Lenzing steckt mitten in der größten strukturellen Umbauphase seiner jüngeren Geschichte. Der Faserhersteller hat mit dem gestern beschlossenen Kapitalschnitt einen zentralen Baustein seiner Finanzierungsstrategie fixiert – nun rückt die Frage in den Vordergrund, wie das Unternehmen die eingesammelten Mittel in eine tragfähige Neuausrichtung übersetzt.
Kapitalerhöhung als Fundament des Umbaus
Die außerordentliche Hauptversammlung hatte am 25. August eine Kapitalerhöhung um rund 300 Millionen Euro gegen Bareinlage unter Wahrung des Bezugsrechts beschlossen. Die Durchführung soll spätestens bis zum 25. Februar 2027 erfolgen. Zusammen mit einer Fremdfinanzierung von weiteren 300 Millionen Euro ergibt sich ein Gesamtpaket von 600 Millionen Euro, das die Finanzstruktur des Unternehmens stärken soll.
Das Kapital ist an die im Juli vorgestellte Strategie „Grow Nonwovens, Reset Textiles“ gekoppelt. Sie sieht den Ausbau des Nonwovens-Geschäfts, eine Fokussierung auf Premium-Marktsegmente im Textilbereich – etwa die Marke Tencel – sowie eine Stärkung des Zellstoff- und Bioraffineriegeschäfts vor. Der Markt reagierte auf den Beschluss positiv: Seit der Entscheidung legte die Aktie um 1,3 Prozent zu.
Werksschließungen als Preis der Transformation
Die Strategie hat bereits vor über einem Monat konkrete personelle und operative Konsequenzen nach sich gezogen. Der Vorstand hatte die Konsolidierung von Faserproduktionsstandorten genehmigt, um die Transformation zu beschleunigen.
In der Folge wird die Faserproduktion am Standort Heiligenkreuz im Burgenland bis Ende dieses Jahres eingestellt, jene in Grimsby in England bis Ende 2027. Weltweit sind davon rund 2.000 Arbeitsplätze betroffen.
Seit Bekanntwerden dieser Konsolidierung gab die Aktie um 2,1 Prozent nach – ein Hinweis darauf, dass Anleger die Kosten des Umbaus zunächst stärker gewichteten als dessen langfristigen Nutzen.
Auch im Aufsichtsrat vollzog sich vor über einem Monat ein Wechsel: Martin Seiter wurde neu in das Gremium gewählt und ersetzt Franz Gasselsberger. Seither hat sich der Kurs um 2,3 Prozent abgeschwächt.
Operative Zahlen zeigen Fortschritt trotz sinkendem Umsatz
Rund einen Monat ist es her, dass Lenzing seine Halbjahreszahlen vorlegte. Der Nettogewinn nach Steuern stieg auf 35,6 Millionen Euro, nach 15,2 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum – mehr als eine Verdoppelung. Der freie Cashflow lag bei 45,8 Millionen Euro, das EBITDA bei 239,2 Millionen Euro, der Umsatz bei 1,27 Milliarden Euro.
Den Umsatzrückgang gegenüber dem Vorjahreszeitraum begründete das Unternehmen mit der bewussten Reduktion margenschwacher Faservolumina sowie niedrigeren externen Zellstoffverkäufen – also mit einer gezielten Qualitätsstrategie statt eines reinen Nachfrageeinbruchs. Seit Vorlage dieser Zahlen hat die Aktie um 3,0 Prozent nachgegeben.
Kurs bleibt unter Druck, Bewertung günstiger als vor Jahresfrist
Mit aktuell 22,90 Euro notiert die Lenzing-Aktie rund 23 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 29,75 Euro, das im Juni erreicht wurde. Gegenüber dem 50-Tage-Durchschnitt von 23,84 Euro liegt der Kurs vier Prozent im Minus, auf Jahressicht beträgt das Minus 17 Prozent. Die Marktkapitalisierung liegt bei rund 877 Millionen Euro.
Die Gemengelage aus frischem Kapital, schmerzhaften Werksschließungen und einer neu ausgerichteten Strategie macht deutlich: Lenzing befindet sich in einer Übergangsphase, deren Erfolg sich erst an künftigen Quartalszahlen ablesen lassen wird. Die jüngste Analysteneinschätzung stammt noch aus dem Juni und spiegelt die seither eingetretenen Entwicklungen nicht mehr wider.
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