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Nahost-Krieg lähmt Weltwirtschaft

Der anhaltende Konflikt im Nahen Osten belastet die globale Konjunktur durch hohe Energiepreise, verzögerte Zinssenkungen und schwächere Wachstumsprognosen in Europa.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Energiepreise verharren nahe 100-Dollar-Marke
  • Fed verschiebt erwartete Zinssenkungen
  • Italien revidiert Wachstumsprognosen nach unten
  • Türkei pausiert Zinssenkungszyklus

Der Krieg im Nahen Osten hat sich längst vom regionalen Konflikt zur globalen Wirtschaftsstörung entwickelt. Explodierende Energiepreise, ins Stocken geratene Zinssenkungserwartungen und aufgeweichte Haushaltsziele in Europa — der Nahostkonflikt hinterlässt Spuren in fast jeder großen Volkswirtschaft. Und ein Ende der Unsicherheit ist trotz Waffenstillstandsankündigungen noch nicht in Sicht.

Energie als Wirtschaftswaffe

Die Schließung der Meerenge von Hormus ist der Kern des Problems. Solange der wichtigste Erdöl-Transportkorridor der Welt weitgehend blockiert bleibt, verharren die Rohölpreise nahe der 100-Dollar-Marke je Barrel. US-Präsident Donald Trump verkündete eine Verlängerung des Waffenstillstands auf unbestimmte Zeit — behält aber gleichzeitig die Seeblockade iranischer Häfen bei. Das ist kein Waffenstillstand, der Energiemärkte beruhigt.

Analysten der DBS-Bank bringen es auf den Punkt: Die Normalisierung der Energieexporte durch die Straße von Hormus sei weiterhin in der Schwebe. Für Importnationen bedeutet das anhaltend hohe Energiekosten und damit Inflationsdruck, der politische Handlungsspielräume verengt.

Zentralbanken in der Zwickmühle

Nirgends zeigt sich der Druck deutlicher als bei den Notenbanken. Die US-Federal Reserve, ohnehin in einer Phase der Konsolidierung, verschiebt Zinssenkungen weiter in die Zukunft. Eine Reuters-Umfrage unter 103 Volkswirten, die zwischen dem 17. und 21. April durchgeführt wurde, ergab: 56 Ökonomen erwarten, dass der Leitzins bis Ende September im Bereich von 3,50 bis 3,75 Prozent verharrt. Ende März rechneten noch fast 70 Prozent der Befragten mit mindestens einer Senkung bis dahin.

Die Inflationserwartungen ziehen an. Das bevorzugte Preismaß der Fed, der PCE-Index, dürfte im zweiten Quartal um 3,7 Prozent steigen — rund 30 Basispunkte mehr als noch im März prognostiziert. Das Ziel der Notenbank liegt bei 2 Prozent.

„Mit dem Hintergrund, dass sie ihr Inflationsziel seit fast fünf Jahren verfehlen, müssen sie sehr aufpassen, dass die Inflationserwartungen nicht entankert werden“, sagt Brett Ryan, Ökonom bei der Deutschen Bank. Morgan-Stanley-Chefvolkswirt Michael Gapen hält dennoch an einem Szenario fest, in dem die Fed noch in diesem Jahr einmal senkt — sofern der Energiepreisanstieg nicht auf die Kerninflation durchschlägt.

Parallel dazu sorgt die ausstehende Bestätigung von Kevin Warsh als neuem Fed-Chef für Aufmerksamkeit. Warsh betonte bei seiner Anhörung vor dem US-Senat ausdrücklich die Unabhängigkeit der Notenbank und wies Berichte zurück, er habe Trump Zinssenkungen versprochen. Sein Ton wurde an den Märkten als leicht restriktiv interpretiert — blieb aber letztlich ohne nennenswerte Auswirkung auf die Erwartungen. Die eigentliche Triebkraft des Zinsanstiegs am langen Ende sind die Ölpreise, nicht die Fed-Personalpolitik.

Europas Schwachstellen

Auf der anderen Seite des Atlantiks trifft der Energieschock auf ohnehin fragile Staatsfinanzen. Italien revidierte am Mittwoch seine Wachstumsprognosen deutlich nach unten: Wirtschaftsminister Giancarlo Giorgetti verkündete, das Bruttoinlandsprodukt werde 2026 nur noch um 0,6 Prozent zulegen — nach einem ursprünglichen Ziel von 0,7 Prozent. Für 2027 fiel die Prognose auf ebenfalls 0,6 Prozent, gegenüber zuvor 0,8 Prozent.

Giorgetti räumte ein, dass selbst diese Zahlen unter dem Vorbehalt extremer Unsicherheit stehen und „in den kommenden Wochen wahrscheinlich erneut angepasst werden müssen“. Der IWF prognostizierte vergangene Woche, dass Italien noch in diesem Jahr Griechenland überholen und mit einer Schuldenquote von 138,4 Prozent des BIP den höchsten Wert in der Eurozone verbuchen wird. Damit drohen fünf aufeinanderfolgende Jahre mit Wachstumsraten unter einem Prozent — trotz milliardenschwerer EU-Aufbaufonds.

Für Roms Haushaltspolitik hat das konkrete Konsequenzen: Das Defizit wurde für 2025 offiziell auf 3,1 Prozent des BIP bestätigt — knapp über der EU-Grenze von 3 Prozent. Ein Ausweg aus dem Defizitverfahren der EU rückt damit in weitere Ferne.

Schwellenländer unter Druck

Türkei zeigt exemplarisch, wie eng der Spielraum geworden ist. Die Zentralbank in Ankara beließ ihren Leitzins bei 37 Prozent — obwohl sie eigentlich seit Ende 2024 in einem Zinssenkungszyklus steckte. Jetzt warnt die Bank vor „potenziellen Zweitrundeneffekten“ des Energiepreisanstiegs auf die Inflation, die im März noch bei knapp 31 Prozent lag.

Besonders heikel ist die Lage für ein rohstoffimportierendes Land wie die Türkei: Steigende Energiekosten erhöhen das Handelsdefizit, schwächen die Währung und befeuern die Inflation von zwei Seiten gleichzeitig. Ökonomen sehen Spielraum für Zinssenkungen frühestens ab September. Der Zins dürfte bis Jahresende lediglich auf 32,75 Prozent sinken — deutlich weniger als noch vor dem Konflikt erwartet.

Märkte zwischen Hoffnung und Skepsis

An den Devisenmärkten spiegelt sich die Verunsicherung wider. Der US-Dollar stabilisierte sich nahe Einwochenhochs, gestützt von seiner Funktion als sicherer Hafen und starken US-Einzelhandelsdaten. Die Umsätze stiegen im März um 1,7 Prozent — über den Erwartungen, aber maßgeblich getrieben durch höhere Benzinausgaben. Das ist kein organisches Wachstum, sondern der buchhalterische Reflex steigender Energiepreise.

Die Aktienmärkte geben sich unterdessen pragmatisch. Europäische und amerikanische Aktien haben die Verluste aus dem März aufgeholt. Investoren richten den Blick auf Quartalsergebnisse — darunter Texas Instruments und Tesla — und testen, wie gut Unternehmen die Verwerfungen bei Energie und Lieferketten absorbieren.

Was bleibt, ist eine fundamental veränderte Ausgangslage: Notenbanken, die eigentlich lockern wollten, können es nicht. Staaten, die sparen wollten, müssen mehr ausgeben. Und Investoren kalkulieren in Szenarien, die noch vor einem Jahr kaum denkbar schienen. Ob der verlängerte Waffenstillstand mehr ist als eine politische Geste, wird sich in den kommenden Wochen zeigen — und mit ihm, wie lange die Weltwirtschaft diesen Ausnahmezustand noch stemmen kann.

Dr. Robert Sasse

Dr. Robert Sasse ist promovierter Ökonom und Unternehmer mit umfassender Expertise in Finanzmärkten und Wirtschaftstheorie. Seine akademische Ausbildung verbindet er mit praktischer Unternehmenserfahrung, um fundierte Analysen zu langfristigen Anlagestrategien zu liefern.

Als Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung fokussiert sich Dr. Sasse auf die Vermittlung von Strategien für nachhaltigen Vermögensaufbau durch Aktieninvestments. Seine wissenschaftlich fundierten Beiträge auf stock-world.de richten sich an Anleger, die eigenverantwortliche, informierte Entscheidungen für ihre finanzielle Zukunft treffen möchten.

Dr. Sasse spezialisiert sich auf die verständliche Aufbereitung komplexer ökonomischer Zusammenhänge und die praktische Anwendung von Investmentstrategien für die Altersvorsorge. Sein Ansatz kombiniert theoretisches Wissen mit klarem Praxisbezug, um Lesern Orientierung in einem dynamischen Marktumfeld zu bieten.

Mit seiner Expertise unterstützt er Anleger dabei, die Chancen des Kapitalmarkts systematisch und langfristig zu nutzen – unabhängig von kurzfristigen Marktschwankungen.