Sechs Monate Krieg im Nahen Osten, explodierende Energiepreise und eine Fed, die sich in Schweigen hüllt: Wenn sich die Notenbankchefs diese Woche zum traditionellen Jackson-Hole-Symposium in Wyoming treffen, hat kaum einer von ihnen eine bequeme Ausgangslage. Der Konflikt zwischen den USA und Iran treibt die Ölpreise, während Anleger gleichzeitig auf Nvidias Quartalszahlen und eine mögliche Kehrtwende bei den US-Staatsanleihen schauen. Die Gemengelage ist komplex – und sie zeigt, wie eng Geopolitik, Inflation und Zinspolitik derzeit miteinander verwoben sind.
Ölpreise und Iran-Sanktionen als Inflationstreiber
Auslöser der Nervosität ist der andauernde Konflikt zwischen Washington und Teheran. US-Finanzminister Scott Bessent kündigte für Montag das nach eigenen Worten härteste Sanktionspaket an, das ein Land je gesehen habe – man befinde sich im „Endspiel“ gegen Iran. Länder, die weiter mit Teheran Geschäfte machen, drohten zu „globalen Paria-Staaten“ zu werden, so Bessent. Iran wiederum drohte, sämtliche Ölexporte durch die Straße von Hormus zu stoppen, sollte der wirtschaftliche Druck anhalten – eine Wasserstraße, durch die rund ein Fünftel der weltweiten Ölversorgung läuft.
Die Folgen sind an den Rohstoffmärkten längst spürbar. Brent-Rohöl legte in der vergangenen Woche um mehr als 5 Prozent zu und markierte damit den zweiten Wochengewinn in Folge, bevor am Montag eine Gewinnmitnahme auf rund 93 Dollar je Barrel einsetzte. Noch beunruhigender für Notenbanker: Nicht nur Rohöl, sondern vor allem raffinierte Produkte verteuern sich rasant. Europäische Dieselpreise sind seit Kriegsbeginn im Februar um mehr als 70 Prozent gestiegen, US-Benzin um 60 Prozent. Mit eingeschränkter Raffineriekapazität im Nahen Osten, in Russland und Ostasien dürfte dieser energiegetriebene Inflationsdruck vorerst bestehen bleiben.
Fed-Chef Warsh zwischen großer Vision und Zinssignal
Genau in dieses Umfeld platzt der Auftritt von Fed-Chef Kevin Warsh am Freitag in Jackson Hole. Warsh hat seine ersten Amtswochen genutzt, um über strukturelle Reformen der Notenbank nachzudenken – Anleger wollen von ihm aber vor allem eines hören: Wohin steuern die Zinsen? Bislang hat er sich bedeckt gehalten, doch diese Zurückhaltung könnte sich als Belastung erweisen, wenn die Märkte weiter auf klare Signale warten.
Die Konjunkturdaten selbst zeichnen ein gemischtes Bild. Barclays sieht eine Basis aus moderatem Wachstum und graduell nachlassender Inflation, was eine Zinspause der Fed im September wahrscheinlich macht. Die Juli-Beschäftigtenzahlen fielen schwächer aus als erwartet, samt Abwärtsrevisionen der Vormonate, und der Einzelhandelsumsatz brach spürbar ein. Die Kernrate der PCE-Inflation dürfte im Juli bei moderaten 0,19 Prozent im Monatsvergleich gelegen haben. Gleichzeitig wird die US-Kern-PCE-Zahl vom Mittwoch mit Spannung erwartet – sollte sie zum 65. Mal in Folge über dem Zwei-Prozent-Ziel der Fed liegen, wäre das ein weiteres Indiz für hartnäckigen Preisdruck.
EZB steuert auf einen härteren Kurs zu
Während die Fed zögert, preisen die Geldmärkte für die Europäische Zentralbank bereits eine deutlich restriktivere Linie ein. Nach der Straffung im Juni gilt eine weitere Zinserhöhung im September als nahezu ausgemacht, die den Einlagensatz auf 2,5 Prozent hieven würde. Bemerkenswerter ist jedoch, wie stark die Wetten auf noch mehr Straffung zugenommen haben: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Einlagensatz bis März 2027 die 3-Prozent-Marke erreicht, wird inzwischen mit rund 25 Prozent beziffert, bis September 2027 sogar mit etwa 60 Prozent. Noch vor einem Monat lag diese Wahrscheinlichkeit bei praktisch null.
Getrieben wird diese Neubewertung nicht allein vom Ölpreis. Analysten verweisen auf knappe Erdgasspeicher in der Eurozone – so niedrig wie seit über einem Jahrzehnt nicht mehr zu dieser Jahreszeit – sowie auf strukturelle Faktoren wie expansive Fiskalpolitik, Investitionen in die grüne Transformation und einen angespannten Arbeitsmarkt, die frühere disinflationäre Kräfte zunehmend aushebeln. BlueBay-Anlagechef Mark Dowding warnt zudem vor dauerhaft erhöhten „Crack Spreads“, also der Marge zwischen Rohöl und raffinierten Produkten, die auf einen strukturell engeren Markt für Diesel und Benzin hindeuten.
Treasury-Rückkäufe lindern nur Symptome
Auch in den USA wird das lange Ende der Zinskurve zum Politikum. Das US-Finanzministerium hatte kürzlich angekündigt, die Rückkäufe langlaufender Anleihen auszuweiten, um steigende Renditen zu bremsen. Der Effekt hielt laut Barclays jedoch kaum einen Tag: Ein Großteil des anfänglichen Renditerückgangs war bereits am Folgetag wieder aufgeholt. Die Ökonomen um Jonathan Millar sprechen von einer „milden Version einer Operation-Twist-Intervention“, die jedoch nicht die eigentlichen Treiber der Versteilerung der Zinskurve adressiere – ein strukturell schwächeres Fiskalprofil, wachsende Konkurrenz durch KI-getriebene Unternehmensanleihen um langlaufendes Kapital sowie eine zunehmend preissensible Investorenbasis.
Barclays verweist als Warnbeispiel auf Japan, wo ähnliche Eingriffe zunächst spürbare Ankündigungseffekte erzeugten, die aber verpufften, sobald fiskalische Realitäten wieder in den Vordergrund rückten. Die Fed selbst dürfte nach Einschätzung der Bank kaum auf die steigenden Laufzeitprämien reagieren, da ihr eigener Finanzbedingungsindex der 30-jährigen Rendite nur geringes Gewicht beimisst.
Großbritannien trotzt dem Gegenwind
Nicht jede Volkswirtschaft leidet gleichermaßen unter der geopolitischen Unsicherheit. Großbritannien überraschte zuletzt mit robusten Daten – ein willkommener Rückenwind für den neuen Premierminister Andy Burnham vor dem ersten Haushalt seiner Regierung im Oktober. Der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor kletterte im August auf ein Sechs-Monats-Hoch von 52,8 Punkten, während der zusammengesetzte Index mit 52,5 die Erwartungen von 51,5 übertraf. Barclays sieht darin Rückenwind für ein BIP-Wachstum von 0,2 Prozent im dritten Quartal, mit Aufwärtsrisiken durch starke Investitionen in IT-Ausrüstung.
Auch die Verbraucherstimmung hellte sich auf ein Zwei-Jahres-Hoch auf. Die Kehrseite: Die Inflation kletterte im Juli auf 2,9 Prozent, größtenteils bedingt durch die Anhebung der Energiepreisobergrenze, und die Staatsverschuldung liegt weiterhin über dem Pfad der offiziellen Prognosen. Der Balanceakt zwischen Wachstum und Preisdruck bleibt damit auch auf der Insel bestehen.
Nvidia als Nagelprobe für den KI-Boom
Über allem schwebt zudem die Frage, ob der KI-Handel seine hohen Bewertungen rechtfertigen kann. Nvidias Quartalszahlen am Mittwoch gelten als Stimmungsbarometer für die gesamte Technologiebranche, die zuletzt unter der Renditeentwicklung an den Anleihemärkten gelitten hat. Zusätzliche Brisanz erhält der Termin durch Berichte von Bloomberg, wonach steigende Speicherchip-Preise die Kosten für KI-Server mit Nvidia-Prozessoren spürbar erhöhen – für manche Großkunden um mehr als 15 Prozent bei Systemen mit den kommenden Vera-Rubin- und Grace-Blackwell-Chips. Ob Cloud-Anbieter wie Microsoft, Alphabet und Oracle ihre Ausgaben trotz steigender Kosten aufrechterhalten, dürfte mitentscheidend dafür sein, wie lange die aktuelle Investitionswelle noch trägt.
An den europäischen Börsen war die Verunsicherung am Montag bereits spürbar: Der Stoxx 600 gab leicht nach, angeführt von schwächeren Technologiewerten, während Gold von der Nervosität profitierte. Zwischen Ölpreisschock, Zinsspekulationen und KI-Bewertungsfragen bleibt diese Woche eine der richtungsweisendsten des Sommers – Klarheit dürfte sie allerdings kaum liefern.
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