Der Nahe Osten liefert der Weltwirtschaft gerade ihren dritten Großschock innerhalb weniger Jahre – nach der Covid-Pandemie und dem russischen Einmarsch in die Ukraine. Während in Islamabad Diplomaten über einen Waffenstillstand verhandeln und Papst Leo von „Wahnsinn des Krieges“ spricht, kämpfen Regierungen rund um den Globus mit einer unangenehmen Wahrheit: Der fiskalische Puffer von 2022 existiert schlicht nicht mehr.
Fiskalischer Spielraum hat sich verengt
Damals, während der Energiekrise nach dem Ukraine-Krieg, pumpten Regierungen Subventionen im Umfang von 1,5 bis 2,0 Prozent des globalen BIP in die Märkte. Heute sind die Schuldenquoten höher, die Kreditkosten gestiegen. Laut einer aktuellen Analyse von Morgan Stanley bleibt der Spielraum für groß angelegte fiskalische Expansion eng. Statt neuer, schuldenfinanzierter Hilfspakete sind Regierungen auf Umschichtungen innerhalb bestehender Budgets angewiesen.
Das hat konkrete Folgen: In entwickelten Märkten, wo Energiepreise direkt an die Verbraucher weitergegeben werden, droht die Inflation schneller und heftiger anzuziehen. Für Schwellenländer ist die Lage noch brisanter. Höhere Ölpreise erzeugen dort das klassische „Twin-Deficit-Problem“ – steigende Haushaltsdefizite und Leistungsbilanzlücken gleichzeitig. Laut IWF könnten allein 45 Millionen weitere Menschen in akute Ernährungsunsicherheit geraten, sollte der Krieg anhalten und Düngemittellieferungen weiter unterbrechen.
Der IWF rechnet mit einem Bedarf von 20 bis 50 Milliarden US-Dollar an Soforthilfe für einkommensschwache und energieimportierende Länder. Die Weltbank hat bis zu 70 Milliarden Dollar innerhalb von sechs Monaten in Aussicht gestellt. Gleichzeitig sind die Bedingungen für viele Länder brutaler als zu Beginn früherer Krisen. Laut Ökonomen des Center for Global Development zahlten einkommensschwache Staaten 2025 doppelt so viel für den Schuldendienst wie vor der Pandemie – die Hälfte davon befinde sich bereits in oder nahe der Schuldennotlage.
Asien puffert, Europa zögert
Die regionalen Reaktionen könnten kaum unterschiedlicher ausfallen. In Asien haben Regierungen 30 bis 50 Prozent des anfänglichen Ölpreisanstiegs durch fiskalische Maßnahmen aufgefangen. Während internationale Ölpreise in Landeswährungen um 53 Prozent stiegen, legten die heimischen Kraftstoffpreise nur um 16 Prozent zu. Europa hingegen befindet sich in einer Phase fiskalischer Zurückhaltung: Wiedereingeführte EU-Fiskalregeln und hohe Refinanzierungskosten lassen einen breit angelegten Krisenresponse – wie 2022 – nur im Fall einer echten Rezession realistisch erscheinen.
Japan geht einen eigenen Weg. Tokio hält weiterhin Benzinsubventionen aufrecht, um Haushalte zu schützen, hat aber klargemacht, diese nicht dauerhaft zu erhalten. Wirtschaftsminister Ryosei Akazawa warnte öffentlich davor, dass Ölpreise auf absehbare Zeit nicht in den Bereich von 60 bis 70 US-Dollar zurückkehren dürften. Das Land setzt stattdessen auf KI-gestützte Überwachung der Lieferketten, um Engpässe frühzeitig zu identifizieren, und sucht aktiv nach einer asiatischen Energieallianz.
Südkorea und Japan suchen Alternativen zum Hormuz
Die anhaltende Unterbrechung der Straße von Hormuz zwingt asiatische Volkswirtschaften zu strukturellen Anpassungen. Südkorea, das 70 Prozent seines Öls aus dem Nahen Osten bezieht, steht kurz vor einem Lieferabkommen mit Kasachstan. Industrieminister Kim Jung-kwan betonte, Kasachstan sei trotz der 50- bis 60-tägigen Transitzeit eine strategisch sinnvolle Option – ähnlich wie Lieferungen aus den USA. Im vergangenen Monat hatte Seoul bereits 24 Millionen Barrel aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gesichert.
Saudi-Arabien wiederum hat seine Ost-West-Pipeline mit einer Kapazität von 7 Millionen Barrel pro Tag vollständig wiederhergestellt, nachdem eine Pumpstation kurz nach dem ersten Waffenstillstand beschädigt worden war. Die Umleitung über Rote-Meer-Terminals hat sich vervierfacht, seit die Durchfahrt durch den Persischen Golf nahezu zum Erliegen kam. Zusätzlich hat Saudi Aramco die Produktion der Offshore-Anlage Manifa wieder aufgenommen, die zuvor 300.000 Barrel pro Tag verloren hatte. Das Khurais-Komplex bleibt jedoch noch in Reparatur. Iran seinerseits signalisiert, dass seine beschädigten Raffinerien und Verteilungsanlagen innerhalb von ein bis zwei Monaten auf 70 bis 80 Prozent der früheren Kapazität zurückgebracht werden könnten.
Japanische Aktien im Spannungsfeld
Investoren in japanische Aktien beobachten das Geschehen mit gemischten Gefühlen. Laut BofA Global Research hat der Tokioter Markt den bisherigen Schock überraschend stabil verdaut. Das TOPIX-Kurs-Gewinn-Verhältnis blieb relativ konstant, weil Öl-Futures mit langer Laufzeit trotz der Spikes bei nahfälligen Kontrakten ruhig blieben – ein Zeichen dafür, dass Märkte die Störung als temporär einpreisen.
Ob das so bleibt, hängt am Ausgang der Islamabad-Verhandlungen. Sollte die Straße von Hormuz weiter gesperrt bleiben, droht stagflationärer Druck auf Japans Industrie- und Fertigungssektor. BofA empfiehlt derzeit qualitativ hochwertige japanische Titel, die bereits signifikante „Kriegsprämien“ eingepreist haben. Der Weg des geringsten Widerstands zeigt für Nikkei und TOPIX nach oben – aber nur, wenn die Diplomatie liefert.
Koordination als strukturelle Herausforderung
Genau daran zweifeln viele. Die G20, traditionell das Koordinierungsgremium in globalen Krisen, ist geschwächt. Spannungen zwischen den USA und China lähmen die Abstimmung, die Ausgrenzung Südafrikas aus der US-Ratspräsidentschaft kompliziert den Konsens zusätzlich. „Sie versuchen, auf Konsens zu operieren, wenn es in der Welt keinen Konsens gibt“, brachte es Josh Lipsky vom Atlantic Council auf den Punkt.
Der IWF und die Weltbank sind in dieser Woche in Washington zusammengekommen – mit deutlich gesenkten Wachstumsprognosen im Gepäck. Die Weltbank sieht das Basiswachstum der Schwellen- und Entwicklungsländer 2026 bei 3,65 Prozent, im schlimmsten Fall könnte es auf 2,6 Prozent fallen. Die Inflation in diesen Ländern könnte von zuvor erwarteten 3 Prozent auf bis zu 6,7 Prozent steigen. Weltbankpräsident Ajay Banga sprach von einem „Schock für das System“ – und mahnte gleichzeitig, dass frühere Krisen bewältigt worden seien. Diesmal, so die unausgesprochene Botschaft, wird es schwerer.
