Der Iran-Krieg hält die globalen Finanzmärkte in Atem. Drei Monate nach den US-israelischen Luftangriffen vom 28. Februar kämpfen Notenbanken von Frankfurt bis Tokio mit denselben Gespenstern: Energiepreisschocks, schwankende Anleihemärkte und Verbraucher, deren Vertrauen auf tönernen Füßen steht.
Doppelte Narbe in der Eurozone
Die Europäische Zentralbank warnt in einem aktuellen Forschungsbeitrag vor einem besonders tückischen Phänomen. Eurozone-Konsumenten tragen bereits die Wunden der Ukraine-Krise, als der Energiepreisschock 2022 die Inflation auf über 8% trieb. Diese Erfahrung macht sie jetzt hypersensibel.
Fast die Hälfte der Befragten in der EZB-Konsumerwartungsumfrage gaben im März 2026 an, besonders auf Preisveränderungen zu achten — ein Anteil, der sonst nur bei zweistelliger Inflation zu beobachten war. Damals lag die Teuerung noch bei rund 2%, dem EZB-Zielwert. EZB-Ökonom Olivier Coibion spricht von einer möglichen „doppelten Narbe“: Die Erinnerung an finanziellen Stress verstärkt die Empfindlichkeit gegenüber neuen Schocks.
Die Folgen könnten gravierend sein. „Das macht stagflationäre Szenarien — steigende Preise bei sinkendem Wachstum — ausgeprägter und persistenter in der Wahrnehmung der Bevölkerung,“ schreiben die Forscher. Zwar sind die Ölpreise von ihrem April-Hoch von über 120 US-Dollar je Barrel zurückgekommen, nachdem Hoffnungen auf einen Friedensdeal aufkamen. Doch der Schaden im Verbrauchervertrauen sitzt tief. Eine Zinserhöhung der EZB bei ihrer nächsten Sitzung gilt als nahezu sicher.
Japan zwischen Zinserhöhung und Yen-Absturz
Japan zeigt eindrücklich, wie sich verschiedene Krisenstränge zu einem schwer entwirrbaren Knoten verdichten. Der Yen fiel am Donnerstag auf 159,65 je Dollar — das schwächste Niveau seit Ende April, als Japan zuletzt vermutlich direkt in den Devisenmarkt eingriff. Rund 63 Milliarden US-Dollar gab Tokio in mehreren Interventionstranchen aus, um die Währung zu stützen.
Japan ist nahezu vollständig auf Ölimporte angewiesen. Der Energiepreisschock durch den Iran-Krieg trifft das Land deshalb mit besonderer Wucht und lastet zusätzlich auf dem Yen. Finanzministerin Satsuki Katayama versicherte zwar erneut, zu „entschiedenem Handeln“ bereit zu sein. Doch Strategen sind skeptisch: Je mehr Devisenreserven schrumpfen, desto angreifbarer wird Japan für Spekulanten, mahnt Daisaku Ueno von Mitsubishi UFJ Morgan Stanley Securities.
Währenddessen liefern die Konjunkturdaten ein gemischtes Bild. Die Industrieproduktion stieg im April überraschend um 0,8% — Analysten hatten einen Rückgang erwartet. Treiber waren vor allem Halbleiterausrüstungen und Maschinenbau, beflügelt durch die globale KI-Nachfrage. Auch der Einzelhandel zeigte sich mit 2,1% Jahreswachstum robuster als prognostiziert. Gleichzeitig verlangsamte sich die Tokioter Kerninflation im Mai auf 1,3% — zum vierten Mal in Folge unter dem BOJ-Ziel von 2%.
Balanceakt für die Bank of Japan
Dieser Widerspruch stellt die Notenbank vor ein Dilemma. Auf der einen Seite sprechen die robusten Wirtschaftsdaten für eine Zinserhöhung von 0,75% auf 1,0% bei der BOJ-Sitzung am 15. und 16. Juni — eine Erwartung, die Märkte fest eingepreist haben. Auf der anderen Seite wächst der Druck, das laufende Programm zur Reduzierung der Anleihebestände zu pausieren.
Die 10-jährige japanische Staatsanleihe erreichte zuletzt ein 30-Jahres-Hoch von 2,8% — gefährlich nahe an der 3%-Marke, die das Finanzministerium für seinen Haushalt als Belastungsgrenze ansetzt. Eine Kombination aus Zinserhöhung und Taper-Pause könnte den gordischen Knoten lösen, wie Mari Iwashita von Nomura Securities argumentiert: Die Pause dämpft den Aufwärtsdruck auf Anleiherenditen, während der Zinsschritt signalisiert, dass die BOJ inflationären Risiken nicht hinterherläuft.
Politischen Rückenwind erhält diese Option durch Premierministerin Sanae Takaichi, die auf schuldenfinanzierte Ausgaben setzt und steigende Anleiherenditen fürchtet wie der Teufel das Weihwasser.
China: KI-Boom contra Kostendruck
Die chinesische Wirtschaft kämpft mit ihren eigenen Widersprüchen. Das offizielle Einkaufsmanagerindex-Ergebnis für das verarbeitende Gewerbe, das am Sonntag veröffentlicht wird, soll laut Ökonomen-Konsens auf genau 50 gefallen sein — die Schwelle zwischen Wachstum und Schrumpfung. Im April lag der Wert noch bei 50,3.
Während die Hormuz-Straße weitgehend gesperrt blieb und Logistikkosten die Produzenten belasteten, sorgte ausgerechnet der globale KI-Boom für einen Puffer: Exporte von Elektronikprodukten sprangen an. Lenovo stieg in Hongkong in einer Woche um fast 50% — der größte wöchentliche Kursanstieg seit 1997. Dell erhöhte seine Prognose für KI-Server-Umsätze und sah seine Aktie nachbörslich um 39% schießen.
Beim Immobilienmarkt ist die Lage weniger glänzend. Chinas Hauspreise sollen in diesem Jahr um 3,5% fallen — etwas weniger als die 4% aus der März-Prognose. Eine echte Erholung ist frühestens 2027 in Sicht. Schwaches Verbrauchervertrauen, Jobsorgen und industrielle Überkapazitäten bremsen die Binnennachfrage. Peking verfolgt eine Strategie der kontrollierten Stabilisierung, nicht der aggressiven Reflation.
Wochenende der Entscheidung
Über allem schwebt die Frage, ob der Iran-Friedensdeal tatsächlich zustande kommt. Quellen zufolge haben Washington und Teheran eine Einigung zur Verlängerung des Waffenstillstands und zur Wiedereröffnung der Hormuz-Straße erzielt — das letzte Wort liegt bei Präsident Trump.
Fällt sein Ja, könnte sich die Risikoprämie an den Energiemärkten rasch abbauen, was Notenbanken weltweit Handlungsspielraum verschaffte. Bleibt die Einigung aus, droht der nächste Aufwärtsdruck bei Ölpreisen — und mit ihm eine neue Runde im Nervenkrieg zwischen Geldpolitik, Fiskalpolitik und Märkten.
