Der Nahost-Konflikt hat sich zur alles überlagernden Variable der Weltwirtschaft entwickelt. Öl über 100 Dollar pro Barrel, geschlossene Meerenge, cancellierte Flüge, steigende Zinsen – die Schockwellen des Iran-Krieges treffen Volkswirtschaften von Sydney bis Nairobi, während die Finanzmärkte auf eine der spannungsreichsten Fed-Entscheidungen seit Jahren warten.
Öl als globaler Fieberthermometer
Rohöl der Sorte Brent notiert über 110 Dollar pro Barrel – ein Anstieg von fast 60 Prozent gegenüber dem Vorkriegsniveau. Die Ursache ist strukturell: Der Strait of Hormuz, durch den täglich rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls fließen, bleibt faktisch geschlossen. Das trifft Importnationen besonders hart.
Australien spürt das bereits in den Verbraucherpreisen. Die Inflation sprang im ersten Quartal auf 4,1 Prozent im Jahresvergleich – der schärfste Anstieg seit Ende 2023. Allein im März stiegen die Kraftstoffpreise um 32,8 Prozent gegenüber dem Vormonat. Die Australische Notenbank hat die Leitzinsen bereits zweimal in diesem Jahr auf 4,1 Prozent angehoben, und Märkte preisen für Mai eine weitere Erhöhung mit 76-prozentiger Wahrscheinlichkeit ein.
Kenya kämpft derweil um Energieversorgungssicherheit. Das ostafrikanische Land, wie viele seiner Nachbarn stark von Kraftstoffimporten abhängig, verzeichnete 2025 ein Wirtschaftswachstum von 4,6 Prozent – solide, aber unter der Regierungsprognose von 5,0 Prozent. Für 2026 erwartet das Statistikamt 4,9 Prozent, warnt aber ausdrücklich: Subsahara-Afrika bleibe „hochgradig anfällig“ für Schocks aus dem Nahen Osten.
Chinas Gratwanderung
Die Volksrepublik jongliert mehrere Krisen gleichzeitig. Einerseits: Das BIP wuchs im ersten Quartal um 5,0 Prozent und traf damit die obere Grenze des Staatsziels. Moody’s hob den Ausblick für China von „negativ“ auf „stabil“ an. Andererseits zeigen sich erste Risse.
Chinas Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe dürfte im April auf 51,1 gefallen sein – gegenüber 50,4 im März. Ein schwacher Wert, aber noch im Wachstumsbereich. Das eigentliche Problem liegt woanders: Die Erzeugerpreise haben nach 41 Monaten Deflation im März gedreht, getrieben von höheren Energiekosten. ANZ-Analysten warnen, dass kostengetriebene Inflation – im Unterschied zu nachfragegetriebener – „nicht freundlich für die Wirtschaft“ sei.
Das zeigt sich auch im Reiseverhalten. Zum Maifeiertag bleiben mehr Chinesen zu Hause. Gestiegene Treibstoffkosten haben eine Welle von Flugstornierungen auf Strecken nach Südostasien ausgelöst – Air China, China Eastern und AirAsia strichen oder reduzierten Verbindungen nach Bangkok, Phuket und Kuala Lumpur. Die Zahl der Flugausfälle über den Feiertag stieg auf 7,4 Prozent, mehr als doppelt so viele wie ein Jahr zuvor. Stattdessen erwartet die China Railway Group 158 Millionen Bahnreisen zwischen dem 29. April und dem 6. Mai – sieben Millionen mehr als im Vorjahr.
Halbleiter als Gegengewicht
Inmitten der Energieturbulenzen gibt es eine klare Ausnahme von der globalen Konjunkturdämpfung: Halbleiter. Südkorea liefert das eindrücklichste Beispiel. Die Exporte des Landes dürften im April zum elften Mal in Folge gestiegen sein – ein Median von 20 befragten Ökonomen erwartet ein Plus von 45,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In den ersten 20 Apriltagen lagen die Halbleiterexporte bereits 182,5 Prozent über Vorjahresniveau.
SK Hynix meldete einen rekordhohen Quartalsgewinn mit einem Fünffachsprung beim Ergebnis. Samsung Electronics prognostizierte, der Quartalsgewinn werde den Gesamtgewinn des Vorjahres übersteigen. KI-getriebene Nachfrage federt für Südkorea ab, was der Ölpreisschock gleichzeitig belastet.
Doch auch der Chip-Boom gerät unter Druck. Berichte, dass OpenAI interne Ziele für Nutzerzahlen und Umsatz verfehlt habe, belasteten am Dienstag Aktien von Oracle und CoreWeave. Der US-Halbleiterindex fiel um 3,6 Prozent – trotz eines Anstiegs von fast 40 Prozent allein im April. Die Bewertungen erinnern Marktbeobachter an das Jahr 2000.
Zentralbanken ohne Kompass
Für Währungshüter ist die Lage heikel. Inflation durch Energiepreise lässt sich nicht mit klassischen Mitteln bekämpfen, ohne gleichzeitig das Wachstum abzuwürgen. Die Bank of Japan hielt die Zinsen stabil, signalisierte aber eine mögliche Erhöhung – sofern die wirtschaftliche Verlangsamung durch den Krieg moderat bleibt. Der Yen hält sich knapp unter der Marke von 160 je Dollar, bei der Interventionen wahrscheinlicher werden.
Im Mittelpunkt steht die US-Notenbank. Fed-Funds-Futures preisen für heute eine einstimmige Zinspause – doch der politische Rahmen könnte sich bald verschieben. Der US-Senat soll noch heute über die Bestätigung von Kevin Warsh als neuen Fed-Chef abstimmen, womit Jerome Powells Amtszeit als Vorsitzender endet. Ob Powell als einfacher Gouverneur bis 2028 bleibt oder zurücktritt, ist offen. Für die Märkte ist das keine Randnotiz: Die Frage, wie Warsh das Verhältnis zwischen Fed und Weißem Haus gestalten wird – Trump drängt lautstark auf schnelle und aggressive Zinssenkungen –, dürfte die Geldpolitik noch lange beschäftigen.
Ausblick: Zwei Szenarien
Die Weggabelung ist klar. Sollte eine Lösung im Iran-Konflikt gefunden werden und der Strait of Hormuz sich wieder öffnen, könnten Ölpreise fallen, Inflationsdruck nachlassen und Zentralbanken wieder Spielraum gewinnen. In diesem Szenario würde der Technologie-Boom die Weltwirtschaft weiter stützen.
Bleibt die Eskalation, verschärft sich das Dilemma: steigende Inflation trifft auf gedämpftes Wachstum – ein klassisches Stagflations-Szenario, das Notenbanken in aller Welt in eine ausweglose Lage bringt. Dass Trump laut Medienberichten bereits Weisungen vorbereitet, den Druck auf Iran auszuweiten, lässt wenig Raum für schnellen Optimismus.
