Der Nahe Osten hält die Finanzmärkte in Atem. Ein Monat nach dem Waffenstillstand zwischen den USA und Iran zeigen sich gefährliche Risse — und die Schockwellen treffen Volkswirtschaften von Berlin bis Tokio, von Moskau bis Washington.
Hormuz: Der Flaschenhals der Weltwirtschaft
Die Lage an der Straße von Hormuz spitzt sich erneut zu. Die Vereinigten Arabischen Emirate gaben am Montag eine Raketenwarnung heraus — die erste seit Inkrafttreten des Waffenstillstands. Kurz zuvor hatten iranische Drohnen einen Öltanker des staatlichen Abu Dhabi National Oil-Konzerns getroffen. Brent-Rohöl stieg daraufhin um 2,5 Prozent auf knapp 111 Dollar je Barrel.
US-Präsident Donald Trump hatte am Wochenende das sogenannte „Project Freedom“ angekündigt: eine Militäroperation zur Wiedereröffnung der Meerenge für den Schiffsverkehr. Zwei US-Frachtschiffe passierten die Straße bereits mit militärischer Begleitung. Iran reagierte mit Warnschüssen auf US-Kriegsschiffe. Der Patt dauert an.
Die Straße von Hormuz war vor Kriegsausbruch der Transitweg für rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggashandels. Ihre anhaltende Blockade ist kein regionales Problem mehr — sie ist ein globaler Wirtschaftsfaktor.
Wie viel Schmerz verträgt die US-Konjunktur?
Die unmittelbaren Auswirkungen auf die amerikanische Wirtschaft erscheinen bislang begrenzt. Wie Wolfe Research-Analystin Stephanie Roth festhält, bleibt der Konsum solide, das Wachstum im ersten Quartal war stark. Doch der Schein trügt.
Der Puffer kommt von zwei Seiten: Fiskalisch hat das „One Big Beautiful Bill“ rund 188 Milliarden Dollar an Konsumstimuli freigesetzt — mehr als genug, um die gestiegenen Benzinpreise abzufedern. Auf der Investitionsseite läuft das KI-Investitionsprogramm der Technologiekonzerne auf Hochtouren: Wolfe schätzt die annualisierten KI-Kapitalausgaben auf rund 582 Milliarden Dollar, was allein fast einem Viertel des nominalen BIP-Wachstums im ersten Quartal entspricht.
Doch Roth warnt: „Der Schock baut sich unter der Oberfläche auf.“ Eine weitere Ölpreiserhöhung um 30 bis 35 Dollar je Barrel, die Benzin über fünf Dollar pro Gallone treiben würde, könnte den Puffer aufzehren. Hinzu kämen eine Verlangsamung der KI-Investitionen oder eine Verschärfung der Finanzbedingungen als mögliche Auslöser einer deutlicheren Eintrübung.
Märkte werden die Antworten auf diese Fragen diese Woche teilweise bekommen. Der Arbeitsmarktbericht für April steht an — Ökonomen erwarten lediglich 73.000 neue Stellen nach 178.000 im März. Das wäre ein deutlicher Rückgang.
Russland: Keine Entlastung durch hohe Ölpreise
Wer gehofft hatte, Russland würde vom Ölpreisboom profitieren, wird enttäuscht. Das regierungsnahe Forschungsinstitut TsMAKP senkte seine Wachstumsprognose für 2026 auf 0,5 bis 0,7 Prozent — noch im April waren es 0,9 bis 1,3 Prozent. Im ersten Quartal schrumpfte die russische Wirtschaft bereits um 0,3 Prozent.
Der Grund: Ukrainische Drohnenangriffe auf Häfen und Raffinerien sowie neue westliche Sanktionen haben die Ölförderung und -exporte stärker belastet als erwartet. Hohe Weltmarktpreise bringen wenig, wenn das Öl nicht den Hafen verlässt. Das staatliche Budget erhielt zwar rund 200 Milliarden Rubel an Zusatzeinnahmen durch den Preisanstieg — doch das kompensiert nur frühere Fehlbeträge.
Merz und die transatlantische Bewährungsprobe
Für Deutschland trifft die Krise auf einen Kanzler, der ohnehin unter Druck steht. Friedrich Merz begeht diese Woche seinen ersten Jahrestag im Amt — unter denkbar schwierigen Vorzeichen. Trump kündigte 25-prozentige Zölle auf europäische Autoimporte an und ordnete den Abzug von mindestens 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an.
Ausgelöst hat Trumps Verärgerung offenbar eine Äußerung von Merz gegenüber Studenten, die USA hätten im Iran-Krieg keine Exitstrategie und würden „gedemütigt“. Trumps einstiger Favorit unter den europäischen Regierungschefs ist damit in Ungnade gefallen.
Für die deutsche Autoindustrie — ohnehin durch chinesische Konkurrenz geschwächt — kommt die Zollerhöhung von 15 auf 25 Prozent im wichtigsten Exportmarkt zur Unzeit. Finanzminister Lars Klingbeil brachte es auf den Punkt: „Vieles hängt von Deutschland ab.“ Die Frage ist, ob Deutschland liefern kann.
Notenbanken suchen die Balance
Inmitten dieser Unsicherheiten jonglieren die Zentralbanken mit widersprüchlichen Signalen. Die US-Notenbank Fed ließ ihren Leitzins zuletzt unverändert bei 3,5 bis 3,75 Prozent — in der umstrittensten Entscheidung seit den frühen 1990er-Jahren, vier Mitglieder des Offenmarktausschusses votierten gegen die Erklärung.
Die Bank of Japan könnte dagegen im Juni ihren Leitzins anheben, falls sich die Lage im Nahen Osten stabilisiert — so die Einschätzung von Barclays. Die japanischen Unternehmen hätten sich daran gewöhnt, höhere Kosten weiterzugeben, und die Inflation bleibe ein vorrangiges Problem für Premierministerin Takaichi.
Die Reserve Bank of Australia dürfte die Zinsen diese Woche um 25 Basispunkte erhöhen. Schweden und Norwegen werden voraussichtlich stillhalten, aber auf Aufwärtsrisiken beim Inflationspfad hinweisen — eine direkte Folge des anhaltenden Energieschocks.
Was bleibt offen
Das Muster ist klar: Die Straße von Hormuz ist mehr als ein geopolitischer Brennpunkt — sie ist zum Taktgeber der globalen Konjunktur geworden. Solange der Konflikt nicht gelöst ist, bleibt die Unsicherheit hoch, die Ölpreise bleiben erhöht, und die Spielräume der Notenbanken enger.
Ob Trumps „Project Freedom“ die Lage entspannt oder weiter eskaliert, dürfte diese Woche entscheidend sein.
