Die Aktie von Micron Technology hat einen der schärfsten Kurseinbrüche ihrer jüngeren Geschichte hinter sich – ausgerechnet nach einem Quartal, das operativ zu den stärksten in der Firmengeschichte zählt. Am deutschen Markt schloss das Papier am Freitag bei 714,70 Euro, ein Minus von 5,86 Prozent an einem einzigen Handelstag. Über die vergangenen 30 Tage summiert sich der Rückgang auf 21,71 Prozent. Der Ausverkauf trifft einen Speicherhersteller, dessen Geschäftszahlen und Auftragsbücher eigentlich das Gegenteil signalisieren.
Rekordzahlen im dritten Quartal
Im dritten Fiskalquartal 2026 erzielte Micron einen Umsatz von 41,46 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 345,8 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Der Gewinn je Aktie kletterte auf 25,11 US-Dollar und übertraf den Analystenkonsens von 21,39 US-Dollar deutlich. Der Nettogewinn belief sich auf 28,24 Milliarden US-Dollar, die Bruttomarge lag nahe 85 Prozent. Für das vierte Quartal stellt das Unternehmen einen Umsatz von rund 50 Milliarden US-Dollar und einen Gewinn je Aktie zwischen 30 und 32 US-Dollar in Aussicht.
Vorstandschef Sanjay Mehrotra bezeichnete die KI-getriebene Speicherknappheit als „beispiellos“ und geht davon aus, dass die engen Marktbedingungen über das Jahr 2026 hinaus anhalten. Nach seinen Angaben verschlingen Rechenzentren für Künstliche Intelligenz derzeit rund 70 Prozent des weltweiten Speicherangebots. Strategische Kundenverträge, die etwa die Hälfte des künftigen Umsatzes abdecken, brachten Micron bereits Kundenanzahlungen von 22 Milliarden US-Dollar ein. 16 Take-or-Pay-Vereinbarungen sichern dem Unternehmen nach Angaben aus der Berichterstattung ein Mindestumsatzvolumen von rund 100 Milliarden US-Dollar bis zum Jahr 2030.
Sektor-Rout überlagert die Fundamentaldaten
Auslöser des jüngsten Ausverkaufs war weniger Micron selbst als vielmehr die Börseneinführung des chinesischen Speicherherstellers ChangXin Memory in Shanghai, dessen Kurs um 466 Prozent zulegte und der damit auf eine Marktbewertung von rund 487 Milliarden US-Dollar kam. Der damit verbundene Überangebots-Schreck erfasste die gesamte Speicherbranche und drückte auch südkoreanische Werte wie Samsung und SK Hynix, die zusammen rund die Hälfte des koreanischen Leitindex Kospi ausmachen. Der Index verlor in drei Handelstagen mehr als 17 Prozent, ausländische Investoren zogen netto 116 Milliarden US-Dollar aus koreanischen Aktien ab.
Parallel dazu meldete Apple-Chef Tim Cook eine „hundertjährige Flut“ bei den Speicherpreisen und erhöhte in der Folge die Preise für Mac, iPad und Vision Pro um 150 bis 300 US-Dollar – ein Beleg dafür, wie stark die Knappheit inzwischen auf die gesamte Elektronikbranche durchschlägt. Samsung wiederum signalisierte mit Rekordgewinnen im Halbleitergeschäft, dass die Engpässe bei KI-Speicher bis in das Jahr 2028 anhalten könnten.
Dass ausgerechnet in dieser Phase auch Micron-Vorstandschef Mehrotra Aktien im Wert von rund 37,3 Millionen US-Dollar veräußerte, sorgte zusätzlich für Nervosität – der Verkauf erfolgte jedoch über einen vorab festgelegten Handelsplan und lässt sich nicht unmittelbar als Vertrauenssignal deuten.
Analysten bleiben trotz Kurssturz optimistisch
Trotz des Rückschlags rückt die Wall Street kaum von ihrem positiven Bild ab. Mizuho hob sein Kursziel für Micron von 800 auf 1.150 US-Dollar an und begründet dies mit der zusätzlichen DRAM-Nachfrage durch sogenannte Agentic-AI-Anwendungen, die das jährliche DRAM-Wachstum auf über 30 Prozent treiben soll. Der Analyst Ben Reitzes von Melius Research hält trotz des Sektor-Ausverkaufs an seinem Kursziel von 2.200 US-Dollar fest.
Nach einer Auswertung des Anlegerportals Motley Fool stufen 40 von 45 Analysten die Aktie mit „Buy“ oder „Strong Buy“ ein, das durchschnittliche Kursziel liegt demnach mehr als 80 Prozent über dem aktuellen Kursniveau. Weitere Kursziele reichen von 1.100 US-Dollar bei Goldman Sachs bis zu 2.000 US-Dollar bei DA Davidson. Institutionelle Anleger halten nach Angaben aus Pflichtmitteilungen rund 80,84 Prozent der Micron-Aktien, mehrere Fonds bauten ihre Positionen zuletzt kräftig aus.
Für Anleger bleibt die Kernfrage, ob der jüngste Kursrutsch eine Übertreibung des Marktes gegenüber einem strukturell knappen Speichermarkt darstellt – oder ob die aggressive Kapazitätsausweitung chinesischer Anbieter das langfristige Preisgefüge tatsächlich zu kippen droht.
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