Lloyds will 2026 weniger als die Hälfte seiner Erträge für den laufenden Betrieb aufwenden. Wie belastbar ist diese Ertragsplanung angesichts des Wettbewerbs um Einlagen und offener Entschädigungskosten bei Autofinanzierungen? Dieter Jaworski richtet seinen Blick darauf, wie viel Schutz die Bewertung bietet, wenn mehrere Belastungen zusammenkommen.

Lloyds Banking (GB0008706128) — Schlusskurse 27.04.2026 bis 22.10.2026, Angaben in EUR. Stand: 22.10.2026.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Ihr faires Niveau entspricht praktisch dem Analysten-Konsens. Weshalb braucht es Ihre Einschätzung, wenn Sie beim Ergebnis ohnehin im selben Lager stehen?
Dieter Jaworski: Wenn Kreditverluste und Entschädigungskosten zugleich steigen, bleibt von einem rechnerischen Bewertungsabschlag schnell wenig übrig. Dort setze ich an. Im ersten Halbjahr 2026 lag die Wertberichtigungsbelastung bereits über dem Vorjahreszeitraum; die endgültige Rechnung für frühere Autofinanzierungen ist weiterhin offen.
Mein geschätztes Aufwärtspotenzial ähnelt dem Konsens. Daraus folgt für mich noch lange keine besonders günstige Verteilung von Chance und Verlust. Ein plausibler Zielwert ist keine Untergrenze. Ich rechne mögliche Erleichterungen bei der Regulierung deshalb nicht ein. Das Geschäft muss die Bewertung zunächst unter den bestehenden Bedingungen tragen.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Sie sagen: „Ich rechne mögliche Erleichterungen bei der Regulierung deshalb nicht ein.“ Lassen Sie damit eine Chance weg und machen Ihre Rechnung absichtlich unvollständig?
Dieter Jaworski: Gerade das Weglassen macht meine Rechnung belastbarer. Wenn politische Erleichterungen kommen, nehme ich die Verbesserung gern zur Kenntnis. Für ein freundliches Versprechen bezahle ich heute nichts.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Welchen Gegenwert bekommt man bei Lloyds denn heute tatsächlich, und wie viel bessere Zukunft steckt in Ihrer Bewertung?
Dieter Jaworski: Man bekommt ein etabliertes Bankgeschäft mit einer breiten Einlagenbasis und nachgewiesener Ertragskraft. Die Rendite auf das materielle Eigenkapital – also den Gewinn im Verhältnis zum Eigenkapital ohne immaterielle Vermögenswerte – betrug im ersten Halbjahr 2026 immerhin 17,1 Prozent. Das erkenne ich ausdrücklich an.
Mein geschätztes Aufwärtspotenzial beträgt rund 24 Prozent gegenüber dem Kurs am Analysestichtag. Dahinter steht die Annahme, dass Lloyds seine Ertragskraft weitgehend bewahrt und einen relevanten Teil der Gewinne für Ausschüttungen verfügbar hält. Ich unterstelle keinen großen Befreiungsschlag.
Der Abschlag ist damit plausibel, als Verlustpuffer überzeugt er mich bisher weniger. Zusätzliche Belastungen können gleichzeitig den ausschüttbaren Gewinn und den Preis drücken, den der Markt für diesen Gewinn bezahlt. Dieser doppelte Hebel wiegt für mich schwerer als die Aussicht auf etwas bessere Kosten.
Kapitalmarktexperten Redaktion: RBC hat Lloyds am 20. Oktober herabgestuft und auf den Wettbewerb um Kundeneinlagen verwiesen. Wie gefährlich wird dieser Wettbewerb für Ihren vermeintlich stabilen Gegenwert?
Dieter Jaworski: Er trifft eine entscheidende Stelle. Die große Kundenbasis hilft Lloyds nur dann bei der Finanzierung, wenn die Bank für diese Einlagen nicht immer mehr bezahlen muss. Markenbekanntheit allein hält keine Zinskosten niedrig.
Die Herabstufung ist deshalb relevant, weil sie genau diese Annahme angreift. Im ersten Halbjahr 2026 stützten Erträge aus der strukturellen Zinsabsicherung die Bankzinsmarge, also den Zinsüberschuss im Verhältnis zu den zinstragenden Vermögenswerten. Auf der Kreditseite standen die Margen bereits unter Druck.
Hinzu kommt die Konzentration auf Großbritannien. Rund 28 Millionen Privatkunden schaffen Größe, verteilen das Geschäft aber nicht über verschiedene Volkswirtschaften. Steigende Belastungen britischer Haushalte können dadurch an mehreren Stellen zugleich ankommen. Das meine ich mit Klumpenrisiko.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Was müsste passieren, damit Ihre vorsichtige Einschätzung zu streng wäre – und welche Entwicklung würde Ihre Rechnung tatsächlich kippen?
Dieter Jaworski: Zu streng wäre ich, wenn Lloyds die Einlagenkosten im Griff behält und die Kreditqualität trotz höherer Belastungen der Haushalte stabil bleibt. Dann hätte die Bank bewiesen, dass ihre Größe auch unter schwierigeren Bedingungen wirtschaftlich trägt. Die angekündigten Ergebnisse für das dritte Quartal am 29. Oktober sind dafür der nächste Prüfstein.
Meine Rechnung kippt nach unten, wenn steigende Einlagenkosten den Zinsüberschuss nachhaltig schwächen und zugleich die Kreditausfälle zunehmen. Kommen höhere Entschädigungskosten hinzu, wäre die angenommene Ausschüttungsfähigkeit zu optimistisch. Dann müsste ich mein faires Niveau senken. Auf regulatorische Entlastung könnte ich mich zur Rettung der Rechnung nicht berufen.
Kapitalmarktexperten Redaktion: Rund 24 Prozent geschätztes Aufwärtspotenzial stehen also einem bislang wenig überzeugenden Verlustpuffer gegenüber. Reicht das für ein positives Gesamturteil über die Bewertung?
Dieter Jaworski: Für ein überzeugend positives Urteil reicht mir das nicht. Lloyds besitzt Ertragskraft, und mein geschätztes Aufwärtspotenzial bleibt plausibel. Ich gewichte jedoch den möglichen gleichzeitigen Druck auf Zinsüberschuss und Kreditqualität stärker als weitere Kostenfortschritte. Der Bewertungsabschlag ist für mich derzeit weitgehend verdient.
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