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Marvell auf Allzeithoch, Infineon im Höhenrausch — Singulus kämpft um den Anschluss

Marvell und Infineon erreichen neue Höchststände, während Singulus mit Verlusten kämpft. Der KI-Boom treibt die Halbleiterbranche weiter an.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Marvell auf Allzeithoch dank KI-Chip-Projekten
  • Infineon mit neuem 52-Wochen-Hoch im DAX
  • Süss MicroTec profitiert von HBM-Boom
  • Singulus kämpft mit operativen Verlusten

Drei mögliche Chip-Projekte für Alphabet, ein AMD-Einstieg per 13F-Filing und eine Verdopplung des UBS-Kursziels bei Süss MicroTec: Die KI-getriebene Rallye im Halbleitersektor erreicht eine neue Eskalationsstufe. Während Marvell Technology und Infineon heute frische Rekordstände markieren, ringt Singulus mit roten Zahlen um Glaubwürdigkeit.

Marvell Technology: Drei Katalysatoren treiben den Kurs auf Rekordhoch

Der Tag gehört Marvell. Die Aktie erreichte am Donnerstag ein neues Allzeithoch und notiert bei 160,46 Euro — ein Plus von 5,68 % gegenüber dem Vortag. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs mehr als verdoppelt.

Was den Ausbruch antrieb, war ein dreifacher Impuls. Berichte über eine mögliche Zusammenarbeit mit Alphabet sorgten für Fantasie: Marvell soll an mehreren KI-Chip-Projekten für Google arbeiten, darunter ein inferenzoptimierter Tensor-Chip und eine Memory Processing Unit. Offiziell bestätigt ist das bisher nicht — aber allein die Spekulation reichte, um den Kurs anzuschieben.

Hinzu kam ein strategischer Einstieg von AMD. Über ein 13F-Filing wurde bekannt, dass der Chipkonkurrent eine Beteiligung an Marvell aufgebaut hat. Gleichzeitig überschlugen sich die Analystenupgrades. Bank of America hob das Kursziel von 125 auf 200 Dollar und bezeichnete die Aktie als „Top Pick“ mit Verweis auf das wachsende Marktpotenzial im KI-Rechenzentrumssegment.

Goldman Sachs blieb zurückhaltender: zwar ein angehobenes Kursziel von 100 auf 125 Dollar, aber weiterhin nur „Neutral“. Die Begründung — höhere Hyperscaler-Investitionen und das mögliche Google-Geschäft — klingt allerdings eher nach einer Einladung zur Hochstufung als nach einer echten Warnung.

Die Bewertung ist sportlich. Ein KGV von über 61 liegt deutlich über dem Branchenschnitt. Am 27. Mai legt Marvell Quartalszahlen vor — dann wird sich zeigen, ob die Alphabet-Fantasie Substanz hat.

Infineon: Stärkstes DAX-Mitglied 2026 erreicht neues Jahreshoch

Infineon setzt seine beeindruckende Aufholjagd fort. Bei 68,09 Euro markierte die Aktie heute ein frisches 52-Wochen-Hoch — und liegt damit satte 77 % über dem Jahresstartkurs. Kein anderer DAX-Wert hat 2026 eine vergleichbare Performance geliefert.

Die Grundlage lieferten starke Quartalszahlen. Im zweiten Fiskalquartal 2026 erzielte der Münchner Chiphersteller einen Umsatz von 3,812 Milliarden Euro bei einer Segmentergebnis-Marge von 17,1 %. Besonders das Geschäft mit Stromversorgungslösungen für KI-Rechenzentren und Radarsensoren für die Automobilindustrie trieb das Wachstum im Segment Power & Sensor Systems.

Die Jahresprognose wurde deutlich angehoben:

  • Umsatzwachstum jetzt als „signifikant“ statt „moderat“ erwartet
  • Bereinigte Bruttomarge auf 40 % bis 46 % angehoben (plus drei Prozentpunkte)
  • Gewinnmarge soll auf rund 20 % steigen
  • Bereinigter Free Cashflow bei 1,65 Milliarden Euro erwartet

Ab dem vierten Fiskalquartal wird Infineon zudem seine vier Geschäftsbereiche zu dreien zusammenlegen: Automotive, Power Systems und Edge Systems. Der Umbau soll Entscheidungswege verkürzen und die Struktur an die veränderte Nachfrage anpassen.

Goldman Sachs sieht mit einem Kursziel von 75 Euro noch Luft nach oben. JPMorgan hat im Mai auf 74 Euro erhöht, Morgan Stanley auf 63 Euro. Angesichts der Dynamik im KI-Infrastrukturgeschäft scheint selbst das obere Ende der Schätzungen erreichbar.

Northern Data: GPU-Auslastung klettert auf 85 % — der Kurs gibt nach

Ein operativer Fortschritt, den der Markt heute nicht honoriert. Northern Data verliert 3,08 % und notiert bei 13,53 Euro — trotz eines Updates, das solide Zahlen lieferte.

Im ersten Quartal 2026 stieg der Umsatz auf 43 Millionen Euro, leicht über der eigenen Vorschau. Das bereinigte EBITDA lag bei rund 24 Millionen Euro. Die entscheidende Kennzahl: Die Auslastung des GPU-Bestands aus rund 22.000 H100- und H200-Einheiten kletterte im März auf 85 %. Noch Ende 2025 hatte der Wert bei 62 % gelegen.

Der Fortschritt ist real. Northern Data hat Spot-Markt-Verträge in planbarere Reserved- und On-Demand-Modelle überführt, was stabilere Einnahmen und bessere Preise pro GPU-Stunde ermöglicht. Die hauseigene Infrastrukturplattform Taiga Cloud zieht eine breitere Kundenbasis an.

Die Jahresprognose von 130 bis 150 Millionen Euro Umsatz wurde bestätigt. Die Liquiditätsposition mit rund 58 Millionen Euro an Barmitteln zum Quartalsende bleibt allerdings ein Punkt, der Aufmerksamkeit verdient. Der Kurs notiert seit Jahresbeginn noch leicht im Minus und liegt mehr als 50 % unter dem 52-Wochen-Hoch. Der Abstand zwischen operativem Fortschritt und Marktstimmung bleibt groß.

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Süss MicroTec: UBS verdoppelt Kursziel nahezu — HBM als Wachstumsmotor

Der Halbleiterausrüster aus Garching erlebt einen bemerkenswerten Bewertungssprung. UBS-Analystin Madeleine Jenkins hob das Kursziel von 55 auf 105,50 Euro an und behielt die Kaufempfehlung bei. Begründung: die starke Auftragsdynamik im ersten Quartal 2026 und Süss MicroTecs wachsende Rolle als Zulieferer für High Bandwidth Memory (HBM).

Heute notiert die Aktie bei 92,55 Euro — ein Plus von 5,65 % und ein neues 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresbeginn hat sich der Kurs mehr als verdoppelt.

HBM-Speicherchips sind die stille Schlüsselkomponente hinter leistungsfähigen KI-Beschleunigern. Süss MicroTec liefert mit seinen Lithographie-Systemen und Bonder-Technologien genau die Ausrüstung, die für deren Fertigung benötigt wird. Die Rekord-Aufträge im ersten Quartal unterstreichen diese Positionierung.

Das Unternehmen hat seine langfristige Guidance angehoben und peilt bis 2030 einen Umsatz zwischen 750 und 900 Millionen Euro an — bei einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von 9 bis 13 Prozent. Mit einer Marktkapitalisierung von rund 1,67 Milliarden Euro bleibt die Aktie eine mittelgroße Wette darauf, dass der HBM-Boom anhält. Die Analysten-Bandbreite ist entsprechend breit: Das Minimum liegt bei 50 Euro, das Maximum bei 105,50 Euro.

Singulus: Turnaround-Story mit breiter Lücke zwischen Ambition und Ergebnis

Am anderen Ende des Spektrums steht Singulus Technologies. Die Aktie verlor heute 4,31 % auf 4,44 Euro und hat seit dem April-Hoch bei 5,32 Euro rund 17 % eingebüßt. Die Volatilität ist mit über 117 % annualisiert extrem — selbst für Nebenwerte ungewöhnlich.

In einer Investorenpräsentation vom 12. Mai skizzierte das Unternehmen seinen strategischen Kurs. Die Umsatzverteilung liegt bei etwa 50 % Solar, 25 % Halbleiter und 25 % Life Science. Eine strategische Kooperation mit einem weltweit führenden Technologieunternehmen im Solarsegment soll als Wachstumstreiber dienen.

Die Lücke zu den Zahlen ist allerdings nicht zu übersehen. Im Geschäftsjahr 2025 wird ein Umsatz von 47 bis 50 Millionen Euro erwartet — bei einem operativen Verlust zwischen 11 und 13 Millionen Euro. Zwei Analysten empfehlen die Aktie zum Kauf, das mittlere Kursziel liegt bei 4,53 Euro. Die Bewertung als „Turnaround“-Fall trifft den Status präzise: Hier geht es nicht um KI-Fantasie, sondern um die Frage, ob überfällige Großaufträge im Solarsegment tatsächlich materialisieren.

Seit Jahresbeginn steht trotz des jüngsten Rücksetzers ein Plus von über 200 %. Der Großteil davon basiert auf Erwartungen — nicht auf gelieferten Ergebnissen.

KI-Infrastruktur als Trennlinie im Tech-Sektor

Die fünf Aktien illustrieren, wie konsequent der KI-Boom zwischen Gewinnern und Nachzüglern differenziert. Marvell und Infineon profitieren aus unterschiedlichen Positionen — Custom Silicon und KI-Netzwerktechnik auf der einen, Leistungshalbleiter für Rechenzentren und Elektromobilität auf der anderen Seite. TSMC hat seine Prognose für den globalen Halbleitermarkt auf über 1,5 Billionen Dollar bis 2030 angehoben, getrieben primär durch KI-Nachfrage.

Süss MicroTec besetzt eine produktive Nische: kein Chipdesigner, aber ein zunehmend unverzichtbarer Ausrüster für die HBM-Fertigung. Northern Data zeigt, dass der Infrastrukturboom bis in das Compute-as-a-Service-Segment reicht — auch wenn die Bilanzstärke hinter der operativen Erholung zurückbleibt.

Singulus bewegt sich in einer anderen Umlaufbahn. Als Spezialmaschinenbauer mit Schwerpunkt Solar hängt das Unternehmen stärker an Investitionszyklen und Großauftragstiming als am KI-Superzyklus.

Katalysatoren für die kommenden Wochen

Marvells Quartalsbericht am 27. Mai wird der nächste ernsthafte Belastungstest. Investoren erwarten dort eine Bestätigung der Alphabet-Kooperation und Einblick in die Investitionsplanung. Infineon hat für das dritte Fiskalquartal einen Umsatz von rund 4,1 Milliarden Euro bei einer Marge zwischen 17 und 19 Prozent in Aussicht gestellt — ein Signal, dass die Dynamik anhält.

Bei Northern Data wird die Frage sein, ob die 85-Prozent-Auslastung auch im zweiten Quartal Bestand hat. Süss MicroTec muss die vom UBS-Kursziel implizierte Wachstumsdynamik mit weiteren HBM-Aufträgen untermauern. Und für Singulus bleibt die angekündigte Solarkooperation der greifbarste Hebel — in einem Unternehmen, das seit zwei Jahren auf den entscheidenden Großauftrag wartet.

Die Kluft zwischen den Profiteuren der KI-Infrastrukturwelle und jenen, die noch nach Anschluss suchen, wird mit jedem Quartal größer.

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Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.