Es gibt Unternehmen, die mit jedem Quartalsbericht eine Wette größer machen. IREN gehört seit dieser Woche endgültig dazu. 25 bis 30 Milliarden Dollar will der australische Rechenzentrumsbetreiber im Geschäftsjahr 2027 investieren – eine Summe, die selbst in der aktuell größenwahnsinnigen KI-Infrastrukturbranche für Aufsehen sorgt.
Und der Co-CEO sagt: Das geht ohne nennenswerte neue Aktien. Die Börse reagierte am Freitag mit einem Kurssprung von 4 Prozent. Die eigentliche Frage aber ist eine andere: Kann ein Unternehmen, das im vergangenen Quartal einen Nettoverlust von 684 Millionen Dollar auswies, glaubhaft behaupten, dass es sein nächstes Megaprojekt aus eigener Kraft stemmt?
Ein Verlust, der eigentlich ein Signal ist
Die Zahlen aus dem vierten Geschäftsquartal, das Ende Juni schloss, klingen zunächst nach Alarm. Der Umsatz blieb mit 137,2 Millionen Dollar deutlich unter den Erwartungen von 157,14 Millionen Dollar.
Der Nettoverlust von 684 Millionen Dollar entstand größtenteils durch nicht-zahlungswirksame ASIC-Abschreibungen von 450,4 Millionen Dollar – IREN wertete also Mining-Hardware ab, während es sein Geschäft in Richtung KI-Cloud verschiebt. Das AI-Cloud-Segment erreichte bereits 70,5 Millionen Dollar und damit 51,4 Prozent des Gesamtumsatzes. Das bereinigte EBITDA lag bei 19,2 Millionen Dollar.
Genau in dieser Verschiebung liegt der eigentliche Kern der Geschichte. IREN baut nicht mehr in erster Linie Krypto-Miner, sondern KI-Rechenkapazität – und zwar in einem Tempo, das kaum ein Wettbewerber mithalten kann. Für 2026 peilt das Unternehmen 300 Megawatt IT-Last an, für 2027 bereits 800 Megawatt, mit einer Bruttokapazität von bis zu 1,2 Gigawatt. Das ist keine Erweiterung, das ist ein Umbau der gesamten Unternehmensidentität in Echtzeit.
Vier Milliarden Dollar als Anker
Was diese gewaltige Kapitalbindung überhaupt trägt, sind vertraglich gesicherte Einnahmen. IREN meldete 4 Milliarden Dollar an jährlich wiederkehrenden Umsätzen (ARR) für die 2026er-Kapazität – ein Sprung von zuvor 3,4 Milliarden Dollar, getragen von einer neuen Mehrjahresvereinbarung mit einem nicht namentlich genannten Frontier-KI-Labor sowie verlängerten Bestandskundenverträgen.
Bis zum Dezemberquartal soll die ARR sogar über 4 Milliarden Dollar steigen, wobei sich Umsatzeffekte aus später hinzukommender Kapazität erst im Märzquartal voll zeigen. Nicht eingerechnet sind dabei rund 700 Millionen Dollar ARR aus einem Nvidia-Vertrag, der erst 2027 anlaufen soll.
Diese Verträge sind das Argument, mit dem das Management die Fremdfinanzierung statt der Kapitalverwässerung rechtfertigt: Wer vier Milliarden Dollar an gesicherten Jahreseinnahmen vorweisen kann, bekommt leichter Kredite als ein Unternehmen, das auf Prognosen hofft.
Anfang August schloss IREN zudem die Übernahme von Mirantis ab – ein Schritt, der die Softwarekompetenz für das Cloud-Geschäft ausbauen soll, auch wenn die Details dazu schmal blieben.
Zwischen Vertrauen und Vorsicht
Nicht alle Beobachter teilen den Optimismus in vollem Umfang. Compass Point senkte sein Kursziel Ende August von 105 auf 85 Dollar, beließ die Kaufempfehlung aber, mit der Begründung, der Kapazitätsausbau für 2027 verlaufe gemessener als zuvor angenommen.
H.C. Wainwright bestätigte am selben Tag ein Kursziel von 90 Dollar bei Kaufempfehlung und verwies dabei ausdrücklich auf die gestiegene ARR-Zahl. Citizens JMP sah ebenfalls Rückenwind und nannte ein Kursziel von 80 Dollar, mit Verweis auf die Dynamik im KI-Cloud-Geschäft.
An der Börse zeigt sich das Ergebnis dieser widersprüchlichen Signale in einer Aktie, die weit von ihrer Euphoriephase entfernt ist. Mit 31,77 Euro liegt sie 54 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 68,61 Euro, das Anfang November erreicht wurde, notiert aber immer noch 48 Prozent über ihrem Jahrestief von 21,51 Euro vom 5. September.
Auf Sicht von zwölf Monaten steht dennoch ein Plus von 27 Prozent – ein Hinweis darauf, dass der Markt die grundsätzliche Wette auf IREN nicht aufgegeben hat, auch wenn er das Timing und die schiere Größe der Investitionen kritisch beäugt.
Die Wahrheit liegt vermutlich zwischen den Extremen: IREN hat mit seinen Vertragsabschlüssen ein Fundament geschaffen, das eine derart aggressive Investitionsstrategie zumindest denkbar macht. Ob 25 bis 30 Milliarden Dollar tatsächlich ohne signifikante Verwässerung finanzierbar sind, wird sich erst zeigen, wenn die ersten Rechnungen fällig werden – nicht, wenn ein Manager es auf einer Analystenkonferenz verspricht.
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