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Japan: Takaichis Wahlsieg belastet Yen

Der historische Wahlsieg der Premierministerin führt zu expansiven Fiskalplänen, die den Yen schwächen und die Zinsen für Staatsanleihen auf Rekordniveau treiben. Die Finanzierung der Steuersenkungen ist unklar.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Historischer Wahlsieg sichert Takaichi Zweidrittelmehrheit
  • Expansive Fiskalpläne belasten Yen und Staatsanleihen
  • Finanzierung von Steuersenkungen durch Devisenreserven im Gespräch
  • Zentralbank steht vor komplexer Zinsentscheidung

Japans Finanzmärkte erleben turbulente Zeiten. Nach dem historischen Wahlsieg von Premierministerin Sanae Takaichi am Sonntag steuert das Land auf eine Phase expansiver Fiskalpolitik zu – mit weitreichenden Folgen für Währung, Anleihen und die ohnehin angespannte Haushaltslage. Während der Nikkei am Montag auf Allzeithochs über 57.000 Punkte katapultierte, gerät der Yen unter Druck und wirft grundsätzliche Fragen über Japans finanzpolitischen Spielraum auf.

Erdrutschsieg mit Folgen

Takaichis Liberaldemokratische Partei (LDP) sicherte sich 316 der 465 Sitze im Unterhaus – das beste Wahlergebnis in der Geschichte der Partei. Zusammen mit dem Koalitionspartner Japan Innovation Party kontrolliert sie nun eine Zweidrittelmehrheit von 352 Sitzen, die es ihr erlaubt, das Oberhaus zu überstimmen. Dieser klare Wählerauftrag ebnet den Weg für versprochene Steuersenkungen, höhere Militärausgaben und eine allgemein reflationäre Politik.

Doch die Euphorie an der Börse täuscht über wachsende Spannungen hinweg. Zweijahreszinsen japanischer Staatsanleihen kletterten auf 1,3 Prozent – den höchsten Stand seit 1996. Investoren sorgen sich, wie Takaichis Ausgabenprogramm in einem Land mit der höchsten Schuldenlast aller Industrienationen finanziert werden soll, ohne neue Schulden aufzunehmen.

Devisenreserven im Visier

Besonders brisant: Takaichis angekündigter Plan, die achprozentige Konsumsteuer auf Lebensmittel für zwei Jahre auszusetzen. Mit geschätzten Einnahmeausfällen von fünf Billionen Yen (31,99 Milliarden Dollar) jährlich sucht die Regierung fieberhaft nach Finanzierungsquellen. Ins Zentrum der Diskussion rücken Japans massive Devisenreserven von 1,4 Billionen Dollar – weit mehr als der gesamte Staatshaushalt.

Regierungsvertreter, die anonym bleiben wollten, deuten an, dass Takaichi auf Überschüsse aus den Währungsreserven zurückgreifen könnte. Im vergangenen Fiskaljahr verbuchte das Sonderkonto für Devisenreserven einen Rekordüberschuss von 5,4 Billionen Yen, hauptsächlich aus Zinsgewinnen auf US-Staatsanleihen. Finanzministerin Satsuki Katayama erklärte vage, es sei vorstellbar, den großen Überschuss zu nutzen – fügte aber hinzu, dies berühre die Frage der Devisenintervention und dürfe aus Gründen des nationalen Interesses nicht vollständig offengelegt werden.

Die größte Oppositionspartei schlägt sogar radikalere Maßnahmen vor: einen Staatsfonds, der Devisenreserven und die ETF-Bestände der Zentralbank zusammenführt, um höhere Renditen zu erzielen. „Die Größe der Reserven könnte im Hinblick auf die Währungsstabilität etwas überdimensioniert sein“, argumentiert Oppositionspolitiker Isamu Ueda. Regierungsvertreter weisen dies als unrealistisch zurück – insbesondere großangelegte Verkäufe von US-Staatsanleihen könnten Washington verstimmen, während der Anleihemarkt bereits unter Druck steht. Als größter ausländischer Gläubiger der USA hält Japan eine geopolitisch sensible Position.

Währungshüter auf Alarmbereitschaft

Der Yen reagierte zunächst widersprüchlich auf Takaichis Sieg. Nach anfänglicher Schwäche bis auf 157 Yen pro Dollar – dem schwächsten Stand seit zwei Wochen – drehte die Währung und gewann 0,5 Prozent, als das Risiko staatlicher Interventionen Händler vorsichtig werden ließ. „Die Aussichten für den Yen bleiben schwierig“, urteilt Sim Moh Siong, Währungsstratege bei OCBC in Singapur. „Zumindest kurzfristig besteht die Sorge vor Interventionsrisiken, die den Aufwärtstrend von Dollar-Yen begrenzen könnten.“

Japans oberster Währungsdiplomat Atsushi Mimura unterstrich am Montag, die Regierung beobachte Währungsbewegungen „mit einem hohen Maß an Dringlichkeit“. Die Botschaft ist klar: Tokio wird nicht tatenlos zusehen, wenn der Yen zu stark abwertet – auch wenn die finanziellen Mittel für groß angelegte Interventionen durch Takaichis Steuerpläne perspektivisch schrumpfen könnten.

Arbeitsmarkt unter Druck

Während die Politik über Budgets streitet, zeigt sich die Realwirtschaft zunehmend belastet. Unternehmensinsolvenzen stiegen im Januar um 5,6 Prozent auf 887 Fälle – der höchste Stand für den Monat seit 13 Jahren, wie eine Erhebung des Think-Tanks Tokyo Shoko Research zeigt. Besonders alarmierend: 19 Unternehmen nannten explodierende Lohnkosten als Insolvenzgrund – eine Verdreifachung gegenüber dem Vorjahr. 36 Firmen kämpfen mit Arbeitskräftemangel.

„Viele kleine Unternehmen können mit steigenden Kosten und Arbeitskräftemangel nicht umgehen“, warnt Tokyo Shoko Research. Die Zwickmühle ist offensichtlich: Reallöhne fielen im Dezember nur noch um 0,1 Prozent – eine deutliche Verbesserung gegenüber dem Minus von 1,6 Prozent im November, da die Inflation nachließ. Doch für kleinere Firmen bedeuten selbst moderate Lohnsteigerungen existenzielle Bedrohungen.

Takaichi hat versprochen, Kleinunternehmen beim Lohnwachstum zu unterstützen – doch wie genau das aussehen soll, ohne die Haushaltskrise zu verschärfen, bleibt offen. Analysten erwarten zwar, dass die Reallöhne im Januar ins Plus drehen und dort bis März bleiben. Doch Yoshiki Shinke von Dai-ichi Life Research Institute warnt: „Der Inflationsdruck durch einen schwachen Yen ist ein Risiko. Firmen könnten wieder stärker geneigt sein, Preise zu erhöhen, wenn der Yen schwächer wird. In diesem Fall könnten die Reallöhne im April wieder negativ werden.“

Zentralbank im Wartemodus

Für die Bank of Japan (BOJ) wird die Situation zusehends kompliziert. Nachdem sie die Zinsen im Dezember auf ein 30-Jahres-Hoch von 0,75 Prozent angehoben hat, hängen weitere Schritte davon ab, ob die zugrundeliegende Inflation nachhaltig beim Zwei-Prozent-Ziel bleibt. Gouverneur Kazuo Ueda betonte wiederholt, die Notenbank brauche diese Gewissheit, bevor sie weiter straffe.

Die Kernverbraucherpreise liegen seit fast vier Jahren über dem Zwei-Prozent-Ziel, da Unternehmen weiterhin gestiegene Rohstoffkosten weitergeben. Analysten rechnen allerdings mit einer Abschwächung der Inflation in den kommenden Monaten – sowohl wegen Basiseffekten als auch dank Kraftstoffsubventionen, die ab Februar greifen. Doch Takaichis expansive Fiskalpolitik könnte diesem Trend entgegenwirken und die Inflation mittelfristig wieder anheizen.

„Unter einem gestärkten LDP-Mandat wird die Fiskalpolitik wahrscheinlich expansiver“, prognostiziert David Chao von Invesco in Singapur. „Während dies Japans Haushaltslage weiter belasten würde, dürfte es auch den Inflationsdruck erhöhen und möglicherweise den Zeitplan für BOJ-Zinserhöhungen vorziehen.“ Die paradoxe Situation: Höhere Staatsausgaben könnten die Zentralbank zu schnelleren Zinsschritten zwingen – was wiederum die Refinanzierung der explodierenden Staatsschulden verteuert.

Politische Stabilität als Trumpf

Trotz aller finanziellen Fragezeichen bietet Takaichis erdrutschartiger Sieg einen entscheidenden Vorteil: Japan könnte endlich eine Regierung bekommen, die länger als ein oder zwei Jahre Bestand hat. In einer Phase tektonischer geopolitischer Verschiebungen – von Handelskonflikten bis zu Sicherheitsfragen in Asien – wäre politische Kontinuität ein wertvolles Gut.

„Die Beseitigung politischer Unsicherheit stärkt die Politikumsetzung“, urteilt Shoki Omori, Chef-Stratege bei Mizuho in Tokio. „Doch der Marktfokus verlagert sich nun darauf, wie die Fiskalpolitik gestaltet und kommuniziert wird. Die Frage ist, ob sich diese Risiken verstärken oder allmählich auflösen.“

Für Anleger bleibt Japan ein Balanceakt zwischen Chance und Risiko. Der Nikkei mag Rekorde feiern, doch die strukturellen Herausforderungen – von der demografischen Krise über die Schuldenlast bis zum schwachen Yen – erfordern mehr als fiskalische Stimuli. Ob Takaichi die Balance zwischen Wachstumsimpulsen und finanzieller Verantwortung findet, wird über Japans wirtschaftliche Zukunft entscheiden. Der Yen jedenfalls sendet bereits Warnsignale.

Andreas Sommer

Mit über 40 Jahren Erfahrung im Bankwesen und Börsenjournalismus gehöre ich zu den etablierten Analysten im deutschsprachigen Raum. Nach mehr als zehn Jahren als Wertpapierberater bei der Deutschen Bank spezialisierte ich mich seit dem Börsencrash 1987 auf technische Analyse und charttechnische Methoden.

Als ehemaliger Chefredakteur mehrerer Börsenpublikationen entwickelte ich den "Aktienführer Neuer Markt" mit und führe heute einen Börsendienst, der sich auf wachstumsstarke Unternehmen fokussiert. Mein wöchentliches Markt-Barometer analysiert systematisch DAX, Dow Jones, Ölpreis, Währungen und Marktstimmung, um präzise Orientierung zu bieten.

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