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Iran-Krise lähmt die Weltmärkte

Die Eskalation im Iran-Konflikt führt zu massiven Kursverlusten an der Wall Street, drückt die globalen Wachstumsprognosen und treibt die Ölpreise über 110 Dollar. Die Märkte warten auf die Reaktion auf Trumps Ultimatum.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Wall Street verliert durch Tech-Abverkäufe
  • Ölpreise steigen auf über 110 Dollar je Barrel
  • UBS senkt Eurozone-Wachstumsprognose deutlich
  • Lieferkettenprobleme erreichen Vier-Jahres-Hoch

Der Countdown läuft. Bis Dienstagabend, 20 Uhr Ostküstenzeit, hat Donald Trump dem Iran ein Ultimatum gestellt: Öffnet die Straße von Hormuz — oder die USA zerstören Brücken und Kraftwerke im Land. Die Drohung hallt durch die globalen Finanzmärkte, und die Nervosität ist spürbar.

Wall Street unter Druck

Der S&P 500 verlor am Dienstag knapp 1%, der Nasdaq gab 1,45% nach. Technologiewerte zogen den Markt besonders nach unten — Apple büßte allein 3,8% ein. „Was Sie gerade an der Marktreaktion sehen, ist die Erkenntnis, dass ein Ende des Konflikts nicht so nah ist, wie viele gehofft hatten“, erklärte Chris Zaccarelli, Chief Investment Officer bei Northlight Asset Management.

Einzelne Lichtblicke gab es dennoch. Broadcom legte 3% zu, nachdem der Chiphersteller einen langfristigen Vertrag mit Googles Mutterkonzern Alphabet zur Entwicklung von KI-Prozessoren unterzeichnet hatte — inklusive Netzwerkkomponenten für KI-Rechner bis 2031. Analysten von Vital Knowledge sehen darin sogar „Aufwärtsrisiken“ für Broadcoms bisher genannte KI-Umsatzprognose von über 100 Milliarden Dollar bis 2027. Auch Gesundheitswerte profitierten: UnitedHealth schoss 7,7% nach oben, nachdem Washington höhere Zahlungen für private Medicare-Advantage-Versicherer ankündigte.

Energieaktien legten im S&P 500 um 1,8% zu — ein direktes Abbild steigender Ölpreise. Brent-Rohöl notierte bei über 110 Dollar je Barrel, WTI sogar bei knapp 114 Dollar. Vor dem Krieg lag Brent bei rund 70 Dollar.

Hormuz, Teheran und das Spiel auf Zeit

Die Straße von Hormuz ist effektiv gesperrt. Rund ein Fünftel des weltweiten Öls fließt durch diesen engen Korridor vor Irans Südküste — seit Wochen passieren ihn kaum noch Tanker. Trump hat unmissverständlich klargestellt: Ohne Wiedereröffnung des Seewegs gibt es keinen Waffenstillstand.

Teheran seinerseits stellte Vorbedingungen für „dauerhafte Friedensgespräche“: sofortiger Stopp aller Angriffe, Garantien gegen Wiederholung und Schadensersatz. Unter einem permanenten Waffenstillstand will Iran zudem Durchfahrtsgebühren für Schiffe erheben — je nach Schiffstyp und Ladung. Ein US-Angriff auf Irans Kharg Island, ein zentraler Knotenpunkt iranischer Ölexporte, hat die Lage zusätzlich eskaliert. Gleichzeitig warnte Teheran, bei weiterer Eskalation auch den Bab el-Mandeb, eine weitere strategische Meeresenge, zu blockieren.

Pakistan vermittelt fieberhaft. Irans Botschafter in Islamabad schrieb auf Social Media von einer „kritischen, sensiblen Phase“ — ohne Details. Trump lässt die Tür zu einer diplomatischen Lösung einen Spalt breit offen. Ob es reicht, wird sich bis zum Abend zeigen.

Globale Wachstumsrisiken nehmen zu

Die wirtschaftlichen Kollateralschäden des Konflikts sind längst global. UBS kürzte seine Wachstumsprognose für die Eurozone für 2026 um 0,5 Prozentpunkte auf 0,8% — und warnt vor weiteren Abwärtsrisiken, sollte der Krieg andauern. Deutschland trifft es besonders hart: Die Bank halbierte die deutsche BIP-Prognose für 2026 auf 0,6%, wegen des hohen Anteils energieintensiver Industrie. Italien kommt auf 0,5%, Frankreich auf 0,9%. Spanien, das als „Wachstumschampion“ der großen Volkswirtschaften gilt, zeigt sich mit 2,2% vergleichsweise robust.

Auch Großbritannien leidet. Die Bank of America senkte ihre britische Wachstumsprognose auf 0,6% für 2026, während die Inflationsprognose auf 3,5% stieg. Der Grund: Energiepreise dürften bis Jahresende hochbleiben, mit Ölpreisen nahe 100 Dollar und britischen Gaspreisen bei rund 190 Pence je Therm. Die Bank of England, so die Erwartung, könnte im Juni und Juli zweimal die Leitzinsen um je 25 Basispunkte erhöhen.

Auf den Philippinen hat der Energiepreisschock die Inflation bereits über das Zielband der Zentralbank gedrückt: Im März stieg die Teuerungsrate auf 4,1% — Diesel verteuerte sich gegenüber dem Vorjahr um fast 60%. Die Zentralbank behielt den Leitzins zwar bei 4,25%, kündigt aber an, die Datenlage bis zur nächsten Sitzung am 23. April genau zu beobachten.

Investitionen und Lieferketten unter Beschuss

Kurzfristig zeigen die US-Investitionsdaten noch keine Kriegsfolgen — die Februar-Zahlen für Kernkapitalgüter übertrafen die Erwartungen. Bestellungen stiegen um 0,6%, Lieferungen um 0,9%. Doch Ökonomen warnen, dass Unternehmen im März und April zunehmend auf Abwarten umgeschaltet haben. „Meine Basisprognose bleibt, dass der Energiepreisanstieg nicht mehr als einige Monate anhält — was bestenfalls eine Investitionspause bedeutet“, sagte Stephen Stanley von Santander US Capital Markets.

Besorgniserregend: Die Lieferzeiten der Zulieferer stiegen im März auf ein Vier-Jahres-Hoch, wie eine ISM-Umfrage zeigt. Boeing verzeichnete im Februar nur 21 zivile Flugzeugbestellungen nach 107 im Januar — ein Einbruch, der die Durable-Goods-Daten belastete. Gestützt wird die Investitionsdynamik weiterhin vom KI-Boom: Rechenzentren und Hochleistungschips bleiben gefragt, unabhängig von geopolitischer Turbulenz.

Heißes Kapital, kalte Nerven

Dass Schwellenländer in Krisenzeiten besonders verwundbar sind, unterstreicht der IWF in seinem aktuellen Global Financial Stability Report. 80% der ausländischen Finanzierungsströme in Emerging Markets stammen inzwischen von Portfolioinvestoren wie Hedgefonds und Pensionskassen — doppelt so viel wie vor 20 Jahren. Kapital, das schnell kommt, verlässt die Märkte genauso schnell. Der ungarische Forint etwa, der letztes Jahr noch 20% gegenüber dem Dollar gewann, hat seit Kriegsbeginn deutlich nachgegeben.

Wie weit sich die Nervosität ausbreitet, hängt entscheidend vom heutigen Abend ab. Die Märkte warten — und die Uhr tickt.

Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.