Der Iran-Konflikt hat die Spielregeln an den Finanzmärkten neu geschrieben. Öl über 97 Dollar, Inflation auf dem höchsten Stand seit fast vier Jahren, Frachtrouten in Auflösung – und eine brüchige Waffenruhe, die an diesem Wochenende in Islamabad auf die Probe gestellt wird. Die Welt hält den Atem an.
Inflation springt an – Fed in der Klemme
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Der US-Verbraucherpreisindex sprang im März um 0,9 Prozent – der stärkste monatliche Anstieg seit Juni 2022, als der Russland-Ukraine-Krieg die Energiemärkte erschütterte. Im Jahresvergleich liegt die Inflation nun bei 3,3 Prozent, nach 2,4 Prozent im Februar. Der Hauptschuldige: der Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs, der den nationalen Durchschnittspreis für Benzin erstmals seit mehr als drei Jahren über vier Dollar pro Gallone getrieben hat.
Für die US-Notenbank Fed ist das eine missliche Lage. Händler preisen mittlerweile keinerlei Zinssenkungen mehr für 2026 ein – vor Kriegsbeginn hatten sie noch zwei Lockerungsschritte erwartet. „Die Botschaft ist eindeutig: Die Inflation bleibt hartnäckig“, sagte Bret Kenwell von eToro. Mary Daly, Präsidentin der San Francisco Fed, warnte bereits, der Ölpreisschock werde den Weg zurück zum Zwei-Prozent-Ziel erheblich verlängern.
Analysten von UBS sehen zwar noch einen schmalen Pfad für spätere Zinssenkungen, falls Tarifrückenwind nachlässt und der Arbeitsmarkt schwächelt. Doch ein wachsender Kreis von Fed-Mitgliedern diskutiert laut dem Protokoll der März-Sitzung sogar Zinserhöhungen. Das ist das eigentliche Alarmsignal.
Börsen gespalten – Tech contra Finanzen
An der Wall Street zeigt sich ein zweigeteiltes Bild. Der S&P 500 legte moderat zu, getragen vom Technologiesektor – der Philadelphia Halbleiterindex markierte ein Rekordhoch bei 8.926 Punkten. Nvidia stieg um 1,8 Prozent, Broadcom um beachtliche 4,4 Prozent. TSMC, der weltgrößte Auftragschiphersteller, lieferte Rückenwind: Der März-Umsatz kletterte um 45 Prozent auf umgerechnet rund 13 Milliarden Dollar, angetrieben von der ungebrochen starken KI-Nachfrage.
Finanzwerte hingegen bremsten. Goldman Sachs und Travelers zogen den Dow ins Minus. Das spiegelt eine tiefere Spannung wider: Banken profitieren zwar von höheren Zinsen, fürchten aber zugleich eine konjunkturelle Abkühlung, falls die Energiekosten die Konsumausgaben dauerhaft belasten. Das Verbrauchervertrauen der Universität Michigan sackte im April auf 47,6 – deutlich unter der Erwartung von 52.
Trotz aller Unsicherheiten steuern S&P 500 und Dow auf ihre stärksten Wochengewinne seit November beziehungsweise Juni zu. Die Waffenruhe hat kurzfristig Erleichterung gebracht. Wie nachhaltig das ist, hängt von Islamabad ab.
Globale Lieferketten unter Druck
Der eigentliche wirtschaftliche Schaden zeigt sich fernab der Börsenticker – in den Frachtmärkten. Die Straße von Hormus, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öls fließt, ist faktisch blockiert: Das Schiffsaufkommen lag diese Woche bei unter zehn Prozent des normalen Volumens. Die Luftfrachtkapazität in die Region ist im Jahresvergleich um mehr als 50 Prozent eingebrochen.
Die Folgen sind global spürbar. Langzeitverträge für Luftfracht aus Vietnam nach Europa haben sich auf 6,27 Dollar pro Kilogramm fast verdoppelt. Einige Verlader weichen nun auf ungewöhnliche Routen aus: Waren aus Asien werden über Los Angeles nach Europa verschifft und geflogen – ein teurer Umweg, der aber günstiger ist als direkte Luftfracht über den Nahen Osten. „Das Kernproblem für alle ist der massive Anstieg der Treibstoffpreise“, fasst Dan Morgan-Evans von Air Charter Service zusammen.
Saudi-Arabiens Ölanlagen wurden durch Angriffe beschädigt, was die Förderkapazität des Königreichs um rund 600.000 Barrel pro Tag reduziert hat. Brent-Rohöl notierte zuletzt bei 97,24 Dollar – weit über dem Vorkriegsniveau, auch wenn es von den Höchstständen zurückgekommen ist.
Europa zwischen Rüstung und Wiederaufbau
Auf der anderen Seite des Atlantiks sorgte eine andere Meldung für Bewegung. Äußerungen des ukrainischen Chefunterhändlers Kyrylo Budanov, dass ein Friedensabkommen mit Russland näher rücken könnte als erwartet, lösten eine scharfe Rotation aus. Rüstungswerte gaben massiv nach: Rheinmetall verlor 5,7 Prozent, CSG sogar 9,7 Prozent. Baukonzerne und Baustoffhersteller profitierten dagegen – Holcim, Heidelberg Materials und Buzzi legten zwischen 4,3 und 4,8 Prozent zu, da Anleger auf milliardenschwere Wiederaufbauaufträge spekulieren.
Ausblick: Alles hängt an Islamabad
Die kommenden Tage werden richtungsweisend. Die Friedensgespräche zwischen Washington und Teheran in Islamabad – vermittelt von Pakistan – sind der Dreh- und Angelpunkt. Noch zeigen sich tiefe Risse: Beide Seiten werfen sich gegenseitig Verstöße gegen die Waffenruhe vor, Iran beharrt auf der Blockade der Straße von Hormus, Israel setzt seine Angriffe auf Hisbollah-Ziele im Libanon fort.
Gleichzeitig stehen nächste Woche die Quartalsergebnisse der großen US-Banken an – Goldman Sachs, JPMorgan, Citigroup. Für den S&P 500 werden im Schnitt über 14 Prozent Gewinnwachstum erwartet, doch der Krieg überschattet die Zahlen. Und der IWF wird in Washington seine Wachstumsprognosen vorlegen – mit wenig Grund zur Freude.
„Solange die Waffenruhe hält und die Märkte einen Weg zur Ruhe im Nahen Osten sehen, können Anleger kurzfristige Störungen ausblenden“, sagte Jeff Buchbinder von LPL Financial. Das aber ist ein großes „Solange“.
