Der Speichermarkt erlebt am heutigen Donnerstag eine der schärfsten Verkaufswellen der vergangenen Monate. Ausgelöst wurde der Ausverkauf von enttäuschenden Prognosen der Konkurrenten SanDisk und Western Digital – und Micron gerät mitten in den Strudel, obwohl das Unternehmen selbst gar keine neuen Zahlen vorgelegt hat.
Starke Quartale, schwache Ausblicke
Der Auslöser sitzt bei den Wettbewerbern: SanDisk meldete für das vierte Fiskalquartal einen Umsatz von 8,97 Milliarden Dollar, ein Plus von 372 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei einem Non-GAAP-Gewinn von 39,25 Dollar pro Aktie. Western Digital steigerte den Umsatz um 44 Prozent auf 3,747 Milliarden Dollar. Beide Unternehmen übertrafen damit die Erwartungen deutlich. Der Haken liegt in der Prognose: SanDisk stellte für das laufende Quartal einen Umsatz von 10,3 bis 10,8 Milliarden Dollar in Aussicht – der Mittelwert liegt unter dem, was der Markt erwartet hatte. Die Reaktion fiel entsprechend heftig aus: Western Digital brach zeitweise um 16 Prozent ein, SanDisk verlor 11 Prozent. Der Halbleiterindex Philadelphia Semiconductor rutschte nach Angaben aus dem Marktumfeld um rund 20 Prozent ab und damit in einen Bärenmarkt.
Micron selbst hat weder neue Geschäftszahlen noch eine eigene Prognose veröffentlicht, wird aber als dritter großer Speicherhersteller neben Western Digital und SanDisk direkt in den Ausverkauf hineingezogen. Die Aktie fiel im US-Handel zeitweise um rund 6 Prozent auf 844 Dollar, an anderer Stelle wurden Rückgänge von 3 bis 4 Prozent gemessen. Zwischenzeitlich pendelte der Titel zwischen einem Tagestief von 827 Dollar und einem Tageshoch von 913,33 Dollar, bei einem Handelsvolumen von rund 29,3 Millionen Stück – ein Ausschlag, der die Nervosität im gesamten Sektor widerspiegelt. In Asien traf es die Konkurrenz noch härter: SK Hynix brach um mehr als 10 Prozent ein, Samsung verlor bis zu 6,3 Prozent, Kioxia rutschte ebenfalls zweistellig ab.
Rekordquartal, aber Zweifel an der Bewertung
Für Micron selbst ist die Gemengelage widersprüchlich. Das Unternehmen hatte im Juni ein Rekordquartal ausgewiesen, die Aktie ist seither um rund 32 Prozent gefallen – ein Hinweis darauf, dass Anleger die extrem hohen Bewertungen im Speichersektor zunehmend hinterfragen, obwohl die operative Entwicklung stimmt. Einem aktuellen Bericht zufolge haben Samsung, SK Hynix und Micron ihre gesamte Produktionskapazität für 2027 bereits an KI-Unternehmen verkauft, was auf eine anhaltende Knappheit bei Arbeitsspeicherchips hindeutet. Nach Daten von Counterpoint Research hält Micron im DRAM-Markt einen Anteil von 25 Prozent, hinter Samsung mit 39 Prozent und SK Hynix mit 26 Prozent.
Die Bewertung wirkt inzwischen ungewöhnlich günstig gemessen an den Wachstumsraten: Micron wird mit einem Forward-Kurs-Gewinn-Verhältnis von lediglich 4,8 gehandelt, während das höchste Kursziel am Markt bei 2.200 Dollar liegt – rechnerisch ein Aufwärtspotenzial von mehr als 150 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Goldman Sachs empfahl nach den jüngsten Kursverlusten explizit den Einstieg bei den Wettbewerbern Samsung und SK Hynix, die binnen eines Monats um 27 beziehungsweise 36 Prozent gefallen waren – ein Signal, das die Diskussion über Einstiegschancen auch für Micron befeuert.
Makroökonomische Warnsignale belasten die Stimmung
Zusätzlichen Gegenwind liefert eine grundsätzliche Sorge um das Ausgabeverhalten der großen Cloud-Konzerne. Torsten Slok, Chefökonom bei Apollo, warnte, die Investitionen der Hyperscaler in Künstliche Intelligenz würden bis 2029 auf rund 3 Prozent der US-Wirtschaftsleistung zusteuern und damit fast doppelt so schnell wachsen wie einst der Immobilienboom. Sein Fazit: Ein ähnlich schnelles Abklingen sei nicht auszuschließen. Solche Warnungen treffen einen Speichermarkt, der zuletzt fast ausschließlich von der Nachfrage aus Rechenzentren getragen wurde.
Kursbild bleibt angespannt
Der deutsche Handel bewertet Micron aktuell mit 774,60 Euro, ein Minus von 0,44 Prozent gegenüber dem Vortag. Vom 52-Wochen-Hoch bei 1.103,80 Euro, erreicht Ende Juni, trennen die Aktie inzwischen knapp 30 Prozent. Der jüngste Kursrutsch der vergangenen 30 Tage summiert sich auf ein Minus von 5,80 Prozent – ein deutliches Zeichen dafür, dass der branchenweite Vertrauensverlust bei Speicherwerten auch an Micron nicht spurlos vorbeigeht, trotz der langfristig weiterhin außergewöhnlichen Kursentwicklung seit Jahresbeginn.
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