Sechs Monate nach Beginn der US-israelischen Angriffe auf Iran ist von einem schnellen Sieg keine Rede mehr. Was Donald Trump einst als „kleinen Ausflug“ bezeichnete, der binnen vier Wochen beendet sein sollte, ist zu einem zähen Stellungskrieg geworden. Die Straße von Hormus bleibt blockiert, Teheran zeigt sich unnachgiebig – und in Washington wächst der politische Druck.
Am Freitag jährt sich der Kriegsbeginn zum sechsten Mal. Statt eines Durchbruchs herrscht diplomatischer Stillstand: Die US-Regierung hat das im Juni in Versailles unterzeichnete Memorandum of Understanding offiziell für tot erklärt, wie das Wall Street Journal berichtete. Nach Bekanntwerden der Nachricht sprang der Brent-Ölpreis über 88 Dollar je Barrel, während Aktienindizes nachgaben – ein Beleg dafür, wie nervös die Märkte auf jede Wendung im Konflikt reagieren.
Wirtschaftskrieg statt Diplomatie
Trump selbst stellte am Donnerstag klar: „Wir wollen nicht mit ihnen sprechen. Wir suchen kein Treffen.“ Stattdessen setzt Washington auf maximalen wirtschaftlichen Druck. Mit „Operation Economic Outcast“ verhängte das Finanzministerium am 25. August Sanktionen gegen fast 60 Entitäten und weitete Sekundärsanktionen auf fünf Sektoren aus – digitale Vermögenswerte, Technologie, Gold, Luftfahrt und Schifffahrt. Finanzminister Scott Bessent nannte es einen „wirtschaftlichen Großangriff auf Irans globale Finanzverbindungen“.
Auch Außenminister Marco Rubio signalisierte Verbündeten, dass neue Militärschläge vorerst unwahrscheinlich seien. Die Logik dahinter: Wenn Bomben Teheran nicht zum Einlenken bewegen konnten, soll es der finanzielle Würgegriff richten. Iran zeigt sich davon bislang unbeeindruckt. Die Revolutionsgarde erklärte, die Straße von Hormus könne nur im Rahmen des ursprünglichen Abkommens geöffnet werden – zu Bedingungen, die Iran selbst diktiert. Vermittlungsversuche aus Pakistan, Oman und Katar verliefen diese Woche allesamt ergebnislos. „Das alte Memorandum ist in jeder Hinsicht tot“, brachte es Nahost-Experte Umer Karim von der University of Birmingham auf den Punkt.
Trumps politischer Preis
Für Trump wird der Konflikt zunehmend zur innenpolitischen Belastung. Seine Zustimmungsrate ist laut Reuters/Ipsos seit Kriegsbeginn von 40 auf 33 Prozent gefallen, nur 31 Prozent der Amerikaner befürworten den Krieg überhaupt – ein deutlich schlechterer Wert als etwa beim Afghanistan-Einsatz, der über Jahre hinweg Zustimmungsraten über 50 Prozent hielt. Steigende Benzinpreise untergraben ausgerechnet das Wahlversprechen, mit dem Trump 2024 angetreten war: sinkende Lebenshaltungskosten.
Das bringt die Republikaner vor den Kongresswahlen im November in eine schwierige Lage, zumal die Partei nur knappe Mehrheiten in beiden Kammern verteidigt. Innerhalb der Partei wächst zudem der Riss zwischen isolationistischen Stimmen, die ein schnelles Kriegsende fordern, und Hardlinern, die weiteren militärischen Druck auf Teheran verlangen.
Iran angeschlagen, aber keineswegs am Boden
Militärisch hat Iran erheblich gelitten. Nach Angaben des US-Nahost-Kommandeurs Admiral Brad Cooper wurden 161 iranische Marineschiffe zerstört und 82 Prozent der Luftabwehr außer Gefecht gesetzt. Die einst aktive iranische Luftwaffe fliegt praktisch keine Einsätze mehr. Dennoch verfügt Teheran weiterhin über Drohnen und Raketen und hat wiederholt Schiffe sowie US-Militäreinrichtungen in der Region angegriffen. Von Irans ursprünglichem Raketenarsenal konnten die USA nach eigenen Angaben nur etwa ein Drittel mit Sicherheit als zerstört bestätigen.
Wirtschaftlich zeigt sich das Ausmaß der Krise besonders deutlich: Die Lebensmittelinflation kletterte im Juli auf 128 Prozent im Jahresvergleich. Paradoxerweise hat der äußere Druck die inneren politischen Gräben in Iran eher überdeckt und zu einer härteren Repression gegen Kritiker geführt – ein Muster, das in autoritär regierten Krisenstaaten häufig zu beobachten ist.
Beim zentralen Kriegsziel Trumps, der Verhinderung einer iranischen Atombombe, zeichnet sich immerhin ein Teilerfolg ab. US-Geheimdienste schätzten im Mai die „Breakout-Zeit“ – also die Zeit bis zur Herstellung von ausreichend spaltbarem Material für eine Bombe – auf bis zu ein Jahr, gegenüber zuvor sechs Monaten. Allerdings bleibt unklar, wo sich rund 440 Kilogramm auf 60 Prozent angereichertes Uran befinden, da IAEA-Inspektoren seit den Angriffen keinen Zugang mehr zu den Anlagen haben.
Region und Märkte unter Dauerspannung
Die Destabilisierung reicht weit über Iran hinaus. Golfstaaten wurden selbst Ziel iranischer Raketen- und Drohnenangriffe, während Huthi-Angriffe auf saudisch verbundene Schifffahrt im Roten Meer zusätzlich Versicherungs- und Transportkosten in die Höhe treiben. Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus liegt weiterhin deutlich unter dem Normalniveau – zuletzt bei rund zehn sichtbaren Frachtschiffstransits täglich, verglichen mit einem Zehn-Tage-Schnitt von etwa 15.
Auch Israel selbst steht vor politischer Unsicherheit: JPMorgan rechnet damit, dass die Parlamentswahl am 27. Oktober den Schekel um bis zu drei Prozent bewegen könnte. Sollte die Opposition unter dem früheren Generalstabschef Gadi Eisenkot siegen – wofür die Bank derzeit 55 Prozent Wahrscheinlichkeit ansetzt –, könnte sich die Währung aufgrund nachlassender Sorgen um Justizreformen stabilisieren. Ein erneuter Sieg Netanjahus dagegen könnte den Schekel um bis zu drei Prozent schwächen.
Global betrachtet fiel der wirtschaftliche Schaden geringer aus als zunächst befürchtet. Der IWF senkte seine Wachstumsprognose zwar zweimal auf zuletzt 3,0 Prozent für 2026, doch moderne Volkswirtschaften sind heute weniger energieabhängig als während der Ölkrisen der 1970er-Jahre – und der anhaltende KI-Investitionsboom federt einiges ab.
Ausblick: Kein Ende in Sicht
Für die US-Streitkräfte hinterlässt der Krieg tiefe Spuren: 18 gefallene und über 750 verwundete Soldaten, 42 verlorene Flugzeuge und ein Verbrauch von rund 65 Prozent der Patriot-Abfangraketen. Die USS Gerald R. Ford absolvierte den längsten Einsatz seit dem Vietnamkrieg. Ob Trumps Strategie des wirtschaftlichen Würgegriffs Teheran tatsächlich zum Einlenken bewegt, bleibt sechs Monate nach Kriegsbeginn ebenso offen wie die Frage, wie lange Washington seine militärischen Ressourcen noch in diesem Ausmaß binden kann.
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