Bei Lenzing sind die angekündigte Kapitalzufuhr und die operative Ertragskraft getrennt zu beurteilen. Die vor rund zwei Wochen angekündigte Bezugsrechtskapitalerhöhung kann Mittel einbringen. Sie beantwortet aber nicht die Frage, wie sich höhere Baumwoll- und Viskosepreise in den Ergebnissen niederschlagen. Genau hier setzte die ebenfalls vor rund zwei Wochen veröffentlichte Kritik von Berenberg an. Für Anleger ergibt sich daraus ein zweigeteiltes Bild.
Finanzierung mit konkreten nächsten Schritten
Die vollständig garantierte Kapitalerhöhung sieht einen Bruttoerlös von rund EUR 300 Mio. vor. Der Bezugspreis beträgt EUR 8,65 je neuer Aktie. Das Bezugsverhältnis lautet 10:9.
Diese Konditionen beschreiben die Finanzierung, nicht den operativen Geschäftserfolg. Entsprechend ist zwischen dem angekündigten Mittelzufluss und einer Verbesserung der Ertragslage zu unterscheiden. Aus der Garantie der Kapitalmaßnahme lässt sich keine Aussage über die künftige Gewinnentwicklung ableiten.
Das Bezugsangebot soll am 20. Oktober enden. Lieferung und Handelsaufnahme der neuen Aktien sind voraussichtlich für den 23. Oktober vorgesehen. Voraussetzung bleibt die Eintragung der Kapitalerhöhung im Firmenbuch.
Damit stehen konkrete Umsetzungsschritte bevor. Die angekündigte Handelsaufnahme ist jedoch weiterhin an einen Vorbehalt gebunden und nicht mit einer bereits abgeschlossenen Durchführung gleichzusetzen.
Auch die Beteiligungsmeldungen ergeben kein einheitliches Bild. Georg Kasperkovitz übte vor gut einer Woche Bezugsrechte aus. Die NN Group meldete dagegen eine Unterschreitung einer Beteiligungsschwelle: Ihr Stimmrechtsanteil lag bei 2,54 Prozent nach 6,27 Prozent in der vorherigen Meldung.
Beide Vorgänge betreffen unterschiedliche Anlegerentscheidungen. Weder die Ausübung durch ein Vorstandsmitglied noch die veränderte Beteiligung eines institutionellen Investors beantwortet für sich genommen die Frage nach Lenzings operativer Entwicklung.
Produktinitiativen ersetzen keine Ergebnisverbesserung
Berenberg senkte vor rund zwei Wochen die Empfehlung von „Buy“ auf „Hold“ und das Kursziel von EUR 29,50 auf EUR 17,00. Die Bank begründete dies damit, dass gestiegene Baumwoll- und Viskosepreise nicht entsprechend auf die Ergebnisse durchgeschlagen hätten. Hinzu kamen Zweifel an der Unterstützung durch Hauptaktionär Suzano im Zuge der Kapitalerhöhung.
Die Einschätzung richtete sich damit nicht allein auf die Finanzierung. Ihr operativer Kern war die unzureichende Umsetzung höherer Preise in bessere Ergebnisse.
Lenzing stellte vor rund zwei Wochen gemeinsam mit dem japanischen Denim-Hersteller Kaihara die REMOD-Kollektion vor. Zugleich erweiterte das Unternehmen sein Netzwerk der TENCEL-Lyocell-HV100-Partnerwebereien. Nach Unternehmensangaben umfasst es beinahe 50 Webereien in 13 Ländern.
Für Anleger sind dies Produkt- und Vertriebsschritte, aber kein Nachweis einer Ergebnisverbesserung. Die entscheidende Unterscheidung bleibt deshalb: Die Kapitalerhöhung betrifft die Finanzierung, während sich der wirtschaftliche Nutzen der Produktinitiativen erst in der Geschäftsentwicklung erweisen muss.
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