Der Konflikt im Nahen Osten schreibt gerade die Regeln der globalen Finanzmärkte um. Brent-Rohöl kletterte auf 108 Dollar je Barrel, der Nasdaq rutschte in die Korrekturzone – und die Notenbanken weltweit stehen vor einer unangenehmen Wahl zwischen Wachstum und Inflation.
Nasdaq in der Korrektur, Öl auf Mehrjahreshoch
Der Technologieindex Nasdaq Composite fiel am Donnerstag um 2,4 Prozent auf 21.408 Punkte – damit liegt er knapp elf Prozent unter seinem Rekordhoch vom 29. Oktober. Das ist die offizielle Bestätigung einer Korrektur, definiert als Rückgang zwischen zehn und zwanzig Prozent. Auch der S&P 500 verlor 1,7 Prozent, der Dow Jones knapp ein Prozent. Es war der größte Eintagesverlust beider Indizes seit dem 20. Januar.
Der Auslöser ist bekannt, die Wucht überrascht dennoch. „Dieser Krieg bestraft die Psyche der Anleger“, sagte Ryan Detrick, Chefstratege bei Carson Group. Solange keine ernsthaften Friedensgespräche beginnen, bleibe der Markt Geisel des Ölpreises, ergänzte Peter Cardillo von Spartan Capital Securities.
Die Lage bleibt dabei widersprüchlich: Präsident Trump behauptete, der Iran sei militärisch „entscheidend besiegt“ und bitte um einen Deal. Gleichzeitig bezeichnete ein hochrangiger iranischer Regierungsvertreter den US-Vorschlag zur Konfliktlösung als „einseitig und unfair“. Nach Börsenschluss kündigte Trump immerhin eine zehntägige Angriffspause auf iranische Energieanlagen an – die Futures erholten sich daraufhin leicht.
Die Straße von Hormus als Flaschenhals
Der Konflikt hat die Straße von Hormus faktisch gesperrt – eine Meerenge, durch die normalerweise ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssiggaslieferungen fließt. Brent-Rohöl verteuerte sich an einem einzigen Handelstag um fast sechs Dollar auf 108,01 Dollar, US-Rohöl stieg auf 94,48 Dollar. Auch europäisches Erdgas legte zu.
Die OECD warnte, der Konflikt habe die Weltwirtschaft bereits von einem stärkeren Wachstumspfad abgebracht. Eine anhaltende Schließung der Straße von Hormus könnte die Inflation deutlich nach oben treiben.
Fed-Vertreter warnen vor Inflationsspirale
Die amerikanische Notenbank Federal Reserve sitzt in der Klemme. Geldmarktakteure preisen inzwischen keine einzige Zinssenkung mehr für dieses Jahr ein – dabei hatten sie vor dem Ausbruch des Konflikts noch zwei Reduktionen erwartet.
Fed-Gouverneur Michael Barr brachte die Sorge auf den Punkt: „Wir hatten fünf Jahre erhöhter Inflation, und die kurzfristigen Inflationserwartungen sind erneut gestiegen.“ Ein weiterer Preisschock durch hohe Energiekosten könnte langfristige Erwartungen verankern – mit der Folge, dass Unternehmen und Haushalte höhere Löhne und Preise einkalkulieren. Das würde Inflation strukturell schwerer bekämpfbar machen. „Wir müssen besonders wachsam sein“, sagte Barr.
Fed-Vizepräsident Philip Jefferson zeigte sich etwas nüchterner. Die aktuelle Geldpolitik sei „angemessen positioniert“, betonte er. Kurzfristig werde die Inflation durch steigende Energiepreise zwar anziehen, aber ein temporärer Schock wirke sich in der Regel nur ein bis zwei Quartale aus. Anhaltend hohe Ölpreise hingegen – das räumte auch Jefferson ein – hätten das Potenzial für deutlich tiefergehende Verwerfungen, sowohl für die Preise als auch für die Konsumausgaben.
Fed-Gouverneur Stephen Miran wiederum nutzte die Gunst der Stunde, um einen anderen Baustein in die Debatte zu werfen: Er skizzierte einen Fahrplan zur Verkleinerung der Fed-Bilanz, die aktuell noch 6,7 Billionen Dollar umfasst. Durch gelockerte Liquiditätsvorschriften und eine Entstigmatisierung bestehender Notfallkreditfazilitäten könnte die Bilanz um ein bis zwei Billionen Dollar schrumpfen, was wiederum niedrigere Leitzinsen ermöglichen würde. Miran stellte klar: Ein kleineres Fed-Portfolio hat kontraktive Wirkung auf die Wirtschaft – dieser Effekt lasse sich aber durch niedrigere Zinsen ausgleichen.
Seoul: Kaufrausch statt Kapitulation
Während westliche Anleger nervös an den Seitenlinien verharren, zeigt sich in Südkorea ein geradezu konträres Bild. Der KOSPI hatte sich in den sechs Monaten bis Ende Februar verdoppelt und ein Allzeithoch erreicht. Der Ausbruch des Konflikts am 28. Februar brachte zwar am 4. März den größten Tagesverlust in der Geschichte des Index – minus zwölf Prozent –, doch Südkoreas rund 14 Millionen Privatanleger, lokal als „Ameisen“ bekannt, kauften unbeirrt nach.
Allein am vergangenen Montag erwarben Privatanleger für umgerechnet rund 4,7 Milliarden Dollar Aktien – ein Tagesrekord –, obwohl der Index gleichzeitig 6,5 Prozent verlor. Das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen überschritt erstmals die Marke von 40 Billionen Won (rund 26,7 Milliarden Dollar).
Die Motive sind vielschichtig. Viele junge Südkoreaner sorgen sich, dass künstliche Intelligenz klassische Erwerbsbiografien aushöhlen wird. Aktieninvestitionen gelten als Absicherung. Dazu kommt politischer Rückenwind: Präsident Lee Jae Myung hat umfassende Kapitalmarktreformen angestoßen und wirbt dafür, Kapital aus dem überhitzten Immobilienmarkt in die Börse umzuleiten.
Marktbeobachter mahnen dennoch zur Vorsicht. „Wenn der Iran-Krieg anhält, wird Koreas Realwirtschaft zwangsläufig erheblichen Störungen ausgesetzt sein“, sagte Seo Sang-Young von Mirae Asset Securities. Südkorea ist stark von Energieimporten abhängig – ein dauerhaft geschlossener Hormus-Engpass träfe die Volkswirtschaft empfindlich.
Kanada und Europa: Strukturwandel als Dauerthema
Die geopolitische Unsicherheit überlagert auch längerfristige strukturelle Fragen. Die kanadische Zentralbank erwartet laut Vize-Gouverneurin Carolyn Rogers turbulente Jahre: US-Handelspolitik, sinkende Einwanderungszahlen und die Verbreitung von KI dürften das wirtschaftliche Umfeld dauerhaft verändern. Die Bank of Canada steht dabei „vor einer schwierigen Aufgabe“.
In Europa verzeichnete Japan-Staatsanleihen mit zweijährigen Renditen auf dem höchsten Stand seit 30 Jahren. Deutschlands Notenbankchef brachte eine EZB-Zinserhöhung im April ins Gespräch. Die Philippinen beriefen kurzfristig eine außerplanmäßige Notenbanksitzung ein.
Die Botschaft ist eindeutig: Der Nahost-Konflikt hat die Weltfinanzmärkte in eine neue Phase gedrückt. Ob Trump’s Angriffspause eine echte Verhandlungsdynamik auslöst oder nur ein taktisches Manöver ist, wird die entscheidende Frage für Anleger in den kommenden Wochen sein.
