Die Eskalation im Nahost-Konflikt versetzt die globalen Finanzmärkte in Aufruhr. Seit dem Beginn der US-israelischen Luftangriffe auf Iran vor sechs Tagen zeichnet sich ein dramatisches Bild ab: Ölpreise schießen auf Jahreshöchststände, der Dollar wertet massiv auf, und Anleger flüchten aus Risikoanlagen. Was zunächst als regionale Krise begann, entwickelt sich zunehmend zu einer globalen ökonomischen Bedrohung – mit direkten Auswirkungen auf Inflation, Zinspolitik und Wachstumsperspektiven.
Ölpreise explodieren – Stagflation droht
Die Straße von Hormus, durch die etwa ein Fünftel des weltweiten Öls und Flüssiggases transportiert wird, ist zum neuralgischen Punkt geworden. Nachdem Drohnen- und Raketenangriffe den Tankerverkehr weitgehend zum Erliegen gebracht haben, stecken rund 300 Öltanker in der Meerenge fest. Die Folge: US-Rohöl verteuerte sich am Donnerstag um 8,5 Prozent auf 81 Dollar pro Barrel – der höchste Stand seit Juli 2024. Brent-Crude kletterte um knapp fünf Prozent auf 85,41 Dollar.
„Schauen Sie sich die Ölpreise an, dann verstehen Sie, warum die Börsen fallen“, bringt es Michael Antonelli, Marktstratege bei Baird Private Wealth Management, auf den Punkt. Die explosive Mischung aus Angebotsschock und geopolitischer Unsicherheit weckt Erinnerungen an frühere Krisen. Sollten die Preise die 100-Dollar-Marke durchbrechen, würden die Inflationssorgen weiter angeheizt.
Besonders betroffen: Asien. Laut Asian Development Bank sind 80 Prozent des durch Hormus transportierten Öls für asiatische Abnehmer bestimmt. ADB-Chefvolkswirt Albert Park warnt, dass ein längerer Konflikt die Region hart treffen könnte – mit steigenden Energiepreisen, Handelsstörungen und schwächerer Nachfrage. Sollte die Krise nur einen Monat andauern, rechnet Park mit einem „bescheidenen“ Wachstumsrückgang. Bei längerer Dauer jedoch drohe ein deutlich stärkerer Einbruch.
Fed-Zinswende rückt in weite Ferne
Die Hoffnungen auf baldige Zinssenkungen der US-Notenbank haben sich dramatisch zerschlagen. Noch vor Kriegsbeginn preiste der Markt etwa 50 Basispunkte an Zinssenkungen für 2026 ein – mittlerweile sind es nur noch 40 Basispunkte. Eine erste Zinssenkung wird nun nicht mehr im Juli, sondern frühestens im Oktober oder September erwartet.
„Wenn der Nahost-Konflikt mit der aktuellen Intensität fortbesteht, dürfte dies zu anhaltend höherer Inflation, einem stärkeren Dollar und drastisch reduzierten Chancen auf Fed-Zinssenkungen führen“, warnt Tony Sycamore von IG Markets. Die Fed steht vor einem Dilemma: Einerseits könnte der Energieschock die Inflation anheizen, andererseits drohen wirtschaftliche Bremseffekte durch höhere Kosten und Konsumzurückhaltung.
Gus Faucher, Chefvolkswirt bei PNC Financial, sieht den Arbeitsmarkt zwar noch in „solider Verfassung“, doch längst nicht mehr so robust wie 2023 oder 2024. Der am Freitag anstehende Arbeitsmarktbericht für Februar dürfte nur 59.000 neue Stellen zeigen – nach 130.000 im Januar. Die Arbeitslosenquote wird bei stabilen 4,3 Prozent erwartet, könnte aber auf 4,4 Prozent steigen. „Der Krieg schafft zusätzliche Unsicherheit. Unternehmen sind bereits vorsichtig, und nun werden sie womöglich noch vorsichtiger. Die Wirtschaft ist verwundbar“, so Faucher.
Dollar auf Siegeszug – Schwellenländer unter Druck
Der Greenback erlebt seine stärkste Woche seit über einem Jahr. Der Dollar-Index, der die US-Währung gegen einen Korb aus sechs Hauptwährungen misst, steuert auf ein Wochenplus von 1,4 Prozent zu – das stärkste seit November 2024. Der Euro fiel auf 1,16 Dollar, das Pfund auf 1,34 Dollar, während der Yen auf 157,5 je Dollar absackte.
Besonders hart trifft es Schwellenländerwährungen. Der südafrikanische Rand und der chilenische Peso verloren jeweils rund zwei Prozent, der australische Dollar büßte ein Prozent ein. Die Flucht in sichere Häfen treibt US-Dollar-Anlagen in die Höhe und setzt aufstrebende Märkte unter massiven Druck – höhere Importkosten für Öl inklusive.
„Wenn die finanziellen Störungen ungeordnet werden, sollten Zentralbanken über eine Stabilisierung der Märkte nachdenken“, rät ADB-Ökonom Park. Nicht um Wechselkurse zu targetieren, sondern um Volatilität zu dämpfen und gegebenenfalls Liquidität bereitzustellen.
Aktienmärkte im Abwärtssog
Die US-Börsen schlossen am Donnerstag deutlich im Minus. Der Dow Jones Industrial Average stürzte um 1,6 Prozent auf 47.955 Punkte, der S&P 500 gab 0,6 Prozent auf 6.831 Punkte nach. Der technologielastige Nasdaq Composite verlor moderate 0,3 Prozent auf 22.749 Punkte – gestützt durch einen Kurssprung bei Broadcom, das mit optimistischen KI-Chip-Prognosen überzeugte.
Besonders unter Druck standen Industrie-, Material- und Gesundheitswerte mit Verlusten von über zwei Prozent. Fluggesellschaften wie Southwest Airlines brachen um fast sieben Prozent ein. Energiewerte hingegen profitierten: Der S&P Energy Index legte 0,6 Prozent zu, Chevron gewann knapp vier Prozent.
Europäische Börsen erlitten ähnliche Verluste. Der Stoxx 600 fiel um 1,3 Prozent, während in Asien gemischte Signale dominierten. Südkoreas Kospi schoss um zehn Prozent nach oben – eine technische Gegenbewegung nach dem Rekordeinbruch vom Vortag. Präsident Lee Jae Myung aktivierte einen 68-Milliarden-Dollar-Stabilisierungsfonds, um die ölabhängige Wirtschaft zu stützen.
Anleihemärkte signalisieren Inflationsangst
Die Anleihemärkte zeigen deutliche Stresssignale. US-Treasury-Renditen kletterten den vierten Tag in Folge. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen stieg um sechs Basispunkte auf 4,14 Prozent, während zweijährige Papiere – ein Barometer für Zinserwartungen – um 5,4 Basispunkte auf 3,60 Prozent zulegten.
In Europa verschärfte sich die Situation noch stärker. Britische Anleiherenditen sprangen um zehn Basispunkte, im Wochenverlauf bereits um 30 Basispunkte – ein deutliches Signal dafür, dass Investoren mit anhaltend höherer Inflation rechnen. Deutsche zweijährige Schatz-Renditen verzeichneten den stärksten Wochenanstieg seit drei Jahren.
Auch die geldpolitischen Erwartungen haben sich gedreht: Statt weiterer Zinssenkungen preist der Markt für die Europäische Zentralbank mittlerweile sogar mögliche Zinserhöhungen noch in diesem Jahr ein. Die Bank of England dürfte ihre Zinssenkungspläne ebenfalls verschieben.
Trump mischt sich in iranische Innenpolitik ein
Politisch bleibt die Lage explosiv. US-Präsident Donald Trump erklärte, er wolle an der Wahl des nächsten iranischen Staatschefs beteiligt sein – nachdem US-israelische Luftschläge den Obersten Führer Ali Chamenei getötet hatten. Trump schloss Mojtaba Chamenei, den Sohn des getöteten Führers, als Nachfolger aus.
Derweil eskaliert der Konflikt weiter: Iranische Raketen trafen Israel, Teheran drohte Amerikanern „wo immer sie sind“. Zwei Tanker – einer vor dem irakischen Hafen Khor al Zubair, ein weiterer vor Kuwait – wurden durch Explosionen getroffen und leckten Öl. Iranische Drohnen drangen in Aserbaidschan ein, was die Gefahr einer Ausweitung auf weitere ölproduzierende Staaten unterstreicht.
Handelspolitik als zusätzlicher Unsicherheitsfaktor
Inmitten der geopolitischen Spannungen bahnt sich ein weiteres wirtschaftliches Drama an: Die Rückzahlung von bis zu 182 Milliarden Dollar an unrechtmäßig erhobenen Zöllen nach einem Urteil des Obersten Gerichtshofs gegen Trumps Notstandszölle. Ein Bundesrichter ordnete die Rückerstattung an, während die Trump-Administration gleichzeitig neue zehnprozentige Globalzölle unter dem Trade Act von 1974 verhängte.
Für Freitag steht ein entscheidender Wirtschaftstest an: Der US-Arbeitsmarktbericht. Sollte er Schwäche zeigen, dürfte die Fed zwischen Stagflationsrisiken und Wachstumssorgen zerrieben werden. Zeigt er hingegen Stärke, könnten die Zinserwartungen weiter steigen – und die Aktienmärkte zusätzlich belasten.
Die Märkte befinden sich in einem perfekten Sturm aus geopolitischer Unsicherheit, Energieschock und handelspolitischem Chaos. Kein Wunder also, dass selbst erfahrene Beobachter nervös werden.
