Selten klaffen Analystenmeinungen so weit auseinander wie bei ITM Power. Während Morgan Stanley den Wasserstoff-Elektrolyseur-Hersteller zum Überflieger erklärt, warnt Goldman Sachs vor einem Absturz. Die Aktie selbst schwankt dazwischen wie ein Pendel.
Am Freitag schloss das Papier bei 1,48 Euro, ein Plus von 2,35 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Gewinn von 14,01 Prozent zu Buche. Das folgt auf einen brutalen Einbruch von 27,40 Prozent im vergangenen Monat.
Zwei Banken, zwei Welten
Morgan Stanley hat ITM Power von „Equal-Weight“ auf „Overweight“ hochgestuft. Das Kursziel springt von 60 auf 170 Pence. Die Begründung: Die Bank erwartet den Break-even auf EBITDA-Basis bereits im Geschäftsjahr 2028 – ein Jahr früher als der Marktkonsens.
Der Auslöser für diesen Optimismus ist konkret. Morgan Stanley rechnet vor, dass ITM Power nur rund 200 Megawatt an neuen Aufträgen benötigt, um diese Schwelle zu erreichen.
Goldman Sachs sieht die Sache komplett anders. Die Bank hat ein „Sell“-Rating mit einem Kursziel von 63 Pence vergeben. Ihre Sorge: Der Ausbau der Wasserstoff-Infrastruktur kommt zu langsam voran.
Berenberg schlägt sich derweil auf die bullische Seite. Die Bank hebt ihr Kursziel von 110 auf 200 Pence an. Trotzdem bleibt die Gemengelage unter Analysten gespalten – ein Zeichen dafür, dass viele Häuser das Ausführungsrisiko und den Zeitpunkt möglicher Fortschritte weiterhin skeptisch beurteilen.
Die Bilanz als Rückenwind
Ein Argument spricht eindeutig für die Bullen: die Kassenlage. ITM Power sitzt auf einem Nettobarmittelbestand von 215 Millionen Pfund. Das entspricht laut Morgan Stanley etwa dem Fünffachen der aktuellen Cash-Burn-Rate.
Die Bank bewertet das Unternehmen per Sum-of-the-Parts-Methode mit einem Unternehmenswert von 993 Millionen Pfund im Basisszenario. Die Spanne reicht von 300 Pence im Bull-Case bis 50 Pence im Bear-Case. Dieser Liquiditätspuffer verschafft ITM Power Zeit, seine Projekt-Pipeline abzuarbeiten, auch wenn weiterhin Verluste anfallen.
Charttechnik zeigt fragile Erholung
Trotz der jüngsten Rally bleibt die Aktie weit von ihren Höchstständen entfernt. Sie notiert 42,55 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 2,58 Euro, das am 29. Mai erreicht wurde. Zum 50-Tage-Durchschnitt von 1,75 Euro fehlen noch 15,36 Prozent.
Auf der anderen Seite liegt der Kurs fast 40 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 1,06 Euro. Das zeigt, wie stark die Rally im ersten Halbjahr ausgefallen ist: Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 104,14 Prozent, auf Zwölf-Monats-Sicht sind es 44,21 Prozent.
Der 14-Tage-RSI von 46,7 signalisiert eine neutrale Lage – weder überkauft noch überverkauft. Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 113,55 Prozent bestätigt jedoch: ITM Power handelt weiterhin eher wie eine Wette auf ein binäres Ereignis als wie eine gewöhnliche Industrieaktie.
Der Auftragseingang wird entscheiden
Die Kursziel-Spanne zwischen 63 Pence bei den Bären und 200 Pence bei den Bullen lässt viel Interpretationsspielraum. Ob Morgan Stanleys beschleunigter Zeitplan zur Profitabilität eintrifft oder Goldman Sachs mit seiner Vorsicht richtig liegt, hängt vom Auftragseingang der kommenden Quartale ab. Entscheidend wird sein, ob ITM Power seine Partnerschafts-Pipeline in verbindliche Umsätze umwandeln kann. Bei einer Volatilität von über 113 Prozent bleiben scharfe Kursausschläge in beide Richtungen das wahrscheinlichste Szenario.
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