Ein Waffenstillstand, 11th-hour ausgehandelt, vermittelt durch Pakistan — und die Finanzmärkte weltweit atmen auf. Der Iran-Krieg, der seit Ende Februar die globale Wirtschaft in Atem hält, hat tiefe Spuren hinterlassen. Der kurzfristige Erleichterungsrally verdeckt jedoch, was Anleger und Zentralbanken längst ahnen: Die Welt nach dem Konflikt sieht anders aus als die davor.
Ölmarkt im Umbruch
Brent-Rohöl fiel nach der Waffenstillstandsmeldung erstmals seit zwei Wochen wieder unter die Marke von 100 Dollar pro Barrel — ein dramatischer Kursrutsch von über 13 Prozent auf zeitweise 94,85 Dollar. Zum Vergleich: Vor Kriegsbeginn lag der Preis bei rund 70 Dollar. Auf dem Höhepunkt der Krise, als die Straße von Hormus effektiv blockiert war, schoss er auf bis zu 120 Dollar.
Durch diese Meerenge fließt etwa ein Fünftel des weltweiten Ölangebots. Die Blockade traf vor allem asiatische Länder, die stark von Öl-Importen abhängig sind, aber auch Europa, das Flüssiggas aus dem Persischen Golf bezieht. US-Präsident Donald Trump ließ auf Social Media verlauten, die USA würden beim „Rückstau“ im Hormus-Seeverkehr helfen — „[b]ig money will be made“, schrieb er mit gewohntem Aplomb.
Trotz des Kursrückgangs bleiben die Öl-Preise deutlich über dem Vorkriegsniveau. Noch entscheidender: Die EIA-Lagerdaten vom 8. April zeigten einen überraschenden Anstieg der US-Rohölinventare um 3,081 Millionen Barrel — erwartet worden war ein Rückgang von einer Million Barrel. Ein weiterer Dämpfer für die Bullen, der darauf hindeutet, dass die Nachfrage kurzfristig schwächelt. Auch die jüngsten Bestände folgen auf einen bereits hohen Aufbau von 5,451 Millionen Barrel in der Vorwoche.
Zinswende auf Eis: Notenbanken im Wartemodus
Der kurze, intensive Energiepreisschock hat etwas freigelegt, was viele Marktbeobachter ungerne aussprechen: Inflation ist in den großen Volkswirtschaften seit Jahren nicht wirklich besiegt worden.
„Dieses temporäre Ölpreisschock hat Anleger der Wahrheit nähergerbracht — dass die Inflation in den letzten drei Jahren hartnäckig hoch geblieben ist“, sagt Andrew Lilley, Chefstratege für Zinsen bei der australischen Investmentbank Barrenjoey.
Die Konsequenzen sind spürbar. Fed-Funds-Futures, die zu Jahresbeginn noch zwei US-Zinssenkungen für 2026 einpreisten, sehen jetzt kaum noch eine 50-prozentige Chance für eine einzige Senkung. Zentralbanken in Indien und Neuseeland ließen ihre Leitzinsen zwar unverändert, bereiteten aber das Terrain für mögliche Erhöhungen vor. Die Reservebank Neuseeland machte klar: „Deutliche Zweitrundeneffekte bei der Inflation würden entschlossene und zeitnahe Zinserhöhungen erfordern.“
Prashant Newnaha von TD Securities bringt es auf den Punkt: „Zinssenkungen sollten vom Tisch sein.“
Auch für Japan eröffnet der Waffenstillstand paradoxerweise Spielraum für Zinserhöhungen. Laut Naka Matsuzawa, Chefstratege bei Nomura, „war die BoJ vollkommen bereit, die Zinsen auch ohne die Nahost-Unsicherheit anzuheben. Der Waffenstillstand gibt ihr jetzt einen guten Grund, im April voranzugehen.“
Kapitalflucht aus Schwellenländern
Während westliche Märkte am Mittwoch rally-ten, zeigen Daten des Institute of International Finance (IIF) das ganze Ausmaß der März-Verwerfungen: Ausländische Investoren zogen im vergangenen Monat 70,3 Milliarden Dollar aus Schwellenländern ab — der größte Abfluss seit dem Pandemieschock im März 2020.
Besonders hart traf es Asien. Die 56 Milliarden Dollar schweren Abflüsse aus Schwellenländer-Aktien waren der größte Verlust in mindestens 20 Jahren. Südkorea etwa hatte in den ersten zwei Monaten des Jahres knapp 50 Prozent Kursgewinn angehäuft — und dann rund ein Drittel davon wieder abgegeben.
IIF-Ökonom Jonathan Fortun nennt das eine „konzentrierte Risikoaversion“, kein systemweites Ereignis. Ob März der Hochpunkt der Liquidierung war, hängt maßgeblich vom weiteren Verlauf des Waffenstillstands ab. „Höhere Inflation, verzögerte Lockerung der globalen Finanzkonditionen, ein festerer Dollar und geringere geldpolitische Flexibilität in anfälligen Schwellenländern würden es schwer machen, die Kapitalflüsse rasch zu stabilisieren“, warnt Fortun.
China hält Kurs — und braucht keine Zinssenkungen mehr
Anders als viele regionale Nachbarn zeigt China relative Widerstandsfähigkeit. Große Investmentbanken wie Goldman Sachs und ANZ haben ihre Erwartungen für chinesische Zinssenkungen gestrichen. „Wir sehen keinen klaren Katalysator für eine Leitzinssenkung 2026″, schreibt Goldman-Ökonom Xinquan Chen.
China profitiert von höheren Öl- und Gasreserven und der deflationären Ausgangslage, die dem Land etwas Puffer gegenüber dem globalen Inflationsdruck verschafft. Gleichzeitig will die Notenbank eine „angemessen lockere“ Geldpolitik beibehalten — über Reservepflicht-Senkungen statt über Leitzinsänderungen.
Industrie und Bau unter Druck
Auf der realwirtschaftlichen Ebene sind die Folgen des Krieges ebenfalls sichtbar. Deutschlands Industrieaufträge stiegen im Februar zwar um 0,9 Prozent — lagen damit aber weit unter den erwarteten 2,0 Prozent. Das Inlandsgeschäft brach sogar um 4,4 Prozent ein. „Träge Inlandsnachfrage und strukturelle Probleme belasten die Aktivität“, kommentierte Jupp Zenzen vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).
In Großbritannien schrumpfte die Baubranche im März bereits den 15. Monat in Folge. Der PMI-Index für Bau stieg auf 45,6, blieb aber deutlich unter der Wachstumsschwelle von 50. Fast die Hälfte aller befragten Unternehmen meldete gestiegene Kosten — Treibstoff, Transport, Rohstoffe — und schob dies direkt auf den Nahost-Krieg.
Ausblick: Erholung, aber keine Rückkehr
Der Waffenstillstand ist ein Erleichterungssignal. Ob er zur Stabilisierung reicht, bleibt offen. Analysten von BCA Research mahnen, dass „eine kurzfristige Entspannung im Iran-Konflikt keine mittelfristigen und strategischen Spannungen auslöscht.“ Shell strich bereits seinen Gasproduktionsausblick für das erste Quartal und warnte vor anhaltender Unsicherheit — die Londoner Aktie verlor daraufhin über sechs Prozent.
Die Märkte preisen Hoffnung ein. Aber die Welt, in der Zentralbanken locker mit Zinssenkungen hantieren konnten, existiert vorerst nicht mehr.
