Micron Technology liefert derzeit die vielleicht widersprüchlichste Kursstory des Halbleitersektors: Das Unternehmen übertrifft die Erwartungen der Wall Street im dritten Fiskalquartal deutlich – und die Aktie fällt trotzdem kräftig. Am Freitag schloss das Papier in Frankfurt bei 809,20 Euro, ein Minus von 6,96 Prozent an einem einzigen Handelstag. Über die vergangenen 30 Tage steht ein Rückgang von 12,14 Prozent zu Buche, während die Aktie seit Jahresbeginn dennoch um 220,98 Prozent zugelegt hat. Vom 52-Wochen-Hoch trennen das Papier inzwischen 26,69 Prozent, und auch der 50-Tage-Durchschnitt liegt mit einem Abstand von minus 4,02 Prozent nun über dem aktuellen Kurs.
Zahlen schlagen Schätzungen deutlich
Der Auslöser für die Skepsis liegt nicht in den Geschäftszahlen selbst. Micron meldete für das dritte Fiskalquartal einen Umsatz von 41,46 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 345,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr und klar über der Analystenschätzung von 35,91 Milliarden Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie kam auf 25,11 Dollar und übertraf den Konsens von 21,39 Dollar – nach Angaben aus dem Umfeld des Unternehmens bereits der achte Quartalsbeat in Folge. Die bereinigte Bruttomarge kletterte auf rund 85 Prozent. Für das laufende vierte Fiskalquartal stellt Micron einen Umsatz von etwa 50 Milliarden Dollar sowie einen Gewinn je Aktie zwischen 30 und 32 Dollar in Aussicht. Untermauert wird der Optimismus durch 16 mehrjährige Lieferverträge mit einem Volumen von rund 22 Milliarden Dollar sowie die Aussage, dass die Nachfrage nach Speicherchips für Künstliche Intelligenz (HBM) bis 2027 bereits ausverkauft sei.
Dass die Aktie trotz dieser Zahlen unter Druck geriet, hängt mit einer breiteren Verkaufswelle im Sektor zusammen. Der Philadelphia Semiconductor Index verlor im Juli rund 18 Prozent, nachdem er sich im ersten Halbjahr nahezu verdoppelt hatte. Analysten sprechen von einer Neubewertung mitten im Zyklus, nicht von einem Nachfrageeinbruch – die Kursreaktion habe die Fundamentaldaten regelrecht „widerlegt“, wie es in Marktkommentaren hieß.
Morgan Stanley und Bank of America sehen Einstiegspunkt
Genau diese Diskrepanz zwischen Zahlen und Kurs nutzen mehrere Häuser als Argument für den Einstieg. Morgan Stanley bezeichnete den Ausverkauf bei Speicherchip-Werten als „starken Einstiegspunkt“ für Micron und Sandisk, nachdem sich die Preise für Speicherprodukte in diesem Quartal um 25 Prozent verteuert hatten. Bank-of-America-Analyst Vivek Arya hob sein Kursziel für Micron am 17. Juli auf 1.550 US-Dollar an – ein Aufwärtspotenzial von 83 Prozent gegenüber dem damaligen Schlusskurs. Arya begründet das mit einem für 2030 erwarteten HBM-Marktvolumen von 246 Milliarden Dollar sowie einem aus seiner Sicht mit einem Forward-KGV von 5 extrem günstig bewerteten Titel. Insgesamt bewerten 24 von 26 erfassten Analysten die Aktie mit Kaufempfehlungen, nur zwei raten zu Halten; das durchschnittliche Kursziel liegt bei 1.268,93 Dollar.
Auf der anderen Seite der Wette steht Investor Michael Burry, der seine Short-Position gegen Micron und Nvidia zuletzt ausgebaut hat. Sein Argument: Ein erheblicher Teil der KI-Nachfrage stamme nicht von echten Endkunden, sondern werde über außerbilanzielle Finanzierungskonstruktionen künstlich erzeugt. Burry verweist zudem auf einen Bericht der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, wonach sich Kredite an den KI- und IT-Sektor über Privatschulden-Fonds binnen fünf Jahren vervierfacht hätten, und rechnet mit einer Korrektur von rund 30 Prozent im Halbleitersektor.
Institutionelle kaufen, Insider verkaufen
Auf Investorenebene zeigt sich ein gemischtes Bild. Mehrere institutionelle Anleger, darunter Van Diest Capital und Insight Holdings Group, bauten ihre Micron-Positionen im ersten Quartal aus, begleitet von größeren Zukäufen etwa der Norges Bank. Gleichzeitig verkauften Unternehmensinsider binnen 90 Tagen Aktien im Wert von umgerechnet rund 152,7 Millionen Dollar – darunter Micron-Chef Sanjay Mehrotra, der am 1. Mai 40.000 Aktien zu je 536,26 Dollar veräußerte, sowie Direktorin Lynn Dugle, die Ende Juni 1.300 Aktien zu 1.150,43 Dollar abgab.
Im Hintergrund verschärft sich zudem der Wettbewerb um die Speicherchip-Wertschöpfungskette: Konkurrent Samsung meldete den ersten Versand von HBM4E-Mustern und unterzeichnete mit Broadcom eine milliardenschwere Kooperation über Speicher, Foundry und Advanced Packaging. Nach Marktschätzungen hält SK Hynix derzeit einen HBM-Marktanteil von 57 Prozent, Samsung von 22 Prozent und Micron von 21 Prozent – bei einem Gesamtmarkt, der sich Prognosen zufolge von 76 Milliarden Dollar in diesem Jahr auf 156 Milliarden Dollar bis 2027 nahezu verdoppeln soll.
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