Der zweite Halbjahresbeginn fällt mit einem Paradox zusammen: Asiens Börsen starten verhalten in das neue Quartal — und das nach einer Rally, die in ihrer Stärke kaum jemand erwartet hatte. Der Nikkei legte im zweiten Quartal 37 % zu, der südkoreanische Kospi sogar 68 %, der Taiex in Taiwan 45 %. Die treibende Kraft dahinter ist klar: der globale KI-Boom.
Asiens Fabriken im KI-Rausch
Nirgendwo zeigt sich die Wucht des KI-Investmentzyklus deutlicher als in den Produktionszahlen. Japans Einkaufsmanagerindex (PMI) für das verarbeitende Gewerbe kletterte im Juni auf 54,8 — das stärkste Quartal seit dem ersten Quartal 2014. Neue Aufträge wuchsen so schnell wie seit Januar 2022 nicht mehr. Gleichzeitig meldete die Bank of Japan, dass das Geschäftsklima unter Großproduzenten auf dem höchsten Stand seit 2018 steht.
In China bestätigt der private RatingDog-PMI das Bild: 51,7 Punkte im Juni, der stärkste Quartalsdurchschnitt seit Ende 2020. Neue Aufträge stiegen zum 13. Mal in Folge, die Beschäftigung wächst so schnell wie seit August 2023 nicht mehr. Die Zahlen aus Peking überraschen umso mehr, als staatliche Großbetriebe laut offiziellen Zahlen schwächeln — es sind die kleineren, exportorientierten Privatunternehmen, die den Aufschwung tragen.
Am dramatischsten fällt die Entwicklung in Südkorea aus. Die Exportzahlen für Juni zeigten das stärkste Wachstum seit fast 50 Jahren — Halbleiterlieferungen legten nahezu 200 % zu. Das Land schaffte damit als vierter Staat weltweit, nach Deutschland, China und den USA, einen monatlichen Exportwert von 100 Milliarden Dollar.
Energie als Bremsklotz
Der Rückenwind aus dem KI-Sektor stößt allerdings auf einen hartnäckigen Gegenwind: Der Krieg im Nahen Osten und die damit verbundene Energiepreisschock-Welle erzeugen Kostendruck, der zunehmend auf die Margen drückt. In Japan bleibt die Inputkosteninflation auf einem Vierjahreshoch — Lieferengpässe und Verzögerungen in der Schifffahrt verlängern die Lieferzeiten spürbar. Die Bank of Japan hob die Zinsen im Juni auf den höchsten Stand seit 31 Jahren und signalisiert, bei weiterem Preisdruck nachzulegen.
Viele japanische Firmen konnten die Mehrkosten zwar an Kunden weitergeben, doch der BOJ-Tankan zeigt, dass sich die Stimmung für die nächsten drei Monate eintrübt. Großunternehmen planen dennoch, ihre Investitionsausgaben im laufenden Fiskaljahr um 11,5 % zu erhöhen — deutlich mehr als die vom Markt erwarteten 10,5 %. Ein Signal, dass trotz allem die Zuversicht überwiegt.
Dollar, Yen und die Fed
Während Asiens Fabriken brummen, steht am Devisenmarkt ein anderes Drama im Mittelpunkt. Der Yen ist auf ein 40-Jahres-Tief von 162,82 je Dollar gefallen — ein Niveau, das Tokyo bislang nicht zu einer Intervention veranlasst hat. Analysten bei Wells Fargo sprechen von einem Punkt, an dem das Finanzministerium handeln müsste, um seine Glaubwürdigkeit zu wahren. Als potenzielles Zeitfenster gilt der US-Feiertag am Freitag, wenn die Marktliquidität dünn ist.
Der Auslöser für den jüngsten Anstieg des Dollar: US-Staatsanleihen verkauften sich am Dienstag scharf, die Rendite zehnjähriger Treasuries stieg um fast 9 Basispunkte — ohne offensichtlichen Auslöser. Marktbeobachter vermuten, dass Investoren sich auf eine überraschend starke Arbeitsmarktmeldung am Donnerstag vorbereiten. Die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung im September liegt mittlerweile bei 67 bis 88 %, je nach Berechnungsmethode. Vor einem Monat waren es noch 20 %. Fed-Chef Kevin Warsh spricht heute beim EZB-Forum in Sintra — ob er seiner Linie, keine Vorwärtsguidance zu geben, treu bleibt, wird genau beobachtet.
EZB zwischen Geduld und Handlungsdruck
In Europa tönt es gemäßigter. Alexander Demarco, Gouverneur der maltesischen Zentralbank, warnte am Rande des EZB-Forums in Sintra ausdrücklich davor, vorschnell zu handeln. Der rasche Rückgang der Energiepreise habe den Druck deutlich vermindert. „Wir können es uns leisten, auf das nächste Projektionspaket zu warten, anstatt das Wirtschaftswachstum mit einer hastigen Zinserhöhung unnötig zu bremsen“, sagte Demarco. Die Märkte sehen eine Zinserhöhung im Juli mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Drittel, bis Oktober ist eine Anhebung aber vollständig eingepreist.
Privatkredit unter Druck
Abseits der Makrodaten baut sich in einem weniger beachteten Segment des Finanzsystems Stress auf. Eine Reuters-Analyse von 53 börsennotierten Business Development Companies (BDCs) — dem sichtbaren Teil des rund 3,5 Billionen Dollar schweren Privatkredit-Markts — zeigt: 28 dieser Fonds schrieben im ersten Quartal 2026 rote Zahlen. Ein Jahr zuvor waren es noch 12. Der durchschnittliche Gewinn der Gruppe fiel von plus 26 Millionen Dollar auf minus 7,6 Millionen Dollar.
Verantwortlich sind vor allem Abschreibungen auf Kredite an Softwareunternehmen, die durch KI-Entwicklungen unter Druck geraten sind. Blue Owls OTF-Fonds buchte im ersten Quartal Abwertungen von 490 Millionen Dollar — der höchste Wert seit seiner Gründung. Gleichzeitig steigt die sogenannte Payment-in-Kind-Finanzierung, bei der Zinsen nicht in bar, sondern als zusätzliche Schuld geleistet werden — ein klassisches Frühwarnsignal für schleichende Kreditverschlechterung. Der S&P-BDC-Index verlor seit Jahresbeginn 8,4 %, während der S&P 500 rund 9 % zulegte.
USMCA vor dem Ablaufdatum
Handelspolitisch beginnt der Juli mit einem anderen Paukenschlag: Die USA haben erwartungsgemäß darauf verzichtet, das nordamerikanische Handelsabkommen USMCA zu verlängern. Damit läuft formal eine zehnjährige Überprüfungsphase an, an deren Ende — 2036 — das Abkommen ausläuft, sollte kein neuer Deal gelingen. Kanadas Premierminister Mark Carney betonte die Gesprächsbereitschaft, Mexikos Wirtschaftsminister Marcelo Ebrard sieht keine unmittelbare Gefahr eines Endes. Washington verhandelt vorerst nur bilateral mit Mexiko und fordert unter anderem einen US-spezifischen Fahrzeuginhalt von 50 % — eine Forderung, die die nordamerikanische Automobilindustrie vor gewaltige Herausforderungen stellt.
Die Wall Street blickt indes auf die bevorstehende Berichtssaison. Goldman Sachs rechnet mit einem Gewinnwachstum je Aktie von 22 % gegenüber dem Vorjahr. Allein Nvidia und Micron sollen mehr als 40 % des S&P-500-Gewinnwachstums beisteuern. Gut, dass der KI-Boom so viele Flanken gleichzeitig absichert — denn die offenen Fragen rund um Handelsabkommen, Zentralbankpolitik und geopolitische Risiken werden so schnell nicht verschwinden.
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