Der Iran-Krieg hat die globalen Finanzmärkte in einen Ausnahmezustand versetzt. Zentralbanken jonglieren zwischen Inflationsbekämpfung und Wachstumsschutz, der Ölpreis tanzt zwischen Rekordhochs und scharfen Rücksetzern – und Japan greift erstmals seit fast zwei Jahren direkt in den Devisenmarkt ein. Ein einziger roter Faden zieht sich durch all das: Die Unsicherheit wächst schneller als die Antworten.
Japan greift durch – Yen springt, Märkte atmen auf
Tokios Währungshüter haben am Donnerstag die Märkte kalt erwischt. Japan intervenierte offiziell am Devisenmarkt und kaufte massiv Yen, was den Dollar von über 160 auf zeitweise 155,50 Yen abstürzen ließ – der stärkste Tagesrückgang seit Dezember 2024. Am Ende des Handelstages notierte der Yen rund 2,5 Prozent fester, das beste Tagesergebnis seit 2022.
Der Schritt kam nicht aus heiterem Himmel. Japans Finanzministerin Satsuki Katayama hatte zuvor ungewohnt deutlich signalisiert, dass die Zeit für „entschlossenes Handeln“ näher rücke. Währungsdiplomat Atsushi Mimura sprach von „extrem spekulativen“ Bewegungen am Markt und verglich die Warnung mit einer „letzten Evakuierungswarnung“. Investoren hatten die Ansage offenbar als bloße Rhetorik abgetan – und lagen damit falsch.
Händler hielten zum Zeitpunkt der Intervention die größte Netto-Short-Position auf den Yen seit Juli 2024, genau jenem Monat, in dem Japan zuletzt eingriff. Das verstärkte die Wucht der Bewegung erheblich. Die Frage, ob die Wirkung anhält, bleibt offen: Ohne begleitende Zinserhöhung der Bank of Japan gilt reine Devisenmarktintervention unter Analysten als wenig nachhaltig – die strukturellen Druckverhältnisse bleiben bestehen.
Zentralbanken im Zwickmühle
Die Interventionsentscheidung fiel in eine außergewöhnlich dichte Zentralbankwoche. Fed, EZB, Bank of England und die Bank of Japan – alle hielten in den vergangenen Tagen ihre Leitzinsen unverändert. Doch hinter dieser scheinbaren Einigkeit verbergen sich erhebliche Spannungen.
Bei der Fed war die Abstimmung so gespalten wie seit 1992 nicht mehr: Drei Mitglieder des Offenmarktausschusses stimmten dafür, die zinssenkungsfreundliche Formulierung aus der Erklärung zu streichen. Ausscheidender Fed-Chef Jerome Powell bekräftigte unterdessen, er werde als einfaches Mitglied im Amt bleiben, um die Unabhängigkeit der Notenbank zu schützen – angesichts der bevorstehenden Amtsübernahme durch Kevin Warsh, den Wunschkandidaten von US-Präsident Donald Trump, ein politisch aufgeladenes Signal.
Die EZB hielt den Leitzins bei 2,0 Prozent. EZB-Präsidentin Christine Lagarde räumte ein, dass eine Zinserhöhung im Gremium ausführlich diskutiert wurde. Zwei mit den Beratungen vertraute Quellen berichteten Reuters zufolge, dass die EZB voraussichtlich mindestens zweimal die Zinsen anheben wird – beginnend im Juni. Die Geldmärkte preisen eine Wahrscheinlichkeit von rund 88 Prozent für einen Viertel-Punkt-Schritt im Juni ein. Ob ein dritter Schritt noch in diesem Jahr folgt, ist weniger klar: Analysten wie Jill Hirzel von Insight Investment rechnen eher mit zwei Erhöhungen.
Das Dilemma ist real. Die Eurozone wuchs im ersten Quartal kaum noch. Das deutsche Institut IMK sieht eine 34-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland im zweiten Quartal in die Rezession rutscht – noch im März lag diese Wahrscheinlichkeit bei 12 Prozent. Gleichzeitig ist Brent-Rohöl zwischenzeitlich auf 126,41 Dollar je Barrel gestiegen, den höchsten Stand seit Jahren, bevor es am Donnerstag auf rund 114 Dollar zurückfiel.
Ölpreis als Taktgeber
Der Rückgang der Ölpreise war am Donnerstag der entscheidende Katalysator für die Markterholung. Aktien stiegen, Anleiherenditen fielen – und zwar nicht wegen politischer Beschlüsse, sondern weil teures Öl günstiger wurde. „Renditen fallen, weil der Ölpreis zurückkommt. Das hilft Aktien, genau wie die starken Quartalsergebnisse einiger Unternehmen“, brachte es Peter Cardillo von Spartan Capital Securities auf den Punkt.
Der Hintergrund: Seit den gemeinsamen US-israelischen Angriffen auf Iran Ende Februar hat der Konflikt den Transit durch die Straße von Hormus massiv eingeschränkt – einem Nadelöhr, durch das rund ein Fünftel der weltweiten Öl- und Gaslieferungen fließt. Iran drohte im Gegenzug mit „langen und schmerzhaften Gegenschlägen“ auf US-Stellungen. Die Preisvolatilität ist entsprechend extrem: Noch vor zwei Wochen hatten ein kurzlebiger Waffenstillstand am 8. April und sinkende Ölpreise die Märkte kurzzeitig beruhigt – nur um binnen Tagen wieder in die entgegengesetzte Richtung zu drehen.
Für Japan kommt ein weiterer Faktor hinzu: Regierungssubventionen auf Gas und Strom federn den Energiepreisschock lokal ab. Tokios Kerninflation fiel im April auf 1,5 Prozent – weit unter das BOJ-Ziel von 2,0 Prozent und auf dem schwächsten Stand seit vier Jahren. Die Kernrate ohne Energie sank auf 1,9 Prozent, ein 14-Monats-Tief. Das wirkt zunächst beruhigend. Allerdings spiegeln die Aprilzahlen die vollen Auswirkungen des Krieges und der Energiepreise noch nicht wider.
Starker Monatsabschluss trotz allem
Trotz all der Turbulenzen beendet der April an vielen Börsen einen bemerkenswerten Monat. Der S&P 500 erzielte seinen besten Monatsgewinn seit 2020, der Nasdaq legte rund 15 Prozent zu. Südkoreas KOSPI verbuchte mit einem Plus von 30 Prozent sogar den stärksten Monat seit 1998. Motor der Rallye war vor allem der KI-Sektor: Alphabet schoss nach einem Rekordquartal seiner Cloud-Sparte um rund 10 Prozent nach oben, Qualcomm gewann 15 Prozent.
Der Mai dürfte die Nerven weiter strapazieren. US-Arbeitsmarktdaten stehen an, Trump reist nach China, Warsh übernimmt die Fed – und die Straße von Hormus bleibt das Nadelöhr, an dem sich entscheidet, ob die Energiepreise weiter steigen oder Erleichterung bringen. Die Zentralbanken haben ihre Karten offen auf den Tisch gelegt: Sie warten ab, beobachten und halten sich alle Optionen offen. Mehr Klarheit gibt es frühestens mit den nächsten Inflationsdaten.
