Ein Sommer der Extreme für Technologiewerte mit KI-Bezug. Während ASML seine Jahresprognose kräftig anhebt, erlebt IBM den schwärzesten Handelstag der Firmengeschichte. Dazwischen: SAP kauft sich ins Forschungsfeld der Unternehmensdaten ein, Netflix enttäuscht trotz solider Zahlen, und SoftBank-Chef Masayoshi Son verkündet eine Billionen-Dollar-Vision für autonome KI-Agenten.
Die Kapitalflüsse in der Branche zeigen ein klares Muster: Wer Hardware und Infrastruktur für den KI-Boom liefert, wird belohnt. Wer auf der falschen Seite der Budgetverschiebungen steht, zahlt einen hohen Preis.
SAP: Milliardenwette auf Unternehmensdaten
SAP hat die Übernahme von Prior Labs abgeschlossen und will über die kommenden vier Jahre mehr als eine Milliarde Euro investieren, um daraus ein weltweit führendes KI-Forschungslabor für strukturierte Unternehmensdaten zu formen. Die Strategie dahinter: Anders als große Sprachmodelle, die mit Tabellen und Zahlenkolonnen oft hadern, sollen spezialisierte Modelle genau dort ansetzen, wo Geschäftsprozesse tatsächlich stattfinden.
Finanzielle Details zur Transaktion wurden nicht offengelegt. Prior Labs soll unter eigener Marke und mit eigener Führung weiterarbeiten, seine Forschung veröffentlichen und Modelle offen zugänglich machen.
An der Börse kommt die Zukunftswette bislang nicht an. Die Aktie schloss am Freitag bei 138,50 Euro, ein Minus von 1,81 Prozent zum Vortag. Seit Jahresbeginn steht ein Rückgang von 33,53 Prozent zu Buche, und der Kurs notiert mittlerweile mehr als 21 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt. Die Nähe zum 52-Wochen-Tief bei 130,80 Euro zeigt: Der Markt braucht handfeste Beweise, bevor er der Prior-Labs-Wette traut.
ASML: Profiteur des Hardware-Rennens
Während Softwarewerte kämpfen, zeigt sich ASML als einer der klarsten Gewinner des KI-Infrastrukturaufbaus. Am 15. Juli meldete der Ausrüster für Chip-Fertigung einen Quartalsumsatz von 9,3 Milliarden Euro bei einer Bruttomarge von 54 Prozent. Für das dritte Quartal wird ein Umsatz zwischen 11 und 12 Milliarden Euro in Aussicht gestellt.
Deutlich wichtiger für Anleger: Der Konzern hob seine Jahresprognose kräftig an. Statt der bisherigen Spanne von 36 bis 40 Milliarden Euro erwartet ASML nun 43 bis 45 Milliarden Euro Umsatz für 2026 – ein Sprung von 16 Prozent am Mittelwert. CEO Christophe Fouquet verwies auf anhaltende Nachfrage nach fortschrittlichen Logik- und Speicherchips, getrieben von Investitionen in KI-Technologien.
Der Kurs reagierte zunächst mit einem Sprung, notiert aber nach einem schwächeren Freitag (-2,51 Prozent) bei 1.528,00 Euro. Der Blick auf die längere Frist relativiert den jüngsten Rücksetzer: Binnen zwölf Monaten hat sich der Kurs mehr als verdoppelt, mit einem Plus von 147,85 Prozent. Ein Risiko bleibt bestehen – US-Gesetzgeber haben Beschränkungen vorgeschlagen, die ASMLs China-Geschäft weiter einschränken könnten.
IBM: Historischer Absturz legt Bruchlinie offen
Kein KI-naher Wert sorgte diesen Monat für größere Schlagzeilen als IBM. Am 14. Juli verlor die Aktie 25,2 Prozent an einem einzigen Tag – rund 68 Milliarden Dollar Marktkapitalisierung lösten sich in Luft auf, der schlechteste Handelstag der Unternehmensgeschichte. CEO Arvind Krishna räumte den Fehltritt offen ein: Die Marktbedingungen verlangten perfekte Ausführung, und in diesem Quartal habe man gestrauchelt.
Die vorläufigen Zahlen zeigen das Ausmaß der Enttäuschung. Der Umsatz stieg lediglich um ein Prozent auf 17,2 Milliarden Dollar, rund 660 Millionen Dollar unter den Erwartungen. Das Softwarewachstum verlangsamte sich auf 5 Prozent, Consulting stagnierte, die Infrastruktursparte brach um 7 Prozent ein.
Paradoxerweise war ausgerechnet die KI-Nachfrage der Auslöser. Kunden hatten in den letzten Juni-Wochen hektisch versucht, knappe Server, Speicher und Arbeitsspeicher vor erwarteten Preiserhöhungen zu sichern – Budgets, die dann an anderer Stelle fehlten. Die Sparte für verteilte Infrastruktur legte zwar um 37 Prozent zu, konnte die Schwäche im Rest des Geschäfts aber nicht ausgleichen.
Der Aktienkurs liegt inzwischen bei 185,72 Euro, nur noch gut 4 Prozent über dem 52-Wochen-Tief. Der RSI von 31,2 signalisiert eine überverkaufte Situation. Analysten raten eher zum Halten als zum Verkaufen: Red Hat wuchs immerhin um 11 Prozent, doch die verschobenen Großaufträge müssen erst tatsächlich abgeschlossen werden, bevor neues Vertrauen gerechtfertigt ist. Der offizielle Quartalsbericht folgt am Mittwoch, den 22. Juli. Einkommensorientierte Anleger dürfte immerhin die gestiegene Dividendenrendite von rund 3,18 Prozent trösten – IBM erhöht seine Quartalsdividende seit 31 Jahren in Folge.
Netflix: Werbegeschäft überzeugt, Prognose bremst
Netflix lieferte weitgehend erwartungsgemäße Zahlen, enttäuschte aber mit dem Ausblick. Die Aktie brach am Freitag um 6,85 Prozent ein, obwohl der Gewinn je Aktie mit 80 Cent die Schätzung von 79 Cent leicht übertraf.
Statt die Jahresprognose anzuheben, engte der Streaming-Dienst seine Umsatzspanne für 2026 auf 51 bis 51,4 Milliarden Dollar ein. Auch der Ausblick fürs dritte Quartal enttäuschte: Ein Umsatzwachstum von 11,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr bedeutet eine spürbare Verlangsamung gegenüber den 16,2 Prozent im ersten Quartal.
Immerhin bleibt das Werbegeschäft ein Lichtblick – die Erlöse sollen sich 2026 auf rund 3 Milliarden Dollar nahezu verdoppeln, bei einer operativen Marge von 31,5 Prozent. Nach dem Kursrutsch handelt die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa 21 – erstmals seit 2022 günstiger als der S&P-500-Durchschnitt. Bernstein-Analyst Laurent Yoon beließ sein Kursziel bei Outperform, senkte aber die Zielmarke und verwies auf offene Fragen zu Engagement-Trends und möglichen Anpassungen der Margenprognose. Evercore-Analyst Mark Mahaney blieb dagegen bei seiner Kaufempfehlung und verwies auf wachsende Margen und robuste Nutzerbindung.
SoftBank: Sons Billionen-Vision trifft auf kurzfristige Nervosität
Beim jährlichen Aktionärstreffen in Tokio legte Masayoshi Son am 14. Juli eine kühne Langfrist-These vor: Bis 2040 werde der KI-Sektor jährliche Investitionen von 5 Billionen Dollar benötigen. Bubble-Sorgen wischte er als „lächerlich“ beiseite.
Seine Vision reicht bis zur vollautonomen KI-Ökonomie. Die Menschheit bewege sich von einer menschzentrierten zu einer agentenzentrierten Welt, so Son – mit 100 Billionen KI-Agenten und rund einer Milliarde humanoiden Robotern bis etwa 2040.
Hinter der Rhetorik lauert finanzieller Druck. SoftBank baut in den USA das Unternehmen Roze auf, das KI- und Robotik-Vermögenswerte bündeln soll, mit einem angepeilten Börsengang womöglich schon in der zweiten Jahreshälfte 2026 und einer Zielbewertung von 100 Milliarden Dollar. Die größte Wette bleibt OpenAI: SoftBanks kumulierte Investition dürfte bis Jahresende 2026 die Marke von 60 Milliarden Dollar überschreiten. Zweifel an einem baldigen OpenAI-Börsengang haben die Aktie zuletzt belastet – sie schloss am Freitag bei 30,60 Euro, ein Minus von 7,27 Prozent binnen einer Woche. Zuvor hatte die Aussicht auf einen lukrativen Börsengang die Marktkapitalisierung sogar über die von Toyota gehievt.
Sektordynamik im Überblick
Die fünf Werte offenbaren eine klare Spaltung innerhalb der KI-Aktien in dieser Berichtssaison:
- Hardware-Gewinner: ASML profitiert direkt vom Wettlauf um Chip-Kapazitäten – jeder fortschrittliche Chip für KI-Workloads beginnt letztlich bei den Maschinen des Konzerns
- Infrastruktur-Verlierer: IBM leidet, weil dieselbe Eile bei Hardware-Käufen Budgets von klassischer IT-Infrastruktur abzieht
- Zukunftswetten mit Risiko: SAP und SoftBank setzen auf die nächste Phase der KI-Entwicklung – strukturierte Daten respektive autonome Agenten –, tragen dabei aber erhebliches Ausführungsrisiko
- Zwischenposition: Netflix bleibt ein reifes, profitables Geschäft, dessen Bewertung inzwischen nahezu fehlerfreie Ausführung verlangt
Wendepunkt oder Übergangsphase?
Die kommenden Tage dürften die Erzählung des Sektors weiter prägen. IBMs offizieller Quartalsbericht am 22. Juli wird zeigen, ob der Ausrutscher ein einmaliges Ereignis war oder tiefere Probleme offenlegt – entscheidend wird sein, ob verschobene Großaufträge tatsächlich abgeschlossen werden. Bei ASML stellt sich die Frage, ob die angehobene Prognose angesichts geopolitischer Risiken im China-Geschäft Bestand hat.
SAPs Prior-Labs-Integration braucht erste Anzeichen kommerzieller Zugkraft, um die Milliardeninvestition zu rechtfertigen. Netflix wiederum wird ab 2027 seltener Einblick in Nutzerzahlen geben, was die Visibilität für Investoren einschränkt. SoftBank bleibt derweil an den Zeitplan von OpenAIs Börsengang gekettet – und an die Frage, ob sich Sons Billionen-Investitionen in KI-Infrastruktur jemals in entsprechenden Renditen niederschlagen.
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