Ausgangslage
Microsoft hat mit den Zahlen zum vierten Geschäftsquartal, das am 30. Juni 2026 endete, die Erwartungen klar übertroffen. Der Umsatz kletterte auf 90,0 Milliarden Dollar, ein Plus von 18 Prozent, das operative Ergebnis stieg im selben Tempo auf 40,6 Milliarden Dollar. Unter dem Strich blieb ein Nettogewinn von 35,8 Milliarden Dollar, ein Sprung von 31 Prozent nach US-GAAP, das verwässerte Ergebnis je Aktie legte um 32 Prozent auf 4,81 Dollar zu. Das bereinigte Ergebnis je Aktie von 4,74 Dollar lag deutlich über der Konsensschätzung von 4,24 Dollar, auch beim Umsatz übertraf Microsoft die Erwartung von 87,62 Milliarden Dollar. Die Cloud-Sparte Azure knackte im Geschäftsjahr erstmals die Marke von 100 Milliarden Dollar Umsatz und wuchs um 41 Prozent – sie bleibt zwar hinter Amazon Web Services zurück, liegt aber weiterhin vor Google Cloud. Beim KI-Assistenten Microsoft 365 Copilot meldete das Unternehmen mehr als 30 Millionen zahlende Nutzer, nach über 20 Millionen im April.
Diese Zahlen erklären, warum die Aktie am Donnerstag mit 433,65 Euro schloss und binnen Tagesfrist um 2,64 Prozent zulegte. Auf Monatssicht steht ein Plus von 29,35 Prozent zu Buche – ein kräftiger Rebound, der die Aktie aber gleichzeitig in eine technisch heikle Zone treibt: Der 14-Tage-RSI liegt bei 77,3 und signalisiert eine überkaufte Lage. Genau hier setzt die Entscheidung an, vor der Anleger jetzt stehen.
Die entscheidende Frage
Kann das operative Wachstum – Azure, Copilot, die Cloud-Marge – das Tempo halten, das nötig ist, um eine Aktie zu rechtfertigen, die technisch bereits überhitzt wirkt, während parallel eine Sammelklage an Fahrt gewinnt? Für das erste Quartal des neuen Geschäftsjahres stellt Microsoft einen Umsatz zwischen 89,85 und 90,95 Milliarden Dollar in Aussicht, ein Plus von 16 Prozent auf Mittelwertbasis und leicht über der Analystenerwartung von 89,66 Milliarden Dollar. Im Segment Productivity and Business Processes rechnet das Unternehmen mit 36,7 bis 37 Milliarden Dollar Umsatz, das kommerzielle M365-Cloud-Geschäft soll währungsbereinigt um rund 16 Prozent wachsen. Ob diese Guidance hält, entscheidet, ob die aktuelle Bewertung fundamental unterlegt bleibt oder ob der RSI-Wert von 77,3 tatsächlich eine Korrektur ankündigt.
Bullisches Szenario
Für Optimisten sprechen mehrere handfeste Argumente. Das Ergebnis wurde zusätzlich durch einen Sondereffekt von 27 Cent je Aktie gestützt, darunter ein Gewinn von 3,2 Milliarden Dollar aus der Anthropic-Beteiligung sowie geringere Kosten für das freiwillige Vorruhestandsprogramm – ein Beleg dafür, dass Microsofts KI-Investitionen bereits Bilanzwirkung zeigen. Goldman-Sachs-Analystin Gabriela Borges hob ihr Kursziel am 30. Juli von 610 auf 640 Dollar an und bestätigte die Kaufempfehlung; sie bezeichnete das Quartal als Wendepunkt nach einer Phase relativer Underperformance. Noch deutlicher positionierte sich Tigress Financial Partners: Das Haus erhöhte sein Zwölf-Monats-Kursziel Anfang August von 595 auf 690 Dollar, ein Aufschlag von knapp 16 Prozent, und bestätigte die Kaufeinstufung. Hinzu kommt die Ankündigung positiver freier Cashflows für das neue Geschäftsjahr, verbunden mit einer geänderten Bilanzierung für Rechenzentren und Bürogebäude – ein Signal, dass die massiven KI-Investitionen künftig weniger stark auf den Cashflow drücken sollen.
Bärisches Szenario und Risiko
Dem stehen ernsthafte Risiken gegenüber. Seit Anfang August läuft eine Sammelklage gegen Microsoft und mehrere leitende Führungskräfte wegen mutmaßlichen Wertpapierbetrugs. Die Klage bezieht sich auf angeblich irreführende Aussagen zu Azure und Copilot und einen Kursrückgang von 10 Prozent am 28. Januar 2026. Eine weitere, am Donnerstag bekannt gewordene Klage benennt vier Führungskräfte persönlich und deckt einen Klagezeitraum vom 1. Mai 2025 bis 28. Januar 2026 ab; sie wirft dem Management vor, Aktienkurse über 550 Dollar durch falsche Angaben gestützt zu haben. Im Zentrum steht dabei auch die Verflechtung mit OpenAI und Anthropic: Microsoft habe über 13 Milliarden Dollar in OpenAI investiert und bis zu 5 Milliarden Dollar in Anthropic zugesagt, während dieselben Partner sich im Gegenzug verpflichtet hätten, Azure-Kapazitäten im Umfang von Hunderten Milliarden Dollar abzunehmen – ein Kreislauf, den Kritiker als künstlich aufgeblähtes Wachstum werten. Auch Deutsche Bank-Analysten, die Microsoft grundsätzlich zum Kauf empfehlen, verwiesen zuvor auf ein Konzentrationsrisiko: Rund 45 Prozent der 625 Milliarden Dollar an vertraglich gesicherten Umsatzverpflichtungen entfielen demnach auf OpenAI allein. Bei einem RSI von 77,3 und einem Abstand von 23,23 Prozent zum 50-Tage-Durchschnitt ist die Aktie zudem technisch anfällig für Gewinnmitnahmen.
Ausblick
Solange Azure und Copilot ihr Wachstumstempo halten und die im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres in Aussicht gestellten Margen erreicht werden, dürfte die fundamentale Story die überkaufte technische Lage rechtfertigen. Kippt jedoch die Wahrnehmung der Klumpenrisiken rund um OpenAI und Anthropic – etwa durch neue Details aus dem laufenden Klageverfahren – könnte die Aktie ihre jüngsten Gewinne rasch wieder abgeben. Ein erster juristischer Meilenstein steht bereits fest: Bis zum 11. August müssen Anträge auf die Führungsrolle in der Sammelklage bei Gericht eingereicht werden, was das Verfahren erstmals konkretisiert. Anleger, die die Aktie halten, erhalten zudem am 20. August den Ex-Tag für die nächste Dividende von 0,91 Dollar je Aktie, ausgezahlt am 10. September – ein Termin, der kurzfristig für Bewegung sorgen kann, während sich die Grundsatzfrage zwischen Wachstumsstory und Rechtsrisiko erst in den kommenden Quartalsberichten entscheiden dürfte.
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