.

Besonders alarmierend: Die Einkommenserwartungen brachen um 18,1 Punkte ein und landeten bei -24,4 Punkten. „Einkommenserwartungen kollabieren infolge steigender Inflation“, kommentierte NIM-Experte Rolf Bürkl. Die EU-harmonisierte deutsche Inflation erreichte im März 2,8 % — getrieben von Energiepreisen, die durch den Iran-Krieg in die Höhe geschnellt sind.

Die Parallelen zu Krisenzeiten sind unübersehbar. Der Rückgang der Konjunkturerwartungen auf -13,7 Punkte entspricht etwa dem Niveau vom April 2022 — dem Beginn des Ukraine-Krieges. Damals schockierten Gaspreise die Haushalte. Heute sind es Ölpreise. Und auch die Kaufbereitschaft für größere Anschaffungen fiel auf ein Zweijahrestief. Für die exportabhängige deutsche Wirtschaft ist das ein weiteres Warnsignal.

Indiens informeller Sektor — die unsichtbare Schwachstelle

Während die offiziellen Wachstumsprognosen für Indien stabil wirken — Ökonomen erwarten 6,7 % für das laufende Fiskaljahr — mahnen Experten zur Vorsicht. Das Problem liegt im Verborgenen: Indiens gewaltiger informeller Sektor, der früher fast die Hälfte des offiziellen BIP ausmachte, leidet still.

In Städten, die rund 60 % der Wirtschaftsleistung generieren, kürzen Restaurants und Hotels ihre Öffnungszeiten oder weichen auf Alternativen wie Brennholz aus, weil die Versorgung mit Flüssiggas durch den Nahostkonflikt gestört ist. „Der informelle Sektor ist am stärksten betroffen, und seine Fähigkeit, Schocks zu absorbieren, ist sehr gering“, warnt Upasna Bhardwaj von der Kotak Mahindra Bank.

Die Inflation dürfte in diesem Fiskaljahr bei durchschnittlich 4,5 % liegen — mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr. Sollte der Konflikt anhalten, droht eine fiskalische Zwickmühle: Die Regierung könnte gezwungen sein, Subventionen zu erhöhen und Investitionsausgaben zurückzufahren, was das Wachstum längerfristig dämpfen würde.

Lebensversicherer im Visier der Leerverkäufer

Ein weiteres Spannungsfeld tut sich in den USA auf. Hedgefonds haben ihre Wetten gegen amerikanische Lebensversicherer mehr als verdoppelt — auf inzwischen über 5,3 Milliarden US-Dollar. Der Hintergrund: Die Branche ist tief im sogenannten Private-Credit-Markt engagiert, also in Kreditvergabe durch Nichtbanken wie Private-Equity-Fonds.

Rund 35 % der Bilanzsumme US-amerikanischer Lebensversicherer sind laut Internationalem Währungsfonds in privaten Kreditportfolios gebunden. Dieser Anteil hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt — eine Folge der historisch niedrigen Zinsen. Doch die Risiken werden zunehmend sichtbar: Portfoliomanager hielten Anleihen bankrotter Autokonzerne, ein britischer Hypothekenanbieter wurde wegen Betrugs angeklagt.

„Es gibt strukturelle Schwachstellen, da Private Credit deutlich weniger reguliert ist als das klassische Bankensystem“, sagt Daniel Loughney von Mediolanum International Funds. Barclays-Analysten schätzen, dass die Gewinne je Aktie von 15 großen US-Lebensversicherern im laufenden Jahr um fast 7 % sinken könnten. Gleichzeitig betonen sie, dass die Marktreaktion übertrieben erscheint.

Das große Bild: Globaler Inflationsdruck ohne einfache Antworten

Die gemeinsame Wurzel aller dieser Entwicklungen ist der anhaltende Nahostkonflikt. Er presst Notenbanken in ein Dilemma: Reagieren sie auf die Inflation mit Zinserhöhungen, riskieren sie das Wachstum. Warten sie ab, droht die Inflation außer Kontrolle zu geraten.

Die BoJ-Entscheidung von Dienstag steht exemplarisch für diese Zerrissenheit. Auch die Ukraine illustriert die fiskalischen Kosten: Das Land muss eine Paketsteuer einführen, um das 8,1-Milliarden-Dollar-Programm des IWF nicht zu gefährden — ohne diese Reform droht im Juni das Scheitern der Programmüberprüfung und damit der Wegfall europäischer Hilfsgelder. Selbst in der Kriegszeit gibt es keine Ausnahmen von den Regeln der Haushaltsdisziplin.

Was bleibt offen? Vor allem die Frage, wie lange der Konflikt noch anhält — und ob die Weltwirtschaft die Kombination aus Energiepreisschock, geldpolitischer Unsicherheit und wachsender Kreditrisikoexponierung verkraften kann, ohne dass einer der vielen Brandherde zu einem Flächenbrand wird.

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.