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Meta: Muse soll die Milliarden rechtfertigen

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Meta Platforms hat im zweiten Quartal 2026 netto knapp 16 Milliarden Dollar verdient. Als freier Cashflow blieben davon weniger als 800 Millionen Dollar übrig. Der Rest floss in Rechenzentren, Server und KI-Chips. Für das Gesamtjahr plant der Konzern Investitionen von 130 bis 145 Milliarden Dollar. Das gehört zu den größten Investitionsprogrammen der Unternehmensgeschichte.

Die Börse quittiert das mit Skepsis. Die Meta Aktie hinkt dem breiten Technologiesektor seit Monaten hinterher. Seit September gibt es allerdings eine neue Größe in der Gleichung. Sie heißt Muse und liefert eine Erklärung dafür, wofür Mark Zuckerberg die Milliarden ausgibt.

Meta Aktie im Schatten der Investitionswelle

Die operative Basis von Meta ist intakt. Der Umsatz stieg im zweiten Quartal um 28 Prozent auf 60,8 Milliarden Dollar. Die Zahl der Werbeeinblendungen legte um 14 Prozent zu, der durchschnittliche Anzeigenpreis um 12 Prozent. Künstliche Intelligenz steuert die Auslieferung der Werbung heute deutlich präziser als noch vor wenigen Jahren. Werbekunden zahlen dafür mehr.

Auf der Ergebnisseite sieht das Bild anders aus. Die operative Marge fiel von 43 auf 31 Prozent. Der Gewinn je Aktie sank um 13 Prozent auf 6,18 Dollar. Belastend wirkten Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten von 2,4 Milliarden Dollar sowie Abfindungen nach einem Stellenabbau im Mai. Den größten Druck erzeugen aber die Abschreibungen auf die neue Infrastruktur. Diese Last wächst mit jedem fertiggestellten Rechenzentrum.

Marktbeobachter rechnen damit, dass Metas freier Cashflow 2026 negativ ausfällt. Für 2027 erwarten sie sogar ein Minus von rund 25 Milliarden Dollar. Im vergangenen Jahr standen dagegen noch knapp 44 Milliarden Dollar auf der Habenseite. Erst ab 2028 soll sich das Blatt wieder wenden. Für Anleger, die den freien Cashflow als Maß aller Dinge betrachten, ist das eine harte Geduldsprobe.

Was Muse von einem Chatbot unterscheidet

Muse ist ein persönlicher KI-Agent. Er beantwortet nicht nur Fragen, er erledigt Aufgaben. Der Agent schreibt E-Mails, bucht Reisen, füllt Formulare aus und schließt Einkäufe ab. Dafür öffnet er einen eigenen Browser in der Cloud. Nutzer können ihm bei der Arbeit zusehen und jederzeit eingreifen. Auch nach dem Schließen der App arbeitet Muse weiter.

Technisch läuft jeder Agent in einer eigenen virtuellen Maschine, also einem abgeschotteten Rechner im Rechenzentrum. Meta betont, dass diese Daten nicht in die Werbesysteme fließen. Ein zweiter Agent namens Sentinel prüft alles, was Muse ins Internet sendet. Sensible Schritte wie das Absenden einer Mail oder eine Zahlung muss der Nutzer freigeben.

An dieser Stelle schließt sich der Kreis zu den Investitionen. Ein virtueller Rechner pro Nutzer verschlingt enorme Rechenkapazität. Wer Hunderte Millionen Menschen mit eigenen Agenten versorgen will, braucht die Art von Infrastruktur, an der Meta derzeit baut. Die Milliardenausgaben erscheinen damit in einem anderen Licht.

Ein Start mit Rekordtempo

Der Start verlief schneller als bei fast allen KI-Anwendungen zuvor. Nach Daten des Analysehauses Sensor Tower überschritt Muse nach 22 Tagen die Marke von fünf Millionen Downloads. ChatGPT benötigte dafür 56 Tage, Grok von xAI sogar 103 Tage. Seit dem 18. September führt Muse die Download-Charts im App Store an, einen Tag später übernahm der Agent auch bei Google Play die Spitze. Die Nutzerbewertungen liegen bei 4,9 beziehungsweise 4,7 von fünf Sternen.

Dabei ist Muse bislang nur in den USA verfügbar. Neben eigenen Apps für iOS und Android erreicht der Agent Nutzer auch über WhatsApp. Meta zählte im Juni 3,6 Milliarden täglich aktive Nutzer über alle Apps hinweg. Diese Reichweite ist ein Vertriebskanal, den kein Konkurrent in vergleichbarer Größe besitzt.

Hinzu kommt der Datenvorsprung. Ein KI-Agent arbeitet umso besser, je mehr Kontext er kennt. Über seine Apps kennt Meta das soziale Umfeld, die Interessen und die Kaufgewohnheiten seiner Nutzer. Ein unabhängiger Anbieter muss sich dieses Wissen mühsam erarbeiten.

Drei Wege zum Umsatz

Die Basisversion ist kostenlos. Für intensivere Nutzung verlangt Meta 20 Dollar im Monat, die stärkste Variante kostet 100 Dollar. Abonnements sind aber nur der naheliegendste Weg zu Erlösen.

Der zweite Weg führt über den Handel. Meta hat Kooperationen mit Shopify, Walmart und PayPal angekündigt. Wenn Muse im Auftrag eines Nutzers einkauft, kann Meta einen kleinen Anteil am Umsatz einbehalten. Bei Milliarden von Transaktionen summieren sich auch Bruchteile eines Prozents zu beachtlichen Beträgen.

Der dritte Weg ist ungewöhnlicher. Viele Nutzer setzen Muse ein, um Geld zu sparen. Der Agent verhandelt Kabel- und Stromverträge nach oder kündigt vergessene Abonnements. Marktbeobachter sehen darin eine weitere Erlösquelle. Meta könnte einen kleinen Teil dieser Ersparnis als Gebühr beanspruchen. Das Prinzip erinnert an Erfolgshonorare, wie sie Berater seit Jahrzehnten nutzen.

Strategisch unterscheidet sich Meta damit deutlich von OpenAI. Der ChatGPT-Entwickler muss seine KI direkt über Abonnements finanzieren. Meta kann die Verbreitung von Muse dagegen mit den Gewinnen aus dem Werbegeschäft subventionieren. Dieser Vorteil zählt in einer Phase, in der Reichweite wichtiger ist als kurzfristige Erlöse.

Die Risiken der Meta Aktie

Die Erfolgsgeschichte hat Schattenseiten. Ein Agent mit Zugriff auf E-Mails, Bankkonten und Kaufentscheidungen ruft zwangsläufig Regulierer auf den Plan. Meta hat beim Datenschutz eine belastete Vorgeschichte. Die Rechtskosten des zweiten Quartals zeigen, wie teuer Konflikte mit Behörden und Klägern werden können.

Erste Reibungen mit anderen Plattformen gibt es bereits. Amazon blockierte Muse für automatisierte Einkäufe auf seinem Marktplatz. Händler, die ihre Kundenbeziehung nicht an einen KI-Agenten abgeben wollen, könnten diesem Beispiel folgen.

Dazu kommt die Frage nach Zuckerbergs Kapitaldisziplin. Das Metaverse hat Milliarden verschlungen, ohne bislang nennenswerte Erträge zu liefern. Die Sparte Reality Labs meldete im zweiten Quartal erneut einen operativen Verlust von 4,6 Milliarden Dollar. Ein zweiter Fehlschlag dieser Größenordnung würde das Vertrauen der Anleger schwer beschädigen.

Die finanzielle Absicherung ist dennoch solide. Sollte Muse enttäuschen, könnte Meta überschüssige Rechenkapazität an Dritte vermieten und die Investitionen zurückfahren. Das Wachstum würde sich dann verlangsamen. Die hohen Margen des Werbegeschäfts kämen aber zurück.

Bewertung mit Puffer nach unten

Gemessen an den Gewinnschätzungen für 2027 ist die Meta Aktie mit rund dem 21-Fachen bewertet. Für einen Konzern mit einem Umsatzwachstum von über 20 Prozent ist das kein überzogenes Niveau. Die Prognosen für den Gewinn je Aktie liegen für 2027 bei knapp 35 Dollar, für 2028 bei rund 40 Dollar.

Modellrechnungen von Marktbeobachtern kommen selbst im vorsichtigen Szenario auf eine jährliche Rendite von gut zwölf Prozent bis 2030. Dabei unterstellen sie, dass Muse sich nicht dauerhaft durchsetzt. Gelingt dem Agenten der Durchbruch zum Massenprodukt, liegen die errechneten Renditen deutlich höher. Solche Rechnungen beruhen auf Annahmen und bieten keine Garantie. Sie zeigen aber, wie viel Skepsis bereits im Kurs steckt.

Fazit: Die Wette auf den digitalen Assistenten für alle

Meta verwandelt sich vom Werbekonzern in einen Infrastrukturbetreiber für persönliche KI. Der Preis dafür sind drei Jahre mit schwachem oder negativem freien Cashflow. Die Börse richtet ihren Blick vor allem auf diese Lücke. Muse liefert nun erste Belege dafür, dass am Ende der Investitionsphase mehr steht als teure Rechenzentren.

Entscheidend werden die kommenden Quartale. Wachsen die Nutzerzahlen auch außerhalb der USA und zahlen genug Menschen für die Premium-Versionen, verschiebt sich die Debatte. Dann rückt die Höhe der Erträge in den Mittelpunkt und die Höhe der Ausgaben verliert ihren Schrecken. Anleger in der Meta Aktie brauchen bis dahin vor allem Geduld.

Carsten Müller

Senior Kapitalmarktanalyst & Finanzpublizist

Expertise: Fundamentalanalyse globaler Kapitalmärkte | Zukunftstechnologien | Strategische Asset-Allokation

Profil

Mit drei Jahrzehnten Kapitalmarkterfahrung gehört Carsten Müller zu den führenden Finanzanalysten im deutschsprachigen Raum. Der Berliner Kapitalmarktexperte verfügt über fundierte Kenntnisse in der Bewertung internationaler Aktien- und Anleihemärkte und hat sich insbesondere auf die Identifikation langfristiger Megatrends spezialisiert.

Seine Analysemethodik basiert auf einem bewährten Zweisäulenmodell: Fundamentale Unternehmensanalyse kombiniert mit präzisen Timing-Strategien. Dieser integrative Ansatz ermöglicht es ihm, strukturelle Wachstumschancen frühzeitig zu identifizieren und optimal zu nutzen.

Berufliche Stationen

Nach seinem Einstieg in die Finanzbranche bei der n-tv Telebörse prägte er maßgeblich die redaktionelle Ausrichtung führender Börsenpublikationen. Als Chefredakteur und Herausgeber verantwortet er heute mehrere Fachpublikationen, darunter den renommierten Börsendienst "Future Money", der sich auf disruptive Technologien und deren Kapitalmarktpotenzial fokussiert.

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  • KI, Cybersecurity und digitale Transformation

Publikationsformate

Neben seiner analytischen Tätigkeit vermittelt Carsten Müller Kapitalmarktwissen in verschiedenen Formaten. Sein Podcast "Papa, erklär mal Börse" überbrückt generationenübergreifend die Kluft zwischen komplexer Finanztheorie und praktischer Anwendung. Diese Kombination aus tiefgreifender Expertise und verständlicher Kommunikation macht ihn zu einem gefragten Experten für institutionelle und private Anleger.