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Nahost-Krieg trifft Weltwirtschaft

Die Blockade der Straße von Hormus treibt Energiepreise und bremst das globale Wachstum. Einkaufsmanagerindizes zeigen weltweit sinkende Auftragseingänge und steigende Kosten, was Zentralbanken vor ein Dilemma stellt.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Brent-Ölpreis steigt um 53 Prozent seit Kriegsbeginn
  • Europas Wachstum erreicht ein Neunmonatstief
  • Zentralbanken in Stagflationsfalle zwischen Inflation und Konjunktur
  • Britische Inputkosten auf höchstem Stand seit Jahrzehnten

Der Krieg im Nahen Osten hat sich in wenigen Wochen zum dominanten wirtschaftlichen Schock des Jahres 2026 entwickelt. Die gesperrte Straße von Hormus treibt Energiepreise auf ein Niveau, das zuletzt während der größten Krisen der vergangenen Jahrzehnte erreicht wurde – und die Folgen sind in den Einkaufsmanagerindizes rund um den Globus ablesbar.

Brent-Rohöl notiert bereits bei über 111 Dollar je Barrel, ein Plus von rund 53 Prozent seit Kriegsbeginn. Was das für Lieferketten, Unternehmenskosten und Zentralbankpolitik bedeutet, zeigt sich gerade in aller Deutlichkeit.

Europas Wachstum bricht weg

Im Euroraum fiel der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex im März auf 50,7 Punkte – ein Neunmonatstief. Hinter der trügerisch stabilen Zahl verbirgt sich eine gefährliche Dynamik: Die Auftragseingänge schrumpften zum ersten Mal seit acht Monaten, die Dienstleistungsaktivität stagnierte nahezu. Chris Williamson von S&P Global Market Intelligence fasst es knapp zusammen: „Die ermutigenden Wachstumszeichen vom Jahresbeginn wurden durch steigende Energiepreise, blockierte Lieferketten und eine Nachfrageabkühlung ausgelöscht.“

Besonders alarmierend ist die Kostenentwicklung. Im verarbeitenden Gewerbe verzeichnete der Euroraum den stärksten Einmonatssprungs bei den Inputkosten seit über drei Jahren – für die Dienstleistungsbranche gilt ähnliches. Die Unternehmen geben diese Kosten zunehmend weiter: Die Verkaufspreise stiegen so stark wie zuletzt im Februar 2024.

Das Bild ist dabei uneinheitlich. Spanien wächst noch, Frankreich und Italien schrumpfen, und selbst Deutschlands Expansion verlangsamte sich auf den schwächsten Wert des bisherigen Jahres.

Großbritannien: Optimismus auf dem Rückzug

Ähnliche Muster zeigen sich auf der anderen Seite des Ärmelkanals. Der britische Dienstleistungs-PMI sackte im März auf 50,5 Punkte – deutlich unter die Vorabschätzung von 51,2 und der schwächste Wert seit elf Monaten. Noch beunruhigender ist der Preisauftrieb: Der Kostendruck stieg auf den höchsten Stand seit fast einem Jahr, und der Sprung gegenüber dem Vormonat war der stärkste seit März 2021. In der Industrie fiel der Anstieg der Inputkosten sogar auf das höchste Niveau seit Oktober 1992.

Rund 40 Prozent der befragten Dienstleister meldeten steigende Kosten – hauptsächlich durch teurere Energie, Rohstoffe und Fracht. Bank-of-England-Gouverneur Andrew Bailey räumte vergangene Woche ein, dass zumindest ein teilweise Weitergabe der Energiekosten an die Kunden wahrscheinlich sei.

Der Exportauftragssaldo der britischen Dienstleister fiel unter die 50-Punkte-Schwelle – das erste Mal seit November. Die Unternehmenszuversicht ist auf den niedrigsten Stand seit Juni letzten Jahres gefallen.

EZB und BOJ vor demselben Dilemma

Die Zentralbanken stehen vor einer klassischen Stagflationsfalle: steigende Preise, nachlassendes Wachstum. Aber nicht alle reagieren gleich.

Der EZB-Ratschläger Dimitar Radev warnte in Sofia, dass Inflationserwartungen heute schneller steigen könnten als in früheren Schocks – weil Unternehmen und Haushalte die Preiswelle nach dem Ukraine-Krieg noch in Erinnerung haben. „Wenn der Schock anhält und Löhne, Margen und Erwartungen erfasst, steigen die Kosten des Nichtstuns,“ sagte Radev. Die Märkte preisen bereits mehr als zwei Zinserhöhungen der EZB in diesem Jahr ein, die erste möglicherweise im Juni.

In Japan mahnt der frühere Notenbankrat Seiji Adachi zu Tempo. Die Bank of Japan solle die Zinsen spätestens bis Juli anheben – von derzeit 0,75 Prozent in Richtung des neutralen Niveaus von rund 1,25 Prozent. Die Unternehmensumfrage Tankan zeigte bereits, dass die Fünfjahres-Inflationserwartungen auf 2,5 Prozent gestiegen sind. Gleichzeitig hält der Yen gefährlich nahe an der Marke von 160 je Dollar – einem Niveau, bei dem Tokios Devisenhüter erfahrungsgemäß nervös werden.

Adachi selbst schätzt die Chance eines April-Schritts auf „50 zu 50″. Zu groß sei die Unsicherheit über den Kriegsverlauf, zu heikel der politische Druck: Ministerpräsidentin Takaichi hat zuletzt zwei inflationsbejahende Mitglieder in den BOJ-Rat berufen – ein klares Signal der Regierung gegen rasche Zinserhöhungen.

Frontstaaten und Peripherie

Am härtesten trifft der Konflikt jene, die geographisch am nächsten sind. In Libanon stürzte der BLOM PMI auf 47,4 Punkte – ein 17-Monatstief und der erste Wert unter 50 seit acht Monaten. Auftragseinbrüche durch Stornierungen, die längsten Lieferzeiten seit drei Jahren, und die schnellsten Kostensteigerungen bei Energie und Lebensmitteln seit einem halben Jahr zeichnen ein düsteres Bild. Die Exportaufträge fielen so stark wie zuletzt im Oktober 2024.

Irland hingegen zeigt, wie weit der Schock inzwischen reicht: selbst in einer offenen, exportorientierten Volkswirtschaft am westlichen Rand Europas fiel der Dienstleistungs-PMI auf 50,7 – das schwächste Niveau seit sieben Monaten. Die Unternehmenskosten stiegen so schnell wie zuletzt vor drei Jahren, und das Geschäftsklima sank auf den tiefsten Stand seit Oktober 2020.

Zambia als Gegenbeispiel

Nicht überall dominiert Düsternis. Sambias Privatsektor meldete im März den stärksten Aufschwung seit sechs Monaten: Der PMI kletterte von 49,3 auf 51,4 Punkte. Neue Aufträge wuchsen so kräftig wie zuletzt im September 2025, begünstigt durch günstige Wechselkursbewegungen, die Importkosten senkten. Das zeigt: Für rohstoffexportierende Volkswirtschaften südlich der Sahara kann ein Energiepreisschock ambivalente Folgen haben.

Warten auf Hormuz

Die eigentliche Frage ist, wie lange der Ausnahmezustand anhält. US-Präsident Trump hat Iran eine Frist bis Dienstagabend gesetzt – mit Drohungen, die über Sanktionen weit hinausgehen. Iran lehnte einen Waffenstillstand ab und pocht auf ein dauerhaftes Kriegsende.

S&P Global schätzt, dass das Euroraum-BIP im ersten Quartal um 0,2 Prozent gewachsen ist – mit einem „echten Risiko“ einer Kontraktion im laufenden Quartal, sollte der Konflikt nicht rasch enden. Für die Zentralbanken weltweit gilt dasselbe: Je länger die Straße von Hormus gesperrt bleibt, desto enger wird der Spielraum zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsschutz.

Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.