ITM Power notiert bei 1,34 Euro, nahezu unverändert zum Vortag. Der Blick auf die längere Frist zeigt trotzdem ein deutliches Bild: minus 6,25 Prozent auf Monatssicht, satte 48,18 Prozent unter dem Hoch von 2,58 Euro Ende Mai. Selten lagen Optimisten und Pessimisten bei dieser Aktie so weit auseinander. Der Grund: Eine finale Investitionsentscheidung für das schottische Wasserstoffprojekt Cromarty steht noch aus — und sie könnte die Waage in beide Richtungen kippen.
Die entscheidende Frage
Alles hängt an einem Punkt. Wird die finale Investitionsentscheidung für Cromarty tatsächlich getroffen? Und folgen die parallelen Stablegrid-Entscheidungen in Deutschland fristgerecht? Nur dann verwandelt sich der prall gefüllte Auftragsbestand von ITM Power in echte, planbare Umsätze. Bislang ist keine dieser Entscheidungen gefallen. Alle bleiben Erwartungen, keine bestätigten Termine. Bis sich das ändert, dürfte die Aktie eher von Stimmung als von Fundamentaldaten getrieben werden.
Das bullische Szenario
Operativ hat sich einiges verbessert. Der Auftragsbestand wuchs auf 152 Millionen Pfund, der Umsatz im ersten Halbjahr erreichte mit 18 Millionen Pfund einen Rekordwert. Der Anteil profitabler Aufträge kletterte von 60 Prozent im April 2025 auf mittlerweile 71 Prozent. Das Management hat die Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2026 auf eine Spanne von 40 bis 43 Millionen Pfund angehoben.
Die Finanzierung des nächsten Fertigungsschritts steht auf solidem Fundament, nicht nur auf dem Papier. Das britische Ministerium für Energiesicherheit hat einen Zuschuss von 46,5 Millionen Pfund formell bewilligt. Hinzu kommt eine Kapitalspritze von 40 Millionen Pfund durch Great British Energy, angekündigt im April 2026. Beide Summen fließen in die Chronos-Produktionslinie in Sheffield.
ITM Power hat zudem eine Kooperation mit dem deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall unterzeichnet. Bis zu 50 Megawatt Elektrolyseur-Kapazität sind für das Giga-PtX-Programm vorgesehen, das synthetische Kraftstoffe nach NATO-Standard produzieren soll — ein neuer Absatzkanal jenseits klassischer Grünwasserstoff-Käufer. In Deutschland hat die Stablegrid Group ITM Power als Technologiepartner für zwei Energieinfrastruktur-Projekte ausgewählt, zusammen 710 Megawatt Elektrolyseur-Kapazität. Beim zweiten, größeren Projekt mit 680 Megawatt soll die Vorplanung im Januar 2026 beginnen.
Die Sell-Side zieht teilweise mit: Berenberg hat sein Kursziel angehoben. Die Aktie notiert 23,60 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt von 1,08 Euro — der mittelfristige Aufwärtstrend bleibt trotz des jüngsten Rückschlags intakt.
Das bärische Szenario
Das Gegengewicht ist erheblich. Trotz steigender Umsätze bleibt der erwartete EBITDA-Verlust für das Geschäftsjahr 2026 bei 27 bis 29 Millionen Pfund — selbst nach der angehobenen Umsatzprognose. Effizienzgewinne reichen bislang nicht für den Break-even. Der Chronos-Hochlauf ist in dieser Größenordnung unerprobt und birgt technische Risiken bei der kundenspezifischen Automatisierungstechnik. Ein reibungsloser Produktionsstart ist keine Selbstverständlichkeit.
Parallel dazu belasten alte, margenschwache Verträge weiterhin das laufende Geschäftsjahr. Rund 29 Prozent des aktuellen Auftragsbestands bestehen noch aus diesen älteren Projekten, die in den kommenden 18 Monaten abgearbeitet werden müssen.
Entscheidend: Keines der beiden deutschen Großprojekte hat bislang eine finale Bestätigung. Beide warten auf eine Investitionsentscheidung, keines hat sie bereits erhalten. Für das kleinere Rüstringen-Projekt wird die Entscheidung 2026 erwartet — ein genauerer Zeitpunkt wurde nicht genannt. Beim größeren, 680-Megawatt-Projekt liegt der Zeithorizont deutlich weiter weg. Die Vorplanung beginnt im Januar 2026, die finale Investitionsentscheidung wird erst für 2028 erwartet. Der Start der Ingenieurstudien markiert also nur den Anfang, nicht die eigentliche Investitionsfreigabe. Der Großteil der deutschen Kapazität liegt damit selbst im optimistischen Fall noch Jahre von echtem Kapitaleinsatz entfernt. Hinzu kommt scharfer Wettbewerb in einem weiterhin volatilen Grünwasserstoff-Markt. Mindestens eine große Bank hält trotz der verbesserten operativen Story an ihrer vorsichtigen Einschätzung fest.
Ausblick
Solange die Chronos-Finanzierung planmäßig läuft und die Cromarty- und Stablegrid-Entscheidungen sich nur verzögern, statt ganz zu platzen, spricht die Beweislage — Rekordauftragseingang, steigende Auftragsqualität, gesicherte Sheffield-Finanzierung — mittelfristig eher für das bullische Lager. Das passt zum Bild einer Aktie, die trotz des jüngsten Rückgangs weiterhin deutlich über ihrem 200-Tage-Durchschnitt notiert. Verzögert sich die Cromarty-Entscheidung jedoch weiter, oder bleibt die Rüstringen-Entscheidung 2026 aus, könnte das bärische Szenario mit anhaltenden Verlusten und unbewiesener Chronos-Ausführung die Oberhand gewinnen. Die Aktie würde dann Richtung unteres Ende der 52-Wochen-Spanne bei etwa 0,65 Euro tendieren.
Der RSI von 41,8 signalisiert einen Markt, der weder überkauft noch überverkauft ist — Spielraum für eine Bewegung in beide Richtungen bleibt, sobald die ausstehenden Entscheidungen tatsächlich fallen. Die unbestätigte Cromarty-Entscheidung, die für 2026 erwartete Rüstringen-Entscheidung und der deutlich spätere 2028-Zeitplan für das größere deutsche Projekt markieren die nächsten konkreten Schwellen. Sie dürften die derzeit ungewöhnlich große Kluft zwischen bullischer und bärischer Einschätzung der Aktie auflösen.
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