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Iran-Krieg spaltet Weltmärkte

Die globalen Finanzmärkte reagieren höchst unterschiedlich auf den Iran-Krieg: Europa profitiert von stabilen Werten, während Japan Inflation und Südkorea eine Spekulationsblase verkraften.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Europa erreicht Rekordhoch trotz Krieg
  • Japan: Inflation und Zinserhöhung erwartet
  • USA verschärfen Sanktionen gegen Iran
  • Südkorea: KI-Blase geplatzt, Milliardenverluste

Ein Krieg, ein Ölpreisschock, verschärfte US-Sanktionen – und mittendrin Anleger, die völlig unterschiedlich reagieren. Während Europas Börsen nahe Rekordhochs notieren, kämpft Japan mit anziehender Inflation und Südkorea verarbeitet die Nachwehen einer Spekulationsblase. Der seit Monaten schwelende Iran-Krieg zieht seine Kreise durch die gesamte Weltwirtschaft, doch die Folgen fallen von Kontinent zu Kontinent erstaunlich unterschiedlich aus.

Europa trotzt dem Krieg – vorerst

Der STOXX 600 nähert sich Rekordniveaus, der Euro steht mit 1,17 Dollar auf einem Drei-Monats-Hoch. Noch im März hatte der Ausbruch des US-Iran-Kriegs die „Europa“-Wetten der Anleger pausieren lassen, aus Sorge vor einem neuen Energieschock. Jetzt ist das Gegenteil eingetreten: Europäische Aktien verzeichneten in der Woche zum 12. August Zuflüsse von 2,44 Milliarden Dollar, die höchsten seit Ende Februar.

Der Grund liegt auch in dem, was Europa nicht ist: kein AI-Hotspot. Während südkoreanische Tech-Werte im zweiten Quartal um fast 70 Prozent explodierten und danach um 20 Prozent einbrachen, bleibt der europäische Leitindex von solchen Ausschlägen verschont. Technologie macht gerade einmal 10 Prozent des Index aus, dominiert wird er von Finanzwerten, Industrie und Gesundheit. „Es gibt große Diversifikationsvorteile innerhalb Europas“, sagt Niall Gallagher von Jupiter Asset Management. Hinzu kommt eine für STOXX-600-Unternehmen erwartete Gewinnwachstumsrate von 24,1 Prozent im zweiten Quartal – der stärkste Wert seit fast vier Jahren.

Auch die Zinspolitik spricht für den Kontinent. Klarere Signale der Europäischen Zentralbank stehen im Kontrast zur Verwirrung um die US-Notenbank, wo die Kommunikation des neuen Fed-Chefs Kevin Warsh Fragen aufwirft. Selbst steigende Staatsanleihen-Renditen treffen Deutschland weniger hart als die USA: Die Schuldenquote liegt hierzulande bei gut 60 Prozent der Wirtschaftsleistung, in Amerika bei rund 120 Prozent.

Japan zwischen Preisdruck und Zinswende

Ganz anders die Lage in Japan. Die Kerninflation zog im Juli auf 1,8 Prozent im Jahresvergleich an, nach 1,6 Prozent im Juni – Firmen geben steigende Importkosten durch den schwachen Yen und den Krieg weiter. Die um Energie und Frischwaren bereinigte Kernrate, die von der Bank of Japan besonders genau beobachtet wird, kletterte sogar auf 1,9 Prozent.

Parallel meldete die Industrie das stärkste Auftragswachstum seit Januar 2018. Der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe stieg im August auf 55,1 Punkte, angetrieben von starker Nachfrage aus der Halbleiter- und KI-Branche. Diese Gemengelage aus robuster Konjunktur und anziehenden Preisen bringt die Notenbank in Zugzwang. Bereits im Juni hatte sie den Leitzins auf ein 31-Jahres-Hoch von 1 Prozent angehoben, für die Sitzung am 17. und 18. September wird ein weiterer Schritt auf 1,25 Prozent erwartet.

„Die Kerninflation dürfte sich angesichts der erneuten Spannungen im Nahen Osten weiter beschleunigen“, sagt Ökonom Masato Koike. Andere Analysten rechnen damit, dass die Teuerung im Herbst die Zwei-Prozent-Marke überschreitet und bis März 2027 sogar über drei Prozent klettert – Rückenwind für weitere Zinsschritte, aber auch eine Belastung für Verbraucher.

USA drehen an der Sanktionsschraube

Der eigentliche Auslöser dieser globalen Verwerfungen bleibt der Krieg selbst. US-Finanzminister Scott Bessent kündigte an, Washington werde „die härtesten Sanktionen der Geschichte“ gegen Iran verhängen – Details sollen kommende Woche folgen. Präsident Trump hatte zuvor mit „Wirtschaftskrieg“ gegen jedes Land gedroht, das dem Regime eine „Lebensader“ biete. Iran, seit der Revolution von 1979 an Sanktionen gewöhnt, wies die Drohungen als „Wirtschaftsterrorismus“ zurück.

Die Ölpreise reagierten prompt und stiegen auf ein Drei-Wochen-Hoch, mittlerweile liegt Brent fast 40 Prozent über dem Vorjahreswert. Pikant: China kauft über 80 Prozent der iranischen Ölexporte, was Washington vor ein Dilemma stellt – schärfere Maßnahmen gegen Peking riskieren Vergeltung bei kritischen Rohstoffen wie Seltenen Erden.

Die Nervosität hat längst die Anleihemärkte erfasst. Die US-Staatsschuld hat erstmals die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten, die Rendite 30-jähriger Treasuries kletterte auf den höchsten Stand seit 2007. Bessents überraschende Ankündigung erhöhter Anleihen-Rückkäufe konnte den Renditeanstieg nur kurz bremsen – tags darauf notierten zehnjährige Papiere bereits wieder über 4,70 Prozent. Auch Japans zehnjährige Anleihe nähert sich der Drei-Prozent-Marke, dem höchsten Niveau seit Mitte der 1990er-Jahre. Selbst Deutschland, mit vergleichsweise soliden Staatsfinanzen, verzeichnet die höchsten Bund-Renditen seit 2011 – ein Zeichen, dass steigende Schuldenlasten längst kein rein amerikanisches Problem mehr sind.

Südkoreas teurer Kater nach der KI-Euphorie

Während Europa vom begrenzten AI-Exposure profitiert, zeigt Südkorea die Schattenseite des Booms. Der KOSPI ist seit seinem Hoch am 19. Juni um 30 Prozent eingebrochen, nachdem gehebelte Einzelaktien-ETFs private Anleger in eine Spekulationswelle getrieben hatten. Kreditfinanzierte Wetten summierten sich auf rekordhohe 29,8 Billionen Won, ehe die Ernüchterung einsetzte. Laut einer Citi-Schätzung verloren Kleinanleger rund 38,7 Milliarden Dollar mit gehebelten Produkten – begleitet von einer spürbaren Zunahme psychischer Belastungen im Land.

Als Reaktion auf die Krise plant die Regierung von Präsident Lee Jae Myung nun einen „Zukunftsfonds“, der Steuermehreinnahmen aus dem Chipboom von Samsung und SK Hynix bündeln und in Jugendförderung sowie KI-Investitionen lenken soll – Medienschätzungen zufolge könnte er über 100 Billionen Won umfassen. Es ist der Versuch, aus einer außer Kontrolle geratenen Euphorie wenigstens langfristigen Nutzen zu ziehen.

Ausblick

Die kommenden Wochen dürften zeigen, ob Europas Sonderkonjunktur trägt oder nur eine Verschnaufpause ist. Sollte sich das US-Wachstum abschwächen und Zweifel an der amerikanischen Schuldentragfähigkeit aufkommen, könnte sich das Blatt schnell wenden. Bis dahin bleibt der Iran-Krieg der gemeinsame Nenner, der Ölpreise, Notenbankpolitik und Anlegerstimmung von Frankfurt über Tokio bis Seoul gleichermaßen prägt – nur eben mit sehr unterschiedlichen Vorzeichen.

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Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.