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Märkte im Stresstest: Inflation und KI-Ängste

Technologieaktien geraten durch Bewertungszweifel an KI-Firmen und überraschend starke US-Erzeugerpreise unter Druck, während geopolitische Spannungen die Volatilität erhöhen.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Nvidia und Tech-Sektor trotz guter Zahlen im Abwärtstrend
  • US-Erzeugerpreise steigen stärker als prognostiziert
  • Geopolitische Risiken treiben Ölpreise nach oben
  • Unternehmen wie Dell und Block profitieren von KI-Strategien

Die globalen Finanzmärkte zeigen sich Ende Februar 2026 von ihrer nervösen Seite. Während an der Wall Street die Sorgen um künstliche Intelligenz und deren Rentabilität die Technologiewerte unter Druck setzen, senden Inflationsdaten aus den USA gemischte Signale. Der S&P 500 und die Nasdaq steuern auf ihren stärksten monatlichen Rückgang seit März 2025 zu – doch was steckt wirklich dahinter?

Technologiesektor unter Dauerbeschuss

Die Verunsicherung rund um künstliche Intelligenz erreicht einen neuen Höhepunkt. Nvidia, das Aushängeschild der KI-Revolution, verlor am Donnerstag über 5 Prozent – und das trotz starker Quartalszahlen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Anleger zunehmend die Bewertungen hinterfragen und sich fragen, wann die milliardenschweren Investitionen in KI-Infrastruktur tatsächlich Gewinne abwerfen.

„Es gibt viele offene Fragen rund um KI und die Auswirkungen der KI-Disruption in verschiedenen Branchen“, erklärt Anthi Tsouvali, Multi-Asset-Strategin bei UBS Global Wealth Management. Die Rotation weg von Tech-Werten hin zu traditionelleren, defensiven Sektoren nimmt an Fahrt auf. Der S&P 500 Information Technology Index verlor am Freitag 1,3 Prozent, während auch Finanzwerte unter die Räder kamen.

Besonders hart traf es Zscaler: Der Cloud-Sicherheitsanbieter brach um 14 Prozent ein, nachdem das Unternehmen einen höheren Nettoverlust im zweiten Quartal meldete. Der Philadelphia SE Semiconductor Index gab ebenfalls nach – nur Tage nach einem neuen Rekordhoch. Die Angst vor KI-getriebenen Umwälzungen erfasst mittlerweile nicht nur Software-Firmen, sondern auch Finanzdienstleister, Immobilienunternehmen und sogar die Logistikbranche.

Inflationsdaten sorgen für gemischte Gefühle

Der US-Erzeugerpreisindex (PPI) für Januar lieferte am Freitag neue Nahrung für die Marktskepsis. Mit einem Plus von 0,5 Prozent gegenüber dem Vormonat fiel der Anstieg deutlich kräftiger aus als die erwarteten 0,3 Prozent. „Es herrscht eine tiefe Unruhe in den Märkten bezüglich Inflation und Wachstum im bisherigen Verlauf von 2026“, konstatiert Adam Button, Chef-Währungsanalyst bei investingLive.

Doch ein genauerer Blick offenbart Nuancen: Chris Low, Chefökonom bei FHN Financial, weist darauf hin, dass der Preisdruck vor allem aus Handelsdienstleistungen stamme – einer Kategorie, die Preisveränderungen nicht in Echtzeit abbilde. „Ansonsten gibt es Anzeichen für Preisstabilisierung“, so Low. Der Dollar-Index legte um 0,06 Prozent zu und steuert auf seinen ersten monatlichen Zuwachs seit Oktober zu.

Die US-Notenbank Fed wird voraussichtlich bis mindestens Juni die Zinsen unverändert lassen, da die Inflationssorgen weiterhin präsent bleiben. Gleichzeitig preisen Händler bis Jahresende Zinssenkungen von 60 Basispunkten ein – ein Spagat, der die Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung widerspiegelt. Immerhin: Der Chicago Purchasing Managers‘ Index überraschte mit einem Sprung auf 57,7 Punkte und signalisiert robuste Expansion im verarbeitenden Gewerbe der Region.

Geopolitische Risiken belasten zusätzlich

Als wären die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten nicht genug, belasten auch geopolitische Spannungen die Märkte. Die Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran über Teherans Atomprogramm endeten ohne Durchbruch. Der Oman als Vermittler meldete zwar Fortschritte, doch Stunden intensiver Gespräche konnten nicht verhindern, dass die Gefahr US-amerikanischer Militärschläge im Raum steht – bei gleichzeitig massivem Truppenaufmarsch.

Die Ölpreise reagierten prompt und stiegen um rund 3 Prozent, da Händler mögliche Lieferunterbrechungen einpreisen. Der Dollar profitierte von seiner Funktion als sicherer Hafen, wobei die Währungsbewegungen insgesamt gedämpft blieben. „Der Dollar bewegt sich in einer Art Warteschleife. Es fühlt sich an, als würde er auf den nächsten echten Katalysator warten“, beschreibt Fiona Cincotta, Marktstrategin bei City Index, die abwartende Haltung.

Erschwerend kommt die anhaltende Zollunsicherheit hinzu. Nachdem der Oberste Gerichtshof der USA die meisten von Präsident Trump 2025 verhängten Zölle für ungültig erklärt hatte, führte Trump einen temporären globalen Zoll von 10 Prozent ein, der am Dienstag in Kraft trat. Diese Unberechenbarkeit sorgt für zusätzliche Volatilität an den Märkten.

Gewinner und Verlierer in turbulenten Zeiten

Während Tech-Werte leiden, gibt es durchaus Profiteure der aktuellen Gemengelage. Netflix schoss um 9 Prozent nach oben, nachdem das Unternehmen seinen Ausstieg aus dem Bieterwettstreit um Warner Bros Discovery verkündet hatte. Paramount Skydance legte 4,7 Prozent zu, nachdem es einige der wertvollsten TV- und Filmassets der Welt sichern konnte.

Block, das Zahlungsunternehmen von Jack Dorsey, explodierte förmlich mit einem Plus von 16 Prozent. Der Grund: Das Unternehmen will über 4.000 Stellen streichen – nahezu die Hälfte der Belegschaft – um KI umfassend in die Geschäftsprozesse zu integrieren. Ein brutaler, aber von Investoren gefeierter Schritt.

Dell Technologies überraschte mit einem Kurssprung von 16,6 Prozent. Der PC-Hersteller erwartet, dass der Umsatz mit KI-optimierten Servern im Geschäftsjahr 2027 auf das Doppelte steigen wird, und versprach gleichzeitig höhere Ausschüttungen an die Aktionäre. Ein Lichtblick in einem ansonsten düsteren Tech-Umfeld.

Am anderen Ende des Spektrums stand Sterling: Die britische Währung verlor 0,22 Prozent gegenüber dem Dollar und steuert auf den ersten monatlichen Rückgang nach drei Gewinnmonaten zu. Ein deutlicher Wahlsieg der Grünen Partei bei einer Lokalwahl in Manchester setzte Premierminister Keir Starmers Labour-Regierung unter Druck, deren Popularität seit einem Jahr dramatisch gesunken ist.

Globale Wachstumsdynamik im Wandel

Jenseits der US-Märkte zeigen sich unterschiedliche Wachstumsmuster. Kanadas Wirtschaft schrumpfte im vierten Quartal annualisiert um 0,6 Prozent – weit schlechter als erwartet. Hauptverantwortlich war ein massiver Lagerabbau: Unternehmen zogen 23,46 Milliarden Kanadische Dollar aus ihren Beständen ab, anstatt neue Waren zu produzieren. Für das Gesamtjahr 2025 ergibt sich ein Wachstum von nur 1,7 Prozent – das schwächste seit 2020.

Indien hingegen präsentierte überraschend robuste Zahlen: Das BIP wuchs im dritten Quartal um 7,8 Prozent, wobei eine überarbeitete Datenreihe die Erfassung der Wirtschaftsleistung verbesserte. Für das laufende Fiskaljahr wird nun mit 7,6 Prozent Wachstum gerechnet. „Die verbesserte sektorale Repräsentation und umfassendere Erfassung wirtschaftlicher Aktivität haben zu einer Neukalibrierung historischer Daten geführt“, erklärt Madhavi Arora, Chefökonomin bei Emkay Global Financial Services.

In der Wüste Saudi-Arabiens vollzieht sich währenddessen eine industrielle Revolution: Saudi Aramco treibt das 100 Milliarden Dollar schwere Jafurah-Gasprojekt voran, das potenziell größte Schiefergasvorkommen außerhalb der USA. Mit 229 Billionen Kubikfuß Rohgas könnte das Projekt bis 2030 zusätzliche operative Cashflows von 12 bis 15 Milliarden Dollar generieren. Das Kalkül ist simpel: Derzeit verbrennt Saudi-Arabien täglich über 1 Million Barrel Rohöl für die Stromerzeugung. Aramco will bis 2030 die Hälfte davon durch Gas ersetzen – und das freigewordene Öl exportieren.

Ausblick: Nervosität bleibt

Die Märkte dürften kurzfristig volatil bleiben. Die Dow-Jones-Indizes drohen eine neunmonatige Gewinnserie zu beenden, während die Nasdaq bereits 17 Handelstage in Folge unter ihrem 50-Tage-Durchschnitt notiert – ein technisches Warnsignal. UBS hat ihre Empfehlung für US-Aktien auf neutral gesenkt und verweist auf hohe Bewertungen und die relativ geringe Sensitivität amerikanischer Unternehmensgewinne gegenüber globalem Wachstum.

Kein Wunder also, dass Anleger nervös reagieren. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wann die nächste größere Korrektur kommt – und welche Katalysatoren sie auslösen werden. Bis dahin heißt es: Sicherheitsgurt anlegen und Volatilität aushalten.

Eduard Altmann

Eduard Altmann ist Finanzexperte mit über 25 Jahren Erfahrung an den globalen Finanzmärkten. Als Analyst und Autor beim VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft spezialisiert er sich auf Aktienmärkte, Gold, Silber, Rohstoffe und den Euro.

Altmann ist überzeugter Verfechter des Value-Investing und identifiziert unterbewertete Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. Sein Börsendienst "Megatrend-Depot" vermittelt praxisnahe Strategien erfolgreicher Value-Investoren. Mit seinem Motto "Manage dein Vermögen selbst" inspiriert er Anleger zur eigenverantwortlichen Vermögensverwaltung.

Seine Analysen basieren auf der fortschrittlichen Gann-Strategie, die präzise Vorhersagen für Rohstoffmärkte ermöglicht. Diese technische Analysemethode kombiniert historische Daten mit Zyklusanalysen und macht seine Marktprognosen besonders treffsicher.

Durch zahlreiche Publikationen und verständliche Erklärungen komplexer Finanzthemen unterstützt Altmann sowohl Einsteiger als auch erfahrene Investoren bei fundierten Anlageentscheidungen. Seine Arbeit verbindet theoretische Expertise mit praktischen Empfehlungen für den strategischen Vermögensaufbau.