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Nahost-Krieg trifft Weltkonjunktur

Weltweite Einkaufsmanagerindizes zeigen Wachstum, aber steigende Kosten durch den Nahost-Konflikt belasten die Industrie.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • PMI-Werte weltweit über Wachstumsschwelle
  • Steigende Energie- und Transportkosten
  • Straße von Hormus als Kostentreiber
  • Zentralbanken vor Zinsentscheidungen

Der Nahostkonflikt hat die Weltwirtschaft fest im Griff. PMI-Daten aus Japan, der Eurozone, Indien und Südafrika zeichnen dieser Tage ein einheitliches Bild: Wachstum ja, aber unter wachsendem Kostendruck — und der Treiber ist fast überall derselbe.

Fabriken wachsen, Kosten explodieren

Japans Fertigungssektor legte im Mai den fünften Wachstumsmonat in Folge hin. Der S&P Global Japan Manufacturing PMI fiel zwar leicht von 55,1 auf 54,5, bleibt aber deutlich über der Wachstumsschwelle von 50. Gleichzeitig stiegen die Einkaufspreise so stark wie zuletzt im September 2022 — angetrieben von teureren Metallen, Ölprodukten und Transportkosten. Japanische Hersteller bauen zudem Lagerbestände auf, um sich gegen künftige Lieferausfälle abzusichern. Exporte legten so schnell zu wie seit fünf Jahren nicht mehr, was den Sektor trotz aller Widrigkeiten robust erscheinen lässt.

Ähnliches zeigt sich im Euroraum: Der Einkaufsmanagerindex für die verarbeitende Industrie sank im Mai auf 51,6 von zuvor 52,2. Vier Monate in Folge wuchs der Sektor — doch nun bremsen steigende Energiepreise und Lieferkettenstörungen. Die Eingangspreise erreichten den höchsten Stand seit Mai 2022. Gleichzeitig stagnierten die Auftragseingänge, nachdem Verbraucher Käufe im April noch vorgezogen hatten. „Fabriken müssen höhere Kosten an Kunden weitergeben, was die Inflation in den kommenden Monaten unweigerlich antreiben wird“, warnte Chris Williamson, Chefvolkswirt bei S&P Global Market Intelligence.

Indien bildet da keine Ausnahme. Der HSBC India Manufacturing PMI kletterte zwar auf 55,0 — den höchsten Wert seit drei Monaten — doch der Preisdruck war der zweithöchste seit knapp vier Jahren. Energie, Kraftstoff, Rohstoffe und Transport verteuerten sich merklich, auch der Nahostkonflikt wurde von Einkaufsmanagern als Faktor genannt. Indiens Exportaufträge legten zwar zu, aber so langsam wie seit drei Monaten nicht. In Südafrika stieg der PMI im April auf 51,6 — ein 44-Monats-Hoch — doch Treibstoffpreise und gestörte Frachtrouten sorgten für die stärkste Kosteninfla­tion seit zweieinhalb Jahren.

Die Straße von Hormus als globaler Kostentreiber

Was all diese Daten verbindet, ist die teilweise Schließung der Straße von Hormus. Täglich passierten vor dem Krieg rund 136 Schiffe das Nadelöhr; zuletzt waren es laut Reuters gerade einmal acht am 30. Mai, davon nur zwei Tanker. Knapp ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gasversorgung läuft normalerweise durch diese Meerenge. Die Folge: Brent-Rohöl kostete am Montagmorgen rund 93,94 US-Dollar je Barrel — ein Plus von über 3 Prozent an diesem Tag allein.

Gleichzeitig laufen Verhandlungen zwischen Washington und Teheran. Trump prüft nach US-Medienberichten ein Memorandum of Understanding, das eine Verlängerung des Waffenstillstands, die Wiedereröffnung der Meerenge und einen Rahmen für Irans Atomprogramm vorsehen würde. Doch am Wochenende beschossen US-Streitkräfte erneut Ziele im Iran, Iran erwiderte den Angriff, Kuwait meldete abgefangene Drohnen und Raketen. Hoffnungen auf ein baldiges Abkommen haben sich damit erneut verflüchtigt.

Öl-Analysten von Vital Knowledge weisen darauf hin, dass der Brent-Preis selbst im Falle einer Einigung erhöht bleiben dürfte — denn der Schiffsverkehr durch Hormus würde sich nicht über Nacht normalisieren. Rohstoffanalysten warnten bereits vor Wochen, dass Mitte Juni globale Ölreserven so weit abgeschmolzen sein könnten, dass tatsächliche Versorgungsengpässe entstehen.

Zentralbanken vor dem Dilemma

Der Inflationsdruck setzt Notenbanken weltweit unter Zugzwang — mit unterschiedlichen Antworten. In Japan drängt der frühere Notenbanker Makoto Sakurai die Bank of Japan zu einer Zinserhöhung noch im Juni. Der Leitzins liegt trotz vier Jahren Inflation über dem 2-Prozent-Ziel nach wie vor bei nur 0,75 Prozent. Sakurai warnt explizit vor einem Wiederholungsfehler: Ende der 1980er-Jahre hielt die BOJ die Zinsen zu lange niedrig, die darauf folgende aggressive Straffung führte zum Platzen der Asset-Blase und zu drei Jahrzehnten Stagnation. Der Nikkei hat diese Woche die 67.000-Punkte-Marke erstmals überschritten, und Immobilienpreise steigen so schnell wie seit 34 Jahren nicht — beides Signale, die Sakurai beunruhigen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einem ähnlichen Balanceakt. Eine Mehrheit der von Reuters befragten Ökonomen erwartet eine Zinserhöhung um 25 Basispunkte im Juni. Beruhigend ist, dass die monatliche EZB-Verbraucherumfrage zeigt: Die Inflationserwartungen der Haushalte in der Eurozone stiegen im April nicht weiter an. Einjährige Erwartungen hielten stabil bei 4,0 Prozent, dreijährige sanken sogar leicht auf 2,9 Prozent. Das deutet darauf hin, dass die mittelfristigen Preiserwartungen noch verankert sind — und aggressive Zinsschritte wie 2022 vorerst nicht nötig sein dürften.

In Indien rechnen knapp 80 Prozent der befragten Ökonomen damit, dass die Reserve Bank of India den Leitzins bei ihrer Sitzung am Freitag unverändert bei 5,25 Prozent belässt — obwohl die Mehrheit mindestens eine Erhöhung bis Ende 2026 einpreist.

KI als Gegenpol zur Öl-Krise

Inmitten dieser Unsicherheit sorgt ein anderes Thema für Aufbruchsstimmung: Künstliche Intelligenz. Asiatische Börsen ließen die Ölsorgen hinter sich — Südkoreas Leitindex legte im Mai rund 28 Prozent zu, Taiwan 15 Prozent, der Nikkei 12 Prozent. Samsung Electronics stieg allein an einem Tag um 10 Prozent, nachdem das Unternehmen mit dem Versand neuer Hochleistungschips begann. Südkoreas Exporte sprangen im Mai um 53 Prozent gegenüber dem Vorjahr; Halbleiterausfuhren gar um 169 Prozent.

Auf der Computex-Messe in Taipeh stellte Nvidia-Chef Jensen Huang mit dem RTX Spark einen neuen Prozessor für Windows-PCs vor — konzipiert für lokal ausgeführte KI-Agenten, entwickelt gemeinsam mit Microsoft und MediaTek auf Basis von ARM-Architektur. US-Technologiekonzerne finanzieren den globalen KI-Ausbau unterdessen zunehmend über internationale Anleihemärkte: Alphabet und Amazon haben in diesem Jahr bereits über 60 Milliarden Euro an europäischen Unternehmensanleihen platziert — ein Rekord — und diversifizieren damit ihre Finanzierungsquellen weg vom US-Dollar.

Wachstum mit Schattenseiten

Die globale Wirtschaft wächst. Aber die Risse werden sichtbarer. Lieferketten bleiben fragil, Kostendruckwellen laufen von den Fabriken bis zu den Endverbrauchern — und die Frage, wie lange Zentralbanken noch zwischen Wachstumsschutz und Inflationsbekämpfung lavieren können, bleibt offen. Indien erwartet für das laufende Quartal ein Wachstum von nur noch 6,5 Prozent — solide, aber deutlich gebremst. Die PMI-Daten aus aller Welt liefern dieser Tage keine Entwarnung. Sie zeigen: Der Aufschwung ist real, aber er steht auf wackeligem Fundament.

Dr. Robert Sasse

Dr. Robert Sasse ist promovierter Ökonom und Unternehmer mit umfassender Expertise in Finanzmärkten und Wirtschaftstheorie. Seine akademische Ausbildung verbindet er mit praktischer Unternehmenserfahrung, um fundierte Analysen zu langfristigen Anlagestrategien zu liefern.

Als Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung fokussiert sich Dr. Sasse auf die Vermittlung von Strategien für nachhaltigen Vermögensaufbau durch Aktieninvestments. Seine wissenschaftlich fundierten Beiträge auf stock-world.de richten sich an Anleger, die eigenverantwortliche, informierte Entscheidungen für ihre finanzielle Zukunft treffen möchten.

Dr. Sasse spezialisiert sich auf die verständliche Aufbereitung komplexer ökonomischer Zusammenhänge und die praktische Anwendung von Investmentstrategien für die Altersvorsorge. Sein Ansatz kombiniert theoretisches Wissen mit klarem Praxisbezug, um Lesern Orientierung in einem dynamischen Marktumfeld zu bieten.

Mit seiner Expertise unterstützt er Anleger dabei, die Chancen des Kapitalmarkts systematisch und langfristig zu nutzen – unabhängig von kurzfristigen Marktschwankungen.