Manchmal ist das Fehlen einer Nachricht die eigentliche Nachricht. Gestern verlor die IREN-Aktie 3,0 Prozent, ohne dass sich ein konkreter Auslöser finden lässt – kein Analystenkommentar, keine Unternehmensmeldung, kein Branchenschock. Und genau das sagt viel darüber aus, wie es derzeit um Aktien aus dem Umfeld der KI-Rechenzentren steht: Sie schwanken auch dann heftig, wenn eigentlich nichts passiert.
Eine Aktie im permanenten Ausnahmezustand
Wer sich die vergangene Woche ansieht, bekommt ein Gefühl für dieses Muster. Binnen sieben Tagen legte das Papier um 17 Prozent zu – nur um dann am Montag wieder einen Teil davon abzugeben. Diese Sprunghaftigkeit ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Geschäftsmodells im Umbruch: IREN wandelt sich vom Bitcoin-Miner zum Anbieter von KI-Infrastruktur, und dieser Prozess treibt die Fantasie der einen genauso an wie die Skepsis der anderen.
Die fundamentale Erzählung hinter der Aktie ist eigentlich klar umrissen. Management hat vorgegeben, bis Ende Dezember 2026 vier Milliarden Dollar an kontrahierten Jahreserlösen operativ werden zu lassen – ein Vertrag mit NVIDIA über 700 Millionen Dollar Jahreserlös läuft ab 2027 sogar noch obendrauf.
Für das Geschäftsjahr 2027 plant das Unternehmen Investitionen zwischen 25 und 30 Milliarden Dollar, um die GPU-Flotte auf 150.000 Einheiten auszubauen. Das sind Zahlen, die eine Neubewertung rechtfertigen könnten – oder eben auch massive Risiken bergen, sollte auch nur eine dieser Zusagen ins Wanken geraten.
Zwischen Milliarden-Wetten und Buchverlusten
Wer erst kürzlich auf die Aktie gestoßen ist, könnte sich fragen, warum ein Unternehmen mit derart ambitionierten Wachstumsplänen zugleich einen GAAP-Nettoverlust von 684 Millionen Dollar im vierten Quartal des Geschäftsjahres ausweist.
Die Antwort liegt im radikalen Umbau: Eine nicht zahlungswirksame Wertminderung von 450,4 Millionen Dollar auf ausgemustertes Bitcoin-Mining-Equipment sowie eine Abschreibung von 102,1 Millionen Dollar auf Marktwerte machten den Großteil dieses Verlusts aus.
Der Umsatz aus KI-Cloud-Diensten hingegen verdoppelte sich binnen eines Quartals von 33,6 auf 70,5 Millionen Dollar – ein Beleg dafür, wohin die Reise gehen soll, auch wenn die Bitcoin-Vergangenheit in der Bilanz noch nachhallt.
Vor gut einer Woche hatte IREN eine Finanzierung über 2,4 Milliarden Dollar für Compute-Equipment eingefädelt, angeführt von Blue Owl Capital mit Beteiligung von PIMCO – seither steht die Aktie 16,7 Prozent höher.
Vor über einem Monat rückte der Umbau zum KI-Infrastrukturanbieter mit der Auslieferung des ersten Rechenzentrums an Microsoft in den Fokus, seither hat das Papier 2,1 Prozent verloren. Diese gegenläufigen Bewegungen zeigen: Der Markt honoriert frisches Kapital schneller als operative Meilensteine, die sich erst noch in Zahlen niederschlagen müssen.
Analysten sehen noch viel Luft nach oben
Anfang September kamen zwei Stimmen von der Wall Street hinzu, die diese Wachstumsstory stützen. Citizens bekräftigte am 2. September seine Einstufung „Market Outperform“ mit einem Kursziel von 80 US-Dollar und verwies auf die zunehmende Skalierung der Plattform sowie den wachsenden Beitrag der KI-Cloud-Sparte.
Einen Tag später positionierte sich Bernstein-Analyst Gautam Chhugani mit einem Kursziel von 100 US-Dollar sogar noch aggressiver und begründete dies mit dem Potenzial von zwei Gigawatt Bruttostromkapazität bis 2029.
Solche Kursziele implizieren erhebliches Aufwärtspotenzial gegenüber dem aktuellen Niveau. Doch sie sind eben auch Wetten auf eine Zukunft, die von der pünktlichen Umsetzung milliardenschwerer Bauprojekte abhängt. Mit einem Abstand von 5,5 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt bewegt sich die Aktie derzeit in einer Zone, in der sich Zweifel und Zuversicht die Waage halten.
Am 4. November steht mit den Zahlen zum ersten Quartal 2027 der nächste Termin an, der zeigen dürfte, ob die milliardenschwere Wette aufgeht – oder ob die nächste Verlustmeldung die nächste Verunsicherung auslöst.
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