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Naher Osten erschüttert Finanzmärkte

Der Krieg im Persischen Golf lässt die Energiepreise explodieren und zwingt Zentralbanken weltweit, ihre lockere Geldpolitik zu überdenken, was die Finanzmärkte erschüttert.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Brent-Öl steigt um 55 Prozent im Monat
  • Fed und EZB pausieren bei Zinssenkungen
  • Dollar profitiert als Fluchtwährung
  • Japan erwägt weniger Anleihe-Rückkäufe

Der Krieg im Persischen Golf hat die globalen Finanzmärkte in eine neue Phase der Unsicherheit geführt. Trumps 48-Stunden-Ultimatum an Teheran – die Straße von Hormus vollständig zu öffnen oder mit Angriffen auf die iranische Strominfrastruktur zu rechnen – treibt Ölpreise, Anleiherenditen und den Dollar gleichzeitig in die Höhe. Ein Szenario, das Notenbanken weltweit in die Enge treibt.

Öl als Zünder für globale Inflation

Brent-Rohöl notiert aktuell bei rund 112 Dollar je Barrel – ein Plus von 55 Prozent allein im laufenden Monat. Der Grund liegt auf der Hand: Durch die Straße von Hormus fließen normalerweise rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Flüssiggashandels. Derzeit passieren kaum noch Schiffe die Meerenge.

Goldman Sachs hat seine Preisprognosen bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen angehoben. Die Bank rechnet nun damit, dass Brent im März und April bei durchschnittlich 110 Dollar bleibt – nach einer früheren Schätzung von 98 Dollar. Für das Gesamtjahr 2026 wurde die Prognose auf 85 Dollar erhöht. In einem Extrem-Szenario mit anhaltenden Störungen könnten die Tagespreise sogar das Rekordhoch aus dem Jahr 2008 übersteigen, warnen die Goldman-Analysten.

Die Auswirkungen reichen weit über den Zapfhahn hinaus. Singaporer Kerosin ist seit Jahresbeginn um 175 Prozent gestiegen, asiatisches Flüssiggas um 130 Prozent. Steigender Bunkertreibstoff verteuert den Seetransport, höhere Düngemittelpreise lassen Lebensmittelkosten steigen. AMP-Stratege Shane Oliver verweist auf historische Parallelen: Der Ölpreisschock von 1973 entfaltete seine volle Wirkung über vier Monate, jener von 1979 über ein ganzes Jahr.

Notenbanken kehren den Rücken zur Lockerung

Die Inflationsdynamik hat eine dramatische Kehrtwende an den Zinsmärkten ausgelöst. Noch vor Kriegsbeginn hatten die Märkte für die US-Notenbank zwei Zinssenkungen in diesem Jahr eingepreist. Diese Erwartung ist inzwischen vollständig verschwunden – es wird sogar über mögliche Zinserhöhungen spekuliert.

Die Fed beließ die Zinsen vergangene Woche unverändert. Notenbankchef Jerome Powell räumte ein, dass Ausmaß und Dauer der wirtschaftlichen Folgen noch nicht absehbar seien. Ähnlich zurückhaltend agierte die Europäische Zentralbank, die ebenfalls pausierte, aber eindringlich vor energiegetriebener Inflation warnte. Die Bank of England und die Bank of Japan hielten ebenfalls still – Letztere ließ aber die Tür für eine Zinserhöhung schon im April offen.

Die Folge: Zehnjährige US-Staatsanleihen rentieren bei fast 4,41 Prozent – ein Achtmonatshoch. Seit Kriegsbeginn sind die Renditen um 42 Basispunkte gestiegen. Das erhöht die Finanzierungskosten für Staaten, die ohnehin schon mit hohen Defiziten kämpfen, und macht Aktien im Vergleich zu Anleihen teurer erscheinen.

Devisen: Dollar profitiert, Euro und Yen unter Druck

An den Währungsmärkten zeigt sich ein klares Bild. Der Dollar legt zu – als Fluchtwährung in Zeiten geopolitischer Unsicherheit, aber auch weil die USA als Nettoenergie-Exporteur vom hohen Ölpreis profitieren. Der Dollarindex stieg auf 99,53.

Euro und Yen geraten dagegen unter Druck. Rodrigo Catril von der National Australia Bank bringt es auf den Punkt: Volkswirtschaften, die von höheren Energiepreisen profitieren, schlagen sich besser als jene, die darunter leiden. Europa und Japan importieren Energie netto – ein struktureller Nachteil in diesem Umfeld. Der Yen handelt bei rund 159 je Dollar, knapp unterhalb der psychologisch wichtigen 160er-Marke, bei der die japanischen Behörden zuletzt über Interventionen nachgedacht hatten.

Gold dagegen festigt sich bei über 4.500 Dollar je Unze. Auch Bitcoin gibt nach: Die Kryptowährung fiel auf rund 67.900 Dollar.

Japan zwischen Inflation und Anleihemanagement

Bemerkenswert ist die Lage in Japan, wo steigende Inflationserwartungen ein Umdenken beim Staatsanleihemanagement auslösen. Die Breakeven-Inflationsrate überstieg Ende Januar erstmals die Marke von 1,9 Prozent – ein Signal, dass Anleger ernsthaft mit dauerhaft höherer Inflation rechnen.

Das Finanzministerium erwägt nun, seine Rückkäufe inflationsgebundener Staatsanleihen zu reduzieren. Statt bisher 20 Milliarden Yen monatlich sollen im April und Juni nur noch jeweils 15 Milliarden Yen zurückgekauft werden – eine Halbierung im Vergleich zum Vorquartal. Das Emissionsvolumen soll hingegen unverändert bei 250 Milliarden Yen für Mai bleiben. Hintergrund ist die gestiegene Investorennachfrage: Inflationsgebundene Anleihen, deren Kupon und Tilgung mit der Verbraucherpreisentwicklung steigen, werden bei anziehender Inflation besonders attraktiv.

Neuseeland: Wenn das alte Playbook versagt

Besonders deutlich zeigen sich die Spannungen in Neuseeland. Das Land steckt in seiner schwersten Wirtschaftskrise seit der globalen Finanzkrise – und der bewährte Ausweg über den Immobilienmarkt funktioniert diesmal nicht.

Trotz einer aggressiven Zinssenkung von 5,5 auf 2,25 Prozent liegen die Hauspreise immer noch rund 20 Prozent unter ihrem Pandemie-Hoch. Der Krieg im Nahen Osten macht die Lage noch schwieriger: Steigende Ölpreise könnten die Reserve Bank of New Zealand zwingen, restriktiver zu agieren, obwohl die Konjunktur am Boden liegt. Die Arbeitslosigkeit steht auf einem Zehn-Jahres-Hoch von 5,4 Prozent, Immobilienprojekte liegen auf Eis, und zuletzt verließen allein im vergangenen Jahr rund 40.000 Bürger das Land – über 60 Prozent zog es nach Australien.

Kein Ende in Sicht

Die Eskalationsdynamik im Persischen Golf lässt wenig Raum für Optimismus. Iran bot zwar an, „neutrale“ Schiffe passieren zu lassen – knüpfte dies jedoch an Bedingungen. Die Revolutionsgarden drohten gleichzeitig mit einer vollständigen Sperrung der Meerenge, sollten US-amerikanische oder israelische Angriffe auf iranische Energieinfrastruktur erfolgen. Golfarabische Staaten haben Washington gewarnt, dass Angriffe auf den iranischen Strom kaskadenartige Vergeltungsschläge auf regionale Energie- und Wasserversorgung auslösen könnten.

Was als militärischer Konflikt begann, droht zu einem globalen Wirtschaftsproblem zu werden – mit Inflationsdruck, steigenden Zinsen und eingetrübten Wachstumsaussichten als Hauptleidtragenden.

Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.