Neue Fabriken, geplatzte Aufträge, milliardenschwere Übernahmen und Kapitalerhöhungen mit Verwässerungseffekt — die Verteidigungsbranche erlebt derzeit weniger ein Auftrags- als ein Finanzierungsdrama. Während geopolitische Nachfrage weiter in die Branche strömt, richten Anleger den Blick zunehmend darauf, wie Unternehmen ihr Wachstum stemmen, Zukäufe verdauen und Verwässerung managen.
Rheinmetall: Neues Werk in Litauen, nervöser Kurs
Der Düsseldorfer Rüstungskonzern baut seine europäische Produktionsbasis weiter aus. Über ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem litauischen Staat entsteht in Baisogala eine neue Munitionsfabrik. Litauens Präsident Gitanas Nausėda bezeichnete das Vorhaben als die größte Verteidigungsinvestition in der Geschichte des Landes.
Bis zu 300 Millionen Euro fließen in den Standort, der 2026 den Betrieb aufnehmen und ab 2027 schrittweise hochgefahren werden soll. Geplant ist die Produktion mehrerer Zehntausend Artilleriegeschosse des Kalibers 155 Millimeter pro Jahr, dazu entstehen bis zu 150 Arbeitsplätze.
An der Börse sieht die Lage weniger erfreulich aus. Die Aktie schloss zuletzt bei 993,00 Euro und hat allein in den vergangenen 30 Tagen 17,01 Prozent verloren. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 38 Prozent zu Buche, verglichen mit dem 52-Wochen-Hoch von 1.995,00 Euro liegt der Titel sogar rund die Hälfte im Minus. Der RSI von 37,2 signalisiert, dass die Verkaufswelle bereits deutliche Spuren hinterlassen hat, auch wenn charttechnisch noch keine Entwarnung gegeben ist.
Trotz der Kursschwäche bleiben Analysten überwiegend zuversichtlich. Vierzehn Kaufempfehlungen stehen einer einzigen Halteempfehlung gegenüber, verkaufsseitig regt sich kein Widerstand. Das durchschnittliche Kursziel liegt weit über dem aktuellen Niveau, wobei einzelne Häuser ihre Prognosen nach einem herben Rückschlag gesenkt haben: Die Bundesregierung strich das milliardenschwere F126-Fregattenprogramm nach bereits erfolgten Ausgaben in Milliardenhöhe und setzt stattdessen auf acht kleinere MEKO-A-200-Fregatten anstelle der ursprünglich geplanten sechs Großschiffe.
DroneShield: Starkes Jahr, holpriger Start ins neue Geschäftsjahr
Operativ liefert der australische Drohnenabwehr-Spezialist weiter beeindruckende Zahlen, auch wenn die Aktie davon wenig zeigt. Im vergangenen Geschäftsjahr sprang der Umsatz um 276 Prozent, aus roten Zahlen wurde ein Nettogewinn, und der Auftragsbestand erreichte einen Rekordwert von 2,2 Milliarden australischen Dollar. Besonders der Softwarebereich überzeugte: Die SaaS-Erlöse legten um 312 Prozent zu, mittelfristiges Ziel ist ein SaaS-Anteil von 30 Prozent am Gesamtumsatz binnen fünf Jahren.
Im ersten Quartal des laufenden Geschäftsjahres verlangsamte sich das Tempo etwas, blieb mit einem Plus von 205 Prozent bei den SaaS-Erlösen aber weiterhin beachtlich — wenngleich dieser Bereich noch keine sieben Prozent des Gesamtumsatzes ausmacht.
Der Aktienkurs zeigt sich davon unbeeindruckt und tendiert weiter schwach. Zum Wochenschluss stand die Aktie bei 1,46 Euro, nach einem Minus von 17,82 Prozent in den vergangenen 30 Tagen. Seit Jahresanfang beläuft sich der Verlust auf 26,34 Prozent, der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 3,65 Euro liegt bei fast 60 Prozent. Ein zentraler Belastungsfaktor bleibt regulatorischer Natur: Seit Mai untersucht die australische Wertpapieraufsicht das Timing früherer Unternehmensmitteilungen und damit verbundene Aktiengeschäfte aus dem Vorjahr, das Verfahren ist noch offen und drückt spürbar auf die Bewertung.
Auf der Führungsebene setzt das Unternehmen ein Signal für mehr Verteidigungskompetenz: Konteradmiral Lee Goddard rückte zum 1. Juli als unabhängiges Vorstandsmitglied nach und bringt drei Jahrzehnte Erfahrung aus der Royal Australian Navy mit. Analysten bleiben bei der Bewertung konstruktiv — Canaccord sieht ein Kursziel von 3,75 australischen Dollar, Bell Potter traut der Aktie sogar bis zu 4,80 australische Dollar zu.
OHB SE: Kapitalerhöhung abgeschlossen, Streubesitz wächst
Bei OHB ist eine wegweisende Kapitalmaßnahme unter Dach und Fach. Der Vorstand hatte am 22. Juni unter teilweiser Nutzung des Genehmigten Kapitals 2025 die Ausgabe von bis zu 1,7 Millionen neuen Aktien in zwei Tranchen beschlossen, mit Dividendenberechtigung ab dem 1. Januar 2026. Das Bezugsangebot ist inzwischen abgeschlossen, das Grundkapital steigt nach beiden Tranchen auf rund 20,83 Millionen Euro, gehandelt werden die neuen Aktien ab morgen.
Bemerkenswert ist die Nachfrage: Freie Aktionäre übten Bezugsrechte für gerade einmal 7.635 neue Aktien aus. Die erste Tranche wurde größtenteils privat bei qualifizierten Investoren platziert, die zweite blieb fast ungenutzt.
Das verändert die Eigentümerstruktur spürbar. Die Familie Fuchs lässt ihren Anteil von 65 auf gut 60 Prozent sinken, indem sie auf Bezugsrechte verzichtet. Der Finanzinvestor KKR platziert bis zu 1,23 Millionen Aktien und reduziert seine Beteiligung von 29 auf rund 20 Prozent. CEO Marco Fuchs begründet den Schritt mit dem Ziel einer breiteren Aktionärsbasis — die neue Eigentümerstruktur eröffne die konkrete Perspektive auf einen MDax-Aufstieg, während die Familie die klare Mehrheit behalten wolle.
Der Kurs schwankte rund um die Platzierung erheblich und bewegte sich zuletzt zwischen 270 und 405 Euro, je nach Nachrichtenlage. Aktuell notiert die Aktie bei 271,00 Euro, nach einem Rückgang von 33,58 Prozent im 30-Tage-Vergleich — ein deutlicher Kontrast zur Jahresperformance von plus 123,05 Prozent. Die mittelfristigen Ziele bleiben ambitioniert: Die EBITDA-Marge soll von 9,5 Prozent im laufenden Jahr auf 13 Prozent steigen.
Kraken Robotics: Covelya-Deal besiegelt, Prognose kräftig angehoben
Kraken Robotics hat die größte Transaktion der Firmengeschichte abgeschlossen. Die Übernahme der Covelya Group für umgerechnet rund 615 Millionen kanadische Dollar markiert einen Meilenstein und stärkt die Position des Unterwassertechnik-Spezialisten im globalen Markt für maritime Analytik.
Der Deal löste eine deutliche Anhebung der Jahresziele aus. Der erwartete Umsatz klettert nun auf eine Spanne von 290 bis 320 Millionen kanadische Dollar, zuvor waren 165 bis 175 Millionen kanadische Dollar avisiert. Das bereinigte EBITDA soll zwischen 65 und 75 Millionen kanadische Dollar liegen.
Der gemeinsame Auftragsbestand der fusionierten Unternehmen untermauert die Wachstumsstory mit aktuell 292 Millionen kanadische Dollar. Parallel zur Übernahme läuft eine Neuordnung an der Spitze: Bernard Mills übernimmt mit sofortiger Wirkung den Posten des Präsidenten, COO Nat Spencer verlässt das Unternehmen Ende Juli. Zudem bereitet Kraken ein größeres Börsenparkett vor — ein Listing an der TSX ist um den Jahreswechsel geplant.
Der Aktienkurs reagierte positiv und notiert zuletzt bei 4,21 Euro, mit einem Wochenplus von 3,06 Prozent. Auf Zwölfmonatssicht steht ein Kursgewinn von 93,33 Prozent zu Buche, dennoch bleibt der Titel deutlich unter seinem 52-Wochen-Hoch von 6,79 Euro. Konkrete Zahlen zum zweiten Quartal stehen Ende August an, ein vollständiges Bild inklusive Covelya-Beitrag folgt erst Ende November.
Electro Optic Systems: Frisches Kapital, Fortschritte beim Laserprogramm
Der australische Sicherheitstechnik-Anbieter hat zusätzliches Kapital eingesammelt, um seinen wachsenden Auftragsbestand zu finanzieren. Eine Kapitalerhöhung über 40 Millionen australische Dollar soll unter anderem einen bedingten Auftrag über 80 Millionen US-Dollar für ein Hochenergie-Laserwaffensystem mit 100 Kilowatt Leistung für einen koreanischen Kunden absichern. Die Auslieferung ist für Ende 2027 geplant, eine erste Anzahlung von 18 Millionen US-Dollar ist bereits eingegangen.
Kleinere Governance-Fragen beschäftigten das Unternehmen ebenfalls. Auf eine Anfrage der australischen Börsenaufsicht zu einer verspäteten Offenlegung von Aktienrechten des CEO reagierte das Unternehmen mit dem Hinweis auf ein administratives Versehen und bekräftigte sein Bekenntnis zu regulatorischer Transparenz.
Die Wachstumserwartungen bleiben hoch: Marktprognosen gehen für die kommenden drei Jahre von einem durchschnittlichen jährlichen Umsatzwachstum von 58,8 Prozent aus, bei Gewinnmargen um 12,2 Prozent — vorausgesetzt, die Skalierung der Laser- und Satellitenkommunikationstechnik gelingt. Nach der MARSS-Übernahme lag der kombinierte Auftragsbestand bei rund 726 Millionen australischen Dollar, wovon 217 Millionen aus den übernommenen MARSS-Verträgen stammten. Bell-Potter-Analysten schätzen, dass sich 60 bis 80 Prozent dieses Bestands in den Geschäftsjahren 2026 und 2027 in Umsatz verwandeln.
Am Aktienmarkt zeigt sich zuletzt Nervosität: Der Kurs von 5,28 Euro bedeutet einen Wochenverlust von 11,32 Prozent.
Sektordynamik: Kapitalstruktur als neuer Kurstreiber
Ein gemeinsamer Faden zieht sich durch alle fünf Werte: Entscheidungen zur Kapitalstruktur beeinflussen den Kursverlauf mittlerweile mindestens so stark wie neue Aufträge.
- OHB und Kraken stemmen signifikante Verwässerung und Eigentümerumbau im Zuge ihrer Transaktionen
- Electro Optic Systems wählt mit der kleineren Kapitalerhöhung einen vorsichtigeren Finanzierungsweg
- DroneShield hat zuletzt keine Kapitalmaßnahme durchgeführt, leidet aber am stärksten unter der Kluft zwischen operativer Stärke und Bewertung — belastet von der offenen Untersuchung, nicht von Bilanzsorgen
- Rheinmetall bleibt der Taktgeber der Branche, mit fortgesetztem Kapazitätsaufbau trotz Bewertungssorgen und dem F126-Rückschlag
Kraken zeigt mit der fast verdoppelten Umsatzprognose, wie eine Übernahme das Wachstumsprofil eines kleineren Spezialisten binnen kurzer Zeit verändern kann — Integrationsrisiken und Kursschwankungen inklusive. Bei OHB fällt auf, dass die Kapitalerhöhung den Streubesitz nicht verbreitert, sondern neue Aktien bei institutionellen Investoren konzentriert hat. Wie sich das auf die Handelsdynamik auswirkt, dürfte sich in den kommenden Wochen zeigen.
Branchenweit bleibt die Einschätzung zur strukturellen Wachstumsstory konstruktiv — steigende Verteidigungsbudgets, Nachfrage nach Drohnenabwehr und die Verzahnung von Raumfahrt und Sicherheitstechnik sprechen dafür. Die Diskrepanz zwischen Auftragswachstum und Kursentwicklung, am deutlichsten bei DroneShield sichtbar, scheint dabei kein Einzelfall, sondern ein Muster der gesamten Branche zu sein.
Ausblick: Diese Termine entscheiden über die nächste Kursrichtung
Mehrere konkrete Prüfsteine stehen in den kommenden Wochen an. Bei OHB startet ab morgen der Handel mit den neuen Aktien — ein erster Test, ob der breitere Streubesitz tatsächlich institutionelles Interesse weckt. Kraken Robotics legt Ende August Zahlen zum zweiten Quartal vor, die erste Gelegenheit für den Markt, den Fortschritt der Covelya-Integration einzuschätzen.
DroneShields Halbjahreszahlen Ende August werden genau darauf abgeklopft, ob sich die Aufsichtsuntersuchung ihrem Ende nähert und ob der SaaS-Umbau tatsächlich für stabilere Erlöse sorgt. Rheinmetall legt am 6. August den nächsten Quartalsbericht vor, der Aufschluss darüber geben dürfte, ob die gestrichene Fregattenbestellung die kurzfristige Prognose spürbar belastet. Bei Electro Optic Systems richtet sich der Blick auf den Fortschritt beim koreanischen Laserauftrag und darauf, wie schnell sich der Auftragsbestand nach der MARSS-Integration in Umsatz übersetzt.
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