Es gibt Kursbewegungen, die einfach zu erklären sind, und es gibt Microsoft am Montag. Die Aktie sackte um gut drei Prozent ab, gleichzeitig meldete das Unternehmen, dass Azure im abgelaufenen Geschäftsjahr erstmals die Marke von 100 Milliarden Dollar Jahresumsatz geknackt hat, ein Plus von 41 Prozent.
Der Quartalsumsatz kletterte auf 90 Milliarden Dollar, der Nettogewinn legte um 31 Prozent zu. Wer das liest, erwartet Jubel an der Börse. Bekommen hat er das Gegenteil.
Das ist die eigentliche Geschichte dieses Sommers: Die Zahlen werden besser, die Nervosität wächst trotzdem. Morgan Stanley lieferte am Montag die Erklärung dafür, die viele Anleger insgeheim schon ahnten.
Die Investmentbank warnte, dass die Ausgaben der großen Cloud-Konzerne für KI-Infrastruktur schneller wachsen als die Einnahmen, die daraus zurückfließen. Bei Microsoft sind rund 190 Milliarden Dollar an KI-Kapitalausgaben für das laufende Jahr eingeplant, dem stehen 77 Milliarden Dollar Cash und 129 Milliarden Dollar Schulden gegenüber.
Der erwartete freie Cashflow für 2026 liegt bei etwa 67 Milliarden Dollar. Berichten zufolge sind bislang nur rund 2,2 Millionen KI-Chips in den Rechenzentren installiert, nur halb so viele wie ursprünglich erwartet.
Wenn Wachstum zur Vertrauensfrage wird
Man muss diese Zahlen nebeneinanderlegen, um zu verstehen, warum ein Rekordquartal die Aktie nicht beflügelt, sondern belastet. Microsoft ist längst kein Softwarehaus mehr, das man an Lizenzverkäufen misst. Es ist zum Infrastruktur-Wettrüster geworden, und an dieser Front zählt nicht mehr nur, wie viel Umsatz hereinkommt, sondern ob das, was investiert wird, sich in vertretbarer Zeit auszahlt.
Eine Analyse des Wall Street Journal beziffert die branchenweiten künftigen Verpflichtungen von Konzernen wie Alphabet, Amazon, Meta, Oracle, Nvidia, Broadcom und eben Microsoft für KI-Infrastruktur auf rund drei Billionen Dollar, davon 1,2 Billionen Dollar für noch nicht begonnene Leasingverträge. Das ist eine Wette auf die Zukunft, die sich nicht in einem Quartal beweisen lässt.
Zugleich zeigt sich, dass das Cloud-Geschäft insgesamt kein Luftschloss ist. Amazon Web Services wuchs im zweiten Quartal um 37 Prozent, das schnellste Tempo seit 18 Quartalen. Google Cloud legte um 82 Prozent zu, Azure selbst wuchs zwischen 40 und 45 Prozent.
Die kombinierten Kapitalausgaben von Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta sollen sich 2026 auf 725 bis 760 Milliarden Dollar belaufen, im Jahr darauf auf rund 900 Milliarden Dollar. Das ist kein Rückzug, das ist eine Beschleunigung. Die Frage, die den Kurs bewegt, ist nicht ob die Cloud wächst, sondern ob sie schnell genug wächst, um die Wette zu rechtfertigen.
Zwischen Konsolidierung und Konsens
Während die großen Zahlen die Schlagzeilen prägen, zeigt sich Microsofts Appetit auch im Kleinen. Gemeinsam mit Salesforce und ADP soll der Konzern Interesse an einer Übernahme des KKR-finanzierten HR-Softwareanbieters Darwinbox bekundet haben, der eine Bewertung von 1,8 bis 2 Milliarden Dollar anpeilt und zwischen Börsengang und Übernahme abwägt. Es ist ein kleines Beispiel dafür, wie Microsoft parallel zu den Milliarden-Wetten auf KI-Infrastruktur auch im Software-Ökosystem nachlegt, wo Wettbewerber wie Workday, Oracle und SAP sitzen.
An der Wall Street bleibt der Analystenkonsens trotz der Kursdelle bemerkenswert stabil. Mehrere Häuser stufen die Aktie weiterhin als „Moderate Buy“ oder „Strong Buy“ ein, mit Kurszielen zwischen 560 und rund 564 Dollar.
Institutionelle Investoren wie Summitry, Axiom Investment Management und Prospect Capital Advisors bauten ihre Positionen im ersten Quartal aus, während andere, etwa Alpine Woods Capital, ihre Bestände reduzierten. Auch das ist Ausdruck der aktuellen Gemengelage: Niemand bestreitet das Wachstum, aber die Meinungen darüber, wie teuer der Weg dorthin werden darf, gehen auseinander.
Der deutsche Kurs notierte am Montag bei 415,10 Euro, nach einem Rückgang von drei Prozent binnen Tagesfrist und fünf Prozent auf Wochensicht. Zum bisherigen Jahreshoch von 478,10 Euro, erreicht Ende Oktober, fehlen der Aktie derzeit 13 Prozent. Auf Monatssicht steht dennoch ein Plus von 18 Prozent zu Buche.
Wer daraus eine einfache Richtung ableiten will, wird enttäuscht: Microsoft bewegt sich derzeit nicht entlang einer Story, sondern entlang zweier gegenläufiger Erzählungen gleichzeitig, und die Börse hat sich noch nicht entschieden, welcher sie mehr glaubt.
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