Micron Technology steckt mitten in einem der schärfsten Kursrückgänge der jüngeren Handelsgeschichte – und das trotz eines Rekordquartals. Die Aktie notiert aktuell bei 759,20 Euro und liegt damit rund 31 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 1.103,80 Euro. Allein in den vergangenen 30 Tagen verlor der Titel 23,52 Prozent. Am Rekordtag legte die Aktie zwar um 1,73 Prozent zu, doch der Abstand zum gleitenden 50-Tage-Durchschnitt bleibt mit -8,36 Prozent deutlich negativ. Speicherchip-Werte insgesamt sind nach Einschätzung mehrerer Analysehäuser in einen Bärenmarkt gerutscht, der gesamte Chipsektor soll binnen eines Monats rund 3,3 Billionen US-Dollar an Marktwert verloren haben.
Rekordzahlen treffen auf Wachstumssorgen
Auslöser der Verunsicherung sind nicht die Geschäftszahlen selbst. Im dritten Geschäftsquartal des Fiskaljahres 2026, das am 28. Mai endete, erzielte Micron einen Umsatz von 41,46 Milliarden US-Dollar – ein Vielfaches des Vorjahreswerts. Die bereinigte Bruttomarge lag bei 84,9 Prozent, der bereinigte Gewinn je Aktie erreichte 25,11 US-Dollar und übertraf den Konsens von 21,39 US-Dollar deutlich. Der freie Cashflow kletterte auf einen Rekordwert von 18,3 Milliarden US-Dollar. Für das vierte Quartal stellte Micron einen Umsatz von rund 50 Milliarden US-Dollar, eine Bruttomarge von etwa 86 Prozent sowie einen bereinigten Gewinn je Aktie zwischen 30 und 32 US-Dollar in Aussicht. Dem Unternehmen zufolge übersteigt die Nachfrage nach DRAM-Speicher das Angebot bis weit über das Jahr 2027 hinaus.
Anleger fürchten dennoch, der Boom könnte seinen Zenit überschritten haben. Als Belastungsfaktoren gelten wachsende Konkurrenz aus China durch den Speicherhersteller CXMT, ein deutlich gestiegenes Short-Interest auf Dreijahreshoch sowie strukturelle Risiken für die gesamte Branche: Verzögerungen beim Bau von Rechenzentren durch Genehmigungsstopps in einzelnen US-Bundesstaaten und Beschränkungen in Amsterdam, schwache PC- und Smartphone-Nachfrage sowie ein forcierter Kapazitätsausbau bei Samsung, SK Hynix und eben CXMT. Micron selbst plant für das laufende Geschäftsjahr Investitionen von rund 27 Milliarden US-Dollar.
Langfristverträge sollen Umsätze absichern
Um die Volatilität des Speicherzyklus abzufedern, hat Micron 16 sogenannte Strategic Customer Agreements abgeschlossen. Diese Verträge decken rund 20 Prozent des DRAM- und 33 Prozent des NAND-Volumens ab und sollen künftig mehr als die Hälfte des Gesamtumsatzes generieren. 14 der Vereinbarungen sichern Mindestumsätze von zusammen rund 100 Milliarden US-Dollar bis 2030, gestützt durch Kundenanzahlungen von etwa 22 Milliarden US-Dollar. Die Take-or-Pay-Struktur mit flexiblen Preisbändern soll Micron vor den scharfen Preisverwerfungen früherer Zyklen schützen.
Ein weiterer Baustein sind sieben neue Automobilpartnerschaften mit Qualcomm, DENSO, Hyundai Mobis, Astemo, Visteon, HARMAN und JOYNEXT. Die Abkommen betreffen Speicherlieferungen für Infotainment-Systeme, Fahrerassistenz und vernetzte Fahrzeugelektronik und sollen gemeinsame Technologie-Roadmaps ermöglichen. Der Automobilbereich trägt bislang rund elf Prozent zum Konzernumsatz bei, während Cloud- und Rechenzentrumsgeschäft den mit Abstand größten Anteil stellen.
Analysten bleiben trotz Kursrutsch überwiegend optimistisch
Die Analystengemeinde reagierte auf den Ausverkauf bislang kaum mit Herabstufungen. KeyBanc bestätigte ein Kursziel von 1.750 US-Dollar bei Overweight, Cantor Fitzgerald sieht 2.000 US-Dollar, ebenfalls Overweight. UBS nannte 1.625 US-Dollar, Stifel 1.500 US-Dollar und Mizuho 1.375 US-Dollar als Kursziel. Erste Group Bank vergab ein Kaufrating und schätzt den Gewinn je Aktie für das laufende Geschäftsjahr auf 72,17 US-Dollar, für das kommende Jahr auf 153,94 US-Dollar. Der durchschnittliche Analystenkonsens liegt bei einem Kursziel von 1.268,93 US-Dollar, bei insgesamt 24 Kauf- und 2 Halten-Einstufungen ohne eine einzige Verkaufsempfehlung.
Zentraler Wachstumstreiber bleibt das Geschäft mit High-Bandwidth-Memory. Micron hat nach eigenen Angaben seine HBM4-Kapazitäten bereits bis 2026 vollständig verkauft und produziert den Speicher inzwischen im großen Maßstab, mit Qualifizierungsmustern für mehrere Kunden. Das Unternehmen strebt einen Marktanteil von rund 22 Prozent im HBM-Segment an. Ein wichtiger Wendepunkt für die Bewertung dürfte laut Marktbeobachtern der Gewinn eines großen Kunden außerhalb des bisherigen Nvidia-Ökosystems sein, da kundenspezifische KI-Beschleuniger zunehmend als eigenständige Nachfragequelle für HBM-Speicher gelten.
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