Die KI-Story hat sich lange um eine einzige Frage gedreht: Wie schnell rechnet der Chip? Inzwischen stellt sich eine andere Frage, und sie könnte für die Branche wichtiger sein. Wie schnell kommen die Daten überhaupt zum Chip?
Marvell Technology hat sich genau in diesem Übergang positioniert. Aus einem klassischen Halbleiterhersteller ist ein Architekt für die Verbindungen geworden, die moderne KI-Rechenzentren am Laufen halten. Das ist kein Nischenthema mehr, sondern der Kern der Investmentgeschichte.
Vom Chiphersteller zum Netzwerk-Architekten
Die Aktie zeigt derzeit zwei Geschwindigkeiten gleichzeitig. Über zwölf Monate steht ein Plus von 192,17 Prozent zu Buche, seit Jahresbeginn sind es 152,49 Prozent. Auf Sicht von 30 Tagen aber steht ein Minus von 24,50 Prozent – die Aktie konsolidiert deutlich nach ihrem 52-Wochen-Hoch von 290,35 Euro am 3. Juni 2026.
Diese Gegenbewegung ist kein Zufall. Sie folgt auf eine der stärksten Rallyephasen des gesamten KI-Sektors. Der eigentliche Treiber dahinter bleibt jedoch intakt: das massive Wachstum bei kundenspezifischen Chipdesigns, sogenannten Custom-Silicon-Programmen.
Marvell verkauft längst nicht mehr nur Standard-Netzwerkbauteile von der Stange. Der Konzern entwickelt gemeinsam mit Hyperscalern die internen „Gehirne“ ihrer Server – etwa für Amazons Trainium-Chips und Microsofts Maia-Beschleuniger. Nach eigenen Angaben des Managements soll dieses Custom-Geschäft bis zum Geschäftsjahr 2029 die Marke von 10 Milliarden Dollar Umsatz überschreiten. Der Grund: Cloud-Konzerne wollen unabhängiger werden von Standard-Chips großer Zulieferer.
Nvidia steigt ein – und liefert die eigentliche Pointe
Der wichtigste Moment des laufenden Geschäftsjahres kam aus unerwarteter Richtung. Nvidia investierte 2 Milliarden Dollar in Marvell, um dessen optische Interconnects in das eigene NVLink-Fusion-Ökosystem zu integrieren. Für ein Unternehmen, das gemeinhin als GPU-Monopolist gilt, ist das eine bemerkenswerte Geste.
Sie sagt etwas Grundsätzliches über die Branche aus. Hochgeschwindigkeits-Datenübertragung – Silizium-Photonik und Co-Packaged Optics, kurz CPO – ist kein optionales Upgrade mehr. Sie ist eine Grundvoraussetzung für die nächste Generation von KI-„Fabriken“.
Auf der Computex-Keynote im Juni brachte Marvell-CEO Matt Murphy es auf den Punkt: Die Skalierung von KI-Systemen hänge vollständig von der Konnektivität ab. Kurz darauf lieferte der Konzern mit dem 100T-TeraLink-Ethernet-Switch den handfesten Beweis dafür. Das System überträgt Daten über Racks und ganze Rechenzentrums-Campusse hinweg mit 1,6 Terabit pro Sekunde – und adressiert damit genau die Hitze- und Latenzprobleme, an denen klassische Kupferverkabelung inzwischen scheitert.
Hier liegt der eigentliche Kern der Geschichte. Es geht nicht mehr allein darum, wer den schnellsten Chip baut. Es geht darum, wer verhindert, dass das gesamte Netzwerk ins Stocken gerät.
Bewertungslücke trotz Kurskorrektur
Trotz des Rückschlags der vergangenen Wochen scheint das institutionelle Vertrauen zu wachsen. Analysten von Bank of America und Citigroup haben ihre Einschätzungen zuletzt überarbeitet und verweisen dabei auf Marvells Stärke im Elektro-Optik-Portfolio sowie den wachsenden Marktanteil bei kundenspezifischen ASICs. Das aktuelle Kursziel-Konsens von 223,13 Euro impliziert ein Aufwärtspotenzial von 21,2 Prozent gegenüber dem letzten Schlusskurs von 184,04 Euro.
Auch technisch hat sich die Lage entspannt. Der RSI von 43,0 zeigt: Die Aktie hat den überkauften Bereich verlassen. Die hohe annualisierte Volatilität von 93,90 Prozent bleibt dabei so etwas wie der Preis, den ein Unternehmen zahlt, das sich gerade von einem Zulieferer zum unverzichtbaren Infrastruktur-Baustein wandelt.
Die nächsten Quartalszahlen Ende August dürften zeigen, wie schnell sich das Custom-Chip-Geschäft tatsächlich hochfährt. Bei einer Marktkapitalisierung von 153,31 Milliarden Euro bleibt die zentrale Wette für Marvell dieselbe: nicht der schnellste Chip zu bauen, sondern das Netzwerk zusammenzuhalten, das all diese Chips überhaupt erst zum Rechnen bringt.
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