Schlaflose Nächte in Handelssälen von Shanghai bis New York. Rohöl über 100 Dollar. Anleiherenditen im freien Fall. Seit dem gemeinsamen US-israelischen Angriff auf Iran Ende Februar ist an den globalen Finanzmärkten kaum ein Stein auf dem anderen geblieben — und die Erschütterungen weiten sich täglich aus.
Der Krieg im Nahen Osten hat das Finanzsystem in eine Art Ausnahmezustand versetzt, der alte Risikomodelle zerstört und Notenbanken rund um den Globus in ein geldpolitisches Dilemma treibt. Was als regionaler Konflikt begann, entfaltet inzwischen die Wucht eines systemischen Schocks.
Keine sicheren Häfen mehr
„Es gibt keinen Ort, an dem man sich verstecken kann“, bringt es Rajeev De Mello vom Genfer Vermögensverwalter GAMA Asset Management auf den Punkt. Anleihen liefern keinen Schutz, der Yen und der Schweizer Franken versagen als klassische Krisenwährungen, Gold verbucht mit einem Rückgang von rund 16 Prozent im März den stärksten monatlichen Verlust seit 2008. Wer Risiko reduzieren will, muss verkaufen — und genau das geschieht.
Die Schließung der Straße von Hormus durch Iran, durch die rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggashandels fließt, hat das Gespenst der Stagflation geweckt: hohes Preisniveau bei gleichzeitig schwachem Wachstum. Brent-Rohöl hält sich über 107 Dollar je Barrel. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen sind in diesem Monat um 46 Basispunkte gestiegen — der schärfste Anstieg seit Oktober 2024.
Besonders hart trifft es Asien. Südkoreas KOSPI verlor allein in dieser Woche rund 8,5 Prozent, Japans Nikkei liegt gut 10 Prozent unter seinem Februar-Hoch. US-Aktien hielten sich mit einem Monatsminus von etwa 6 Prozent vergleichsweise besser, der Nasdaq aber rutschte offiziell in Korrekturgefilde. Citi-Analysten warnen, dass in den schlimmsten Szenarien das globale Wachstum unter 2 Prozent fallen und die Inflation weltweit über 4 Prozent klettern könnte.
Zentralbanken im Dilemma
Für die Notenbanken ist der Krieg eine geldpolitische Zwickmühle der schlimmsten Art. Steigende Energiepreise treiben die Inflation — gleichzeitig bremst der Ölschock das Wachstum. Wie reagieren, wenn beides gleichzeitig zutrifft?
Norwegens Norges Bank lieferte diese Woche ein eindrucksvolles Beispiel für die Verwirrung: Hatte sie zuvor noch drei Zinssenkungen bis 2028 angekündigt, dreht sie nun offen über mögliche Zinserhöhungen nach. In den USA preisen die Märkte inzwischen eine rund 50-prozentige Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung bis Dezember ein — ein dramatischer Stimmungswechsel gegenüber den Erwartungen vor Kriegsbeginn, als noch über Lockerungen spekuliert wurde.
Beim EZB-Rat herrscht erkennbare Zurückhaltung. Zyperns Notenbankchef Christodoulos Patsalides warnt vor überstürzten Entscheidungen. „Ich würde keine voreiligen Schritte unternehmen“, sagte er. Das EZB-Basisszenario — Inflation kurzzeitig über 3 Prozent, danach Rückkehr zum Ziel — halte bisher stand. Inflationserwartungen auf längere Sicht seien noch gut verankert. Gleichwohl räumt er ein, dass die Risiken asymmetrisch nach oben verteilt sind: Der Inflationsschock von 2021/22 könnte Haushalte und Unternehmen sensibler für neue Preiswellen machen.
Die Bank of Japan steht vor einem ähnlich undankbaren Abwägungsprozess. Kazuo Momma, ehemaliger BOJ-Direktor und heute Chefökonom bei Mizuho Research, erwartet, dass die Notenbank in ihrem Quartalsbericht nächsten Monat vor stark divergierenden Inflationsszenarien warnen wird. Einerseits droht dem rohstoffarmen Japan durch hohe Energiepreise und den schwachen Yen zusätzlicher Inflationsdruck; anderseits gefährdet der externe Schock das Wirtschaftswachstum. „Ob die Inflationsrisiken größer sind als das Rezessionsrisiko, lässt sich derzeit kaum sagen“, so Momma. Die BOJ werde bis zuletzt ringen — wohl auch bei ihrer Sitzung am 27. und 28. April.
Regierungen in der Defensive
Während Notenbanken zögern, handeln Regierungen im Asien-Pazifik-Raum mit wachsender Dringlichkeit. Südkorea plant einen Notankauf von Staatsanleihen im Umfang von 5 Billionen Won sowie ein Zusatzbudget von 25 Billionen Won, das unter anderem Konsumgutscheine und Unternehmenshilfen umfasst. Japan setzt rund 800 Milliarden Yen Reservemittel ein, um Benzinpreise zu subventionieren — bei Kosten von bis zu 300 Milliarden Yen monatlich. Australien hat die Leitzinsen bereits zweimal in diesem Jahr auf 4,10 Prozent angehoben und könnte im Mai erneut nachziehen.
In Großbritannien sinkt derweil das Verbrauchervertrauen auf den tiefsten Stand seit elf Monaten. Das GfK-Konsumklima fiel im März auf minus 21 Punkte. „Die Menschen glauben schlicht nicht, dass die Wirtschaft robust genug ist, um die Folgen des Nahost-Konflikts abzufedern“, kommentiert Neil Bellamy von GfK. Benzin ist um rund 50 Prozent teurer geworden, die OECD hob ihre Inflationsprognose für Großbritannien auf durchschnittlich 4 Prozent für das laufende Jahr an.
Trumps Pausen-Taktik verpufft
US-Präsident Donald Trump hat seinen Angriff auf iranische Energieinfrastruktur nun bereits zweimal verschoben — zuletzt bis zum 6. April. Die Märkte reagierten zunehmend gleichgültig. Brent-Öl gab nach der jüngsten Ankündigung weniger als 1 Prozent nach, Wall-Street-Futures erholten sich nur moderat. Viele Investoren sehen darin kein echtes Deeskalationssignal, sondern lediglich ein Hinauszögern. Berichte über mögliche weitere 10.000 US-Bodentruppen im Nahen Osten tun ihr Übriges.
Der US-Dollar bleibt in diesem Umfeld die einzige wirklich nachgefragte Zuflucht — auf Monatssicht der stärkste Anstieg seit Juli letzten Jahres. „Der Dollar ist König, solange dieser Konflikt andauert“, urteilt Carol Kong von der Commonwealth Bank of Australia.
Wann die Märkte wieder Boden finden, hängt letztlich von einer Frage ab, die niemand zuverlässig beantworten kann: Wie lange dauert der Krieg noch? Bis dahin bleibt für viele Marktteilnehmer das Ziel schlicht, gut zu schlafen.
