Vor sechs Wochen sprachen Analysten noch über Microsofts explodierende Rechenzentrums-Investitionen als Risikofaktor. Heute feiert der Markt genau diese Ausgaben als Beweis für Stärke. Seit dem Junitief hat sich die Aktie um fast ein Drittel erholt und steht aktuell bei 434,90 Euro. Der Auslöser sitzt tief in der Bilanz.
Ein Bilanztrick dreht die Erzählung
Die Wende kam mit den Zahlen zum vierten Geschäftsquartal Ende Juli. Alphabet wurde für steigende Investitionsausgaben abgestraft, weil sie den freien Cashflow belasten. Microsoft ging einen anderen Weg. Der Konzern verlängerte die Abschreibungsdauer seiner Rechenzentren von 15 auf 25 Jahre. Dadurch sinkt die geplante Investitionssumme für 2026 rechnerisch von rund 190 auf 175 Milliarden Dollar.
Kritiker nennen das Bilanzkosmetik. Der Markt honorierte es trotzdem – als Signal, dass die Infrastruktur hinter Azure länger hält als befürchtet. Reicht eine verlängerte Abschreibungsdauer aus, um aus einem Kostenproblem eine Wachstumsgeschichte zu machen? Die Antwort hängt davon ab, ob Azure seine Dynamik hält.
Im jüngsten Quartal legte das Cloud-Geschäft um 43 Prozent zu, elf Prozentpunkte davon kamen aus KI-Diensten. Das Segment Intelligent Cloud kam auf einen Umsatz von 39,31 Milliarden Euro. Diese Dynamik erklärt, warum Anleger über eine schwache Jahresbilanz hinwegsehen. Auf Sicht von zwölf Monaten steht die Aktie mit minus 2,53 Prozent weiterhin leicht im Minus.
Copilot verkauft sich tatsächlich
Microsoft verkauft nicht mehr nur ein Versprechen. Der Konzern zählt inzwischen 30 Millionen zahlende Copilot-Nutzer – ein Plus von 50 Prozent binnen drei Monaten.
Diese Dynamik stützt das Kursziel der Analysten von 486,83 Euro, das noch rund zwölf Prozent Luft nach oben lässt. Parallel treibt Microsoft die technische Weiterentwicklung voran. GitHub Copilot wechselt auf das neue OpenAI-Modell GPT-5.6 Sol, ein Schritt, der den Vorsprung vor der Konkurrenz sichern soll.
Überhitzt, aber nicht ohne Risiko
Die Geschwindigkeit der Rally hinterlässt Spuren in den technischen Indikatoren. Der 14-Tage-RSI liegt bei 77,6 und signalisiert eine überkaufte Aktie. Bei der aktuellen Schwankungsbreite kann eine Rally dieses Tempos schnell in eine Konsolidierung kippen.
Hinzu kommt juristischer Gegenwind. Eine Sammelklage wirft Microsoft vor, Anleger über die Leistungsfähigkeit von Copilot und die Notwendigkeit der milliardenschweren Investitionen getäuscht zu haben. Die Frist für Hauptkläger läuft am 11. August 2026 ab. Im Hintergrund bleibt zudem die Warnung von Investor Michael Burry vor einer KI-Blase präsent, während Microsofts Marktkapitalisierung inzwischen bei 3.172 Milliarden Euro liegt.
Eine verschobene Bewertungsbasis
Der 50-Tage-Durchschnitt liegt bei 352,88 Euro, rund 23 Prozent unter dem aktuellen Kurs. Das zeigt, wie schnell sich die Bewertungsbasis für Microsoft verschoben hat. Anleger sind derzeit bereit, für die weltweit führende KI-Infrastruktur einen deutlich höheren Preis zu zahlen als noch vor wenigen Wochen.
Bis dahin bleiben zwei Termine im Kalender: der 11. August für die Frist in der Sammelklage und der 20. August für den Dividendenabschlag. Zwei nahe Marken in einem Sommer, der Microsoft seinen Ruf als Wall Streets liebste KI-Wette zurückgebracht hat.
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