Der Nahe Osten hält die Finanzmärkte fest im Griff. Während US-Präsident Donald Trump dem Iran mit Konsequenzen droht, weil dieser „zu lange“ über einen Deal verhandelt habe, klettern Ölpreise auf über 92 Dollar je Barrel – und die Inflationssorgen weltweit nehmen zu. Es ist ein Cocktail, der an den Börsen von London bis New York für Nervosität sorgt.
Energie treibt die Inflation an
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. In den USA stiegen die Verbraucherpreise im Mai auf Jahresbasis um 4,2 Prozent – der stärkste Anstieg seit April 2023. Haupttreiber: Benzinpreise, die im Monatsvergleich um satte 7 Prozent zulegten und auf Jahressicht um über 40 Prozent. Der Grund liegt auf der Hand: Die Straße von Hormus ist für den Tankerverkehr faktisch gesperrt, was die globale Ölversorgung empfindlich stört.
Das Inflationsbild bleibt ambivalent. Der sogenannte Kernindex – also ohne Energie und Lebensmittel – stieg auf Jahresbasis nur um 2,9 Prozent, und auf Monatsbasis sogar moderater als erwartet. Trotzdem warnt Chris Zaccarelli, Investmentchef bei Northlight Asset Management: „Der nächste Schritt der Fed könnte eine Zinserhöhung sein – kein Schnitt, wie viele zu Jahresbeginn erwartet hatten.“
Fed, EZB und Bank of Canada im Dilemma
Genau hier liegt das zentrale geldpolitische Dilemma des Augenblicks. Zinserhöhungen zur Inflationsbekämpfung könnten schwächelnde Volkswirtschaften weiter belasten. Zinssenkungen hingegen riskieren, die Preisdynamik zu verstärken. Die Notenbanken jonglieren auf schmalem Grat.
Die US-Notenbank Fed dürfte ihre Leitzinsen bei der Sitzung am 17. Juni im Korridor von 3,50 bis 3,75 Prozent halten. Märkte preisen jedoch eine 60-prozentige Wahrscheinlichkeit für eine Erhöhung bis Oktober ein – noch vor wenigen Monaten hatte der Konsens auf baldige Zinssenkungen gesetzt.
Die Bank of Canada hielt ihren Leitzins ebenfalls unverändert bei 2,25 Prozent – zum fünften Mal in Folge. Gouverneur Tiff Macklem betonte zwar, es gebe bislang kaum Anzeichen dafür, dass höhere Energiepreise die Inflation breit anheizten. Gleichzeitig warnte er: Sollten sie es doch tun, „könnte es aufeinanderfolgende Zinserhöhungen brauchen.“ Andrew Grantham von CIBC Economics sprach von einer „sehr geduldigen Notenbank“ – und erwartet für 2026 keinerlei Änderung.
In Europa wartet die Europäische Zentralbank mit ihrer zweitägigen Sitzung auf, an deren Ende Beobachter eine weitere Erhöhung um 25 Basispunkte erwarten. Selbst die Bank of England steht unter Druck: Investoren preisen eine Erhöhung bis September ein, während HSBC und Standard Chartered bereits Kurseinbußen verzeichnen – auch weil Pekings verschärfte Kapitalverkehrskontrollen Hongkong-exponierte Banken belasten.
Londoner Börse: Energie gewinnt, Banken verlieren
Der FTSE 100 schloss mit einem Plus von 0,3 Prozent bei 10.254,8 Punkten – nahe Dreiwochentief, aber stabilisiert durch Energie- und Konsumgüterwerte. Tesco und Unilever legten jeweils über 2 Prozent zu, britische Energieaktien kletterten um 1,9 Prozent. Profiteur der Ölpreis-Rally war auch EnQuest: Der Nordsee-Förderer schoss um 27 Prozent nach oben, nachdem er Beteiligungen an vier Offshore-Projekten in Malaysia erwarb.
Auf der Verliererseite: WH Smith brach um über 16 Prozent ein. Das Unternehmen senkte seine Gewinnprognose zum zweiten Mal innerhalb von zwei Monaten und kündigte eine Kapitalerhöhung an. Ein Zeichen dafür, wie stark der Konsumsektor unter steigenden Energiekosten und Kaufzurückhaltung leidet.
Wall Street und Tech-Sektor unter Druck
An der Wall Street sah es ähnlich ungemütlich aus. Nasdaq-Futures verloren rund 0,7 Prozent, der S&P 500 etwa 0,4 Prozent. Technologiewerte stehen besonders unter Beschuss: Nvidia, Broadcom und Micron Technology verloren im vorbörslichen Handel zwischen 1,3 und 3,5 Prozent. Super Micro Computer sackte sogar um fast 12 Prozent ab, nachdem das Unternehmen eine Kapitalerhöhung über 7 Milliarden Dollar ankündigte.
Das bevorstehende Börsen-Debüt von SpaceX am Freitag verstärkt den Druck zusätzlich. Der geplante IPO bei einer Bewertung von 1,75 Billionen Dollar – mit einem angestrebten Emissionserlös von 75 Milliarden Dollar – bindet massiv Kapital. Bis zu 30 Prozent der Aktien sollen an Privatanleger gehen, was insbesondere den Kryptomarkt trifft: Bitcoin handelte zuletzt bei rund 61.800 Dollar, gut 52 Prozent unter seinem Allzeithoch.
„Krypto ist eine Finanzierungswährung für viele dieser Deals. Für diesen IPO müssen 75 Milliarden Dollar aufgebracht werden – und das Geld muss irgendwo herkommen“, sagte Spencer Hallarn von der Krypto-Handelsfirma GSR. Mit weiteren heiß erwarteten Börsengängen von OpenAI und Anthropic in der Pipeline bleibt der Kapitalabfluss aus dem Kryptosegment ein struktureller Gegenwind.
Indonesien schluckt die bittere Pille
Einen drastischeren Kurswechsel vollzieht derweil Indonesien. Nach wochenlangem Verfall der Rupiah und einbrechenden Aktienkursen reagierte die Zentralbank Bank Indonesia mit einer überraschenden Zinserhöhung außerhalb des regulären Zyklus – dem ersten klaren Signal einer Kehrtwende nach fünf Senkungen seit Amtsantritt von Präsident Prabowo Subianto. Gleichzeitig erhöhte die Regierung die Benzinpreise um 32 Prozent – ein politisch heikler Schritt, der zeigt, wie ernst die Lage ist.
Ökonomen sprechen von einem Shift von einer „pro-Wachstum“- zu einer „pro-Stabilität“-Agenda. Der Wechselkurs erholte sich um über 1 Prozent. Doch ein Analyst der Universität Jakarta warnte: Die Maßnahmen seien wie „Salz ins Meer schütten“ – kurzfristig lindernd, strukturell aber unzureichend, solange das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit der Institutionen fehle.
Ausblick: Wenig Spielraum für Erleichterung
Die übergreifende Botschaft des Tages ist eindeutig: Die Kombination aus geopolitischer Unsicherheit, hartnäckig hoher Energieinflation und geldpolitischer Straffung lässt kaum Raum für Entspannung. Ob die fragile Waffenruhe im Nahen Osten hält – und ob die Straße von Hormus wieder geöffnet wird –, bleibt die entscheidende Variable für Märkte, Notenbanken und Verbraucher gleichermaßen.
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